Steillagen im Douro-Tal: Heimat von Perleidechse, Wiedehopf und Wein
Douro ist keine einfache Weinregion. Der Fluss hat sich über Jahrmillionen tief in das Gebirge eingegraben. Wer hier Wein anbaut, kämpft gegen Hitze, Trockenheit und steile Hänge. Delinat-Winzerin Carla Ferreira macht all das trotzdem schon seit fast vier Jahrzehnten. Ihr Betrieb in der portugiesischen Weinregion Douro ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass die Erhaltung der Biodiversität und erstklassige Weinqualität Hand in Hand gehen können. Ein Besuch in einer Landschaft, die Welterbe ist und einzigartige Weine hervorbringt.
Text
Olivier Geissbühler
Videoblogger 20.07.2026
Wer zum ersten Mal ins Douro-Tal kommt, ist überwältigt. Terrassierte Hänge, Schiefergestein und spektakuläre Weinberge. Die UNESCO hat diese Landschaft 2001 zum Weltkulturerbe erklärt als eine der ältesten bepflanzten Weinregionen der Welt. «Diese schöne Landschaft hier, ich weiss gar nicht, was ich euch sagen soll. Ich liebe meine Region einfach », sagt Carla Ferreira zu Beginn unseres Gesprächs. «Sie ist für mich so besonders, weil ich hier im Douro aufgewachsen bin mit einer Philosophie der Bodenerhaltung, der Biodiversität und des Respekts gegenüber den Pflanzen.»
Steillagen-Weinbau bedeutet harte Arbeit
Doch hinter dieser Schönheit verbirgt sich harte Arbeit. Um zu verstehen, was Winzerinnen und Winzer täglich leisten, muss man sich die Geografie des Douro vor Augen führen. Viele Weinberge liegen auf Terrassen, die in den Hang gehauen wurden. Vieles muss zu Fuss, von Hand und mit menschlichem Körpereinsatz erledigt werden. «Es ist anspruchsvoll, weil in Steillagen der Maschineneinsatz schwieriger ist», erklärt Carla. «Wir haben auch eine geringere Bepflanzungsdichte.» Das hat direkte wirtschaftliche Konsequenzen: Weniger Reben pro Hektar bedeuten mehr Aufwand pro Flasche und höhere Kosten.
Eine Herausforderung sind auch die sogenannten Taludes, die Terrassenmauern aus trocken geschichtetem Schiefer, die die Hänge in bewirtschaftbare Flächen verwandeln. Sie halten den Boden auf den Hängen. Ohne sie würde die Erde bei starkem Regen ins Tal gespült. «Die Terrassenmauern sind anspruchsvoll im Unterhalt», sagt Carla. «Gute Arbeitskräfte sind schwer zu finden, Handarbeit ist sehr teuer, und wir wollen weder Herbizide noch Pestizide verwenden.»
Neben dem Arbeitsaufwand ist die Erosion die grösste Gefahr für Steillagenwinzer. Carla ist froh, dass ihr Betrieb bislang vor grossen Schäden verschont geblieben ist. «Für uns ist es einfacher zu erhalten, weil wir niedrige Terrassen mit guter Wasserableitung haben und daher noch nie einen Erosionsfall hatten, bei dem wir die Böden hätten wiederherstellen müssen.» Der jährliche Niederschlag im Douro liegt bei gerade mal 300 bis 400 Millimetern, für europäische Verhältnisse ausserordentlich trocken. Das verringert das Erosionsrisiko, macht aber gleichzeitig die Wasserversorgung der Reben zur Herausforderung. Entscheidend für die Erosionsprävention sind laut der Delinat-Winzerin mehrere Faktoren: die Höhe der Terrassen, ihre Breite, die Ausrichtung der Reben in Relation zum Hangrelief. «Es ist sehr wichtig, dass wir die Weinberge so bewahren, dass wir den Boden vor Erosion schützen, sowohl durch die Hangneigung als auch durch die Ausrichtung der Reben.»
Leben zwischen den Reben: Terrassen voller Biodiversität
Für seltene Tier- und Pflanzenarten sind die terrassierten Lagen besonders wertvoll. Die Trockensteinmauern sind Lebensraum für eine erstaunliche Artenvielfalt. In den Spalten nisten und überwintern Tiere, die in intensiv bewirtschafteten Weinbergen längst verschwunden sind.
«Wir haben hier eine grosse Biodiversität, weil wir aktiv dafür sorgen und weil wir eine grosse Hilfe haben, nämlich all jene Zonen mit natürlicher Vegetation um unsere Weinberge herum», erklärt Carla. Diese dienen als Refugium und Vernetzungskorridor für Tiere und Pflanzen.
In den Steinmauern von Carlas Rebbergen selbst findet man sogar die seltenen Perleidechsen – die grünblauen Eidechsen des Mittelmeerraums, die bis zu neunzig Zentimeter lang werden können und zu den schönsten Reptilien Europas zählen. Sie jagen Insekten und sind ein sicheres Zeichen für einen gesunden, pestizidfreien Lebensraum. «Die Eidechsen gibt es bei uns wirklich, aber es ist nicht leicht, sie zu sehen. Sie verstecken sich gut», schmunzelt Carla.
Auch kleine Schlangen und Skorpione trifft man öfter in den Weinbergen an, als einem lieb ist. Wer aufmerksam durch Carlas Weinberge geht, sieht mit etwas Glück auch den Wiedehopf, jenen seltenen, bunten Vogel mit dem fächerartigen Federbusch, der in alten Mauern und Hohlräumen nistet und mit seinem melodischen «Wup-Wup- Wup» einen unverkennbaren Ruf hat. Der Wiedehopf gilt als Indikatorart: Wo er vorkommt, ist das Ökosystem intakt. Er braucht gesunde Böden zum Stochern nach Larven, alte Strukturen zum Nisten und ein pestizidfreies Umfeld.
Kurzum: Er liebt das, was Carla und gleichgesinnte Winzer hier schaffen. Und diese gern gesehenen Weinbergsbewohner haben es sogar auf die Etikette von Carla Ferreiras Weinen geschafft: Der Wein «Bou Bela» ist dem seltenen Wiedehopf gewidmet, «Sardo» ist die Perleidechse, die in den Steillagen von Carla Ferreira ein Zuhause gefunden hat.
Eine Tradition, die fast verloren ging
«Früher, hier im Douro, war die gesamte Landwirtschaft biologisch. Man jätete das Unkraut von Hand und verwendete lediglich biologische Pflanzenschutzmittel wie Schwefel und Kupfer», erinnert sich Carla. Doch dann kamen in den 1960er- und 1970er-Jahren synthetische Pestizide und Herbizide. Sie erhöhten die Erntesicherheit kurzfristig, aber sie hatten ihren Preis: Die Böden verarmten, die Wasserläufe wurden verseucht, und das traditionelle Wissen über naturnahen Anbau geriet in Vergessenheit. «Es kam eine Zeit, in der die naturnahe Bewirtschaftung vollständig verloren ging», erzählt Carla.
«Und jetzt wollen einige Weingüter und auch die Kundschaft zu dieser Tradition zurückkehren. Ich finde das wunderbar.» Ihr Antrieb für ökologischen Weinbau ist eine Mischung aus Erziehung, Erinnerung an früher und Überzeugung. Sie hat erlebt, wie die Region am Douro früher war. Und sie wünscht sich, dass sie auch für kommende Generationen so erhalten bleibt. Dass biologische Produktion mehr kostet und das für viele Konsumentinnen und Konsumenten eine Hürde ist, weiss die portugiesische Winzerin. Aber sie setzt das ins Verhältnis. Wer billig kauft, zahlt woanders: mit dem Ökosystem, mit den Böden, mit der Gesundheit der Menschen, die diese Produkte herstellen. Ihre Hoffnung: «Vielleicht beginnt man, weniger zu konsumieren, dafür aber Besseres.»
Vielleicht etwas weniger Wein, dafür Wein, der qualitativ gut ist. Ein gesundes Ökosystem ergibt gesunde Trauben. Gesunde Trauben brauchen weniger Eingriffe im Keller. Und weniger Eingriffe bedeuten oft ehrlichere, ausdrucksstärkere Weine. Der biologische Steillagen-Weinbau im Douro ist vergleichsweise teuer, anspruchsvoll und oft unbequem. Aber er bewahrt etwas, das man nicht einfach wiederherstellen kann, wenn es einmal verloren gegangen ist: eine Kulturlandschaft mit jahrhundertealter Geschichte, mit seltenen Tierarten und mit Böden, die gesund sind.
Auf die Frage nach ihrer täglichen Motivation antwortet Carla ohne Zögern. Es sind nicht die Auszeichnungen ihrer Weine, wie kürzlich die Goldmedaille für ihren Wein «Intensive» bei den VINUM «Best of Portugal» Awards, oder die Verkaufszahlen. Sie zeigt auf ihre Mitarbeitenden: «Diese Menschen hier, mein Team: Ohne sie würde ich das alles nicht schaffen. Sie sind es, die mir die Kraft geben, das alles zu erhalten.»
Über die Autorin
Olivier Geissbühler, Videoblogger
«Nature is always right» – das gilt auch in der Weinproduktion. Mit der Kamera kann ich bei zukunftsweisenden Projekten von der Rebenzüchtung bis zum Endprodukt hautnah mit dabei sein, wie aus reicher Natur köstliche Weine entstehen.