Bioweinbau fördert Artenvielfalt
Warum Biowein Vögeln und Reptilien hilft: Was kreucht und fleucht im Weinberg, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Wo Bioweinbau gelebt wird, kehrt die Natur zurück. Und mit ihr ein Gleichgewicht, das keinen Pestizideinsatz braucht.
Text
Emil Hauser
Weinakademiker 02.06.2026
Trockenmauern und Asthaufen: Lebensraum für Eidechsen
Zur Förderung der Lebenskreisläufe können in Rebbergen zusätzliche Strukturelemente wie Asthaufen und Trockenmauern angelegt werden. Solche bewusst vorgenommenen Massnahmen ziehen Reptilien wie Eidechsen und weitere Lebewesen geradezu an. Bieten sie ihnen doch Verstecke, Sonnenplätze und Jagdrevier. Zudem offerieren sie einen unvergesslichen Anschauungsunterricht in Sachen Biodiversität: Diese Strukturelemente werden von bis zu 250 Arten bewohnt, allein an Eidechsen kommen schnell sechs bis acht Arten zusammen. Im Douro Superior zählt dazu auch der mächtige Sardão – so etwa in den Weinbergen von Delinat-Winzerin Carla Ferreira.
In unverputzten Fugen von Bruchsteinmauern siedeln sich bevorzugt sogenannte «Mauerspaltenbewohner» an: Mauerraute, Braunstieliger Streifenfarn, Mauer-Leinkraut, Zimbelkraut, Gelber Lerchensporn, Hauswurz, Fetthenne und viele mehr. Dieselben Mauerfugen bieten Reptilien wie Schlangen und Eidechsen Unterschlupf und Jagdrevier. Eidechsen sind dabei weit mehr als bloss faszinierende Bewohner des Rebbergs: Als wichtige Räuber tragen sie wesentlich zur Reduktion schädlicher Insektenpopulationen bei. Sie ernähren sich von Käfern, Raupen, Heuschrecken und Spinnen und übernehmen damit auf natürlichem Weg jene Aufgabe, für die andernorts Pestizide eingesetzt werden.
Was kriecht, lockt an, was fliegt
Ein Rebberg, der von Insekten und Kleintieren lebt, zieht auch die Vögel an. Vogelarten wie der Wiedehopf und die Dohle, einst in vielen Weinregionen selten geworden, kehren dort zurück, wo ökologischer Weinbau praktiziert wird, weil sie wieder genug Insekten vorfinden.
Die Österreichische Vogelwarte beobachtet diese Entwicklung am Wagram in Niederösterreich mit wachsender Freude: Vor 20 Jahren konnte man dort nur einzelne Wiedehopf-Paare sichten. Heute ist ihr charakteristischer «Wup-Wup-Wup»-Ruf immer öfter zu hören. Das Winzerehepaar Maria und Andreas Harm hat dem seltenen Wiedehopf mit dem Grünen Veltliner Ried Goldbühl gar einen Wein gewidmet.
Weniger Insektizide und gezielt begrünte Böden erhöhen die Artenvielfalt der Insekten und damit das Nahrungsangebot für viele Vogelarten. Auch Steinkauz, Heidelerche, Bienenfresser und die Dohle profitieren davon. Arten, deren Bestände im konventionellen Weinbau jahrzehntelang unter vergifteten Insekten gelitten haben.
Der Wiedehopf wiederum hält seinerseits das Gleichgewicht der Natur intakt: Im Frühling, wenn Vogelküken proteinreiche Nahrung brauchen, schnappt er sich Engerlinge und andere Schädlinge. Er schliesst damit einen Kreislauf, der ohne menschliches Zutun funktioniert.
Lebensräume im Weinberg gezielt gestalten
Um solche Wirkungen zu erzielen, braucht es bewusst gestaltete Lebensräume. Stauden, Hecken, etwas Totholz, einige Hochstamm-Obstbäume, Kleingewässer wie Pfützen und Tümpel, Steinlinsen, Steinhaufen, Asthaufen und Trockenmauern – all das sollte im Umkreis von mindestens 50 Metern gezielt angelegt oder erhalten werden, statt im Sinne einer Flurbereinigung zu verschwinden. Diese Massnahmen sind somit eine Investition in die Resilienz des Rebbergs, in die Qualität der Traube und in die Zukunft eines Weinbaus, der mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie.
Über die Autorin
Emil Hauser, Weinakademiker
Für mich hat Wein archaische, urprüngliche Wesenszüge, welche sich nicht eindeutig in Worte fassen lassen. Mich der Materie Schritt um Schritt zu nähern, wird mich noch über viele Jahre in Atem halten.