Der Hang zum Wein: Timo Dienhart und die Steillagen an der Mosel
An der Mosel, wo Hänge bis zu 65 Prozent Steigung erreichen, bewirtschaftet Timo Dienhart sein Weingut zur Römerkelter nach den Delinat-Grundsätzen. Ein Gespräch über Steillagenarbeit, gelebte Biodiversität und Weine, die erzählen, woher sie kommen.
Text
Nina Wessely
Redaktorin 04.08.2026
Es gibt Weinberge, die man befahren kann. Hier macht der Traktor die Laubarbeit, bringt biologische Präparate aus und im Herbst das Traubengut nach Hause. Dazu zählen Timo Dienharts Weingärten an der Mosel nicht. Denn hier, wo die Hänge stellenweise mehr als 65 Prozent Steigung erreichen, gehören Raupen statt Traktoren zum Alltag, und manches geht schlicht nur zu Fuss und von Hand.
Timo Dienhart kennt jeden dieser Hänge genau. Er ist hier aufgewachsen, hat das Weingut zur Römerkelter in Maring-Noviand von seinem Vater Hans übernommen und aus einem bereits aussergewöhnlichen Pionierbetrieb etwas noch Aussergewöhnlicheres gemacht. Seit 1995 ist der Betrieb zertifiziert biologisch und Mitglied bei ECOVIN, schon zuvor haben die Böden und die Reben viel Liebe erfahren.
Das ist die gelebte Geschichte am Weingut Römerkelter, die man im Boden spürt und den Weinbergen ansieht. Denn Timo Dienharts Weingärten leben, flattern, krabbeln und gedeihen. Für Timo ist biologischer Weinbau die einzig logische Antwort auf das, was Boden, Klima und Biodiversität von uns verlangen. Und man kann gar nicht anders, als Timo Dienhart zu glauben, wenn man ihn so, mit Jeans und schwarzem T‑Shirt auf die Sense gestützt, in seinen Weinbergen sieht. Timo Dienhart lebt, was er tut.
Jede Steillage ein eigener Fall für sich
Dabei ist gerade die Arbeit hier an der Mosel kein einfaches Unterfangen, erzählt der Winzer. «Es ist ein weites Feld mit den Steillagen», sagt Timo Dienhart und meint damit nicht nur die Fläche, sondern die schiere Komplexität der Arbeit in diesem extremen Gelände. Wo andere Betriebe Maschinen einsetzen, braucht er das Doppelte bis Dreifache an Manpower pro Hektar. Weinbau an der Mosel muss man wollen. «Manche Arbeiten lassen sich von Hand besser erledigen als maschinell », erklärt der Winzer.
Die Arbeit ist selektiver, schonender, präziser. Aber auch teurer. Er nennt die Sense in seiner Hand als Beispiel: Wer händisch mäht, entscheidet selbst, was stehen bleibt. Die Königskerze da, eine Wildkräuterecke dort: Alles, was Artenvielfalt fördert, darf bleiben. Etwa zwei Drittel seiner Fläche bewirtschaftet Timo in echten Steillagen. Ab 65 Prozent Steigung kommt nur noch Naturbegrünung infrage. Hier regiert die natürliche Artenvielfalt. Was zwischen den Rebzeilen wächst, wächst.
Der reine Schieferboden stellt dabei ohnehin eigene Anforderungen: karg, trocken, nicht immer einfach für Einsaaten. Aber ein Segen für den Riesling, der in dieser mineralischen Erde seine unverwechselbare Charakterstärke entwickelt. Auch auf PIWISorten wie den Sauvignac schwört er, da auch diese das besondere Terroir fein widerspiegeln.
Integrierte Biodiversität
Auch aufgrund der speziellen Bedingungen an der Mosel stellt Timo Dienhart seine Saatmischungen selbst zusammen. Roggen, Leguminosen, Wildkräuter und Blütenpflanzen ergeben eine ausgetüftelte Komposition, die den Boden anreichert, das Grundwasser rein hält, Erosion verhindert, Insekten Lebensraum bietet und den Boden lebendig hält. Zum Stärken der Reben setzt er auf Komposttee.
Dieser wirkt sanft aber effizient, im Einklang mit der Bodenbiologie. Was 2018 mit der Auszeichnung als Delinat-Biodiversitätswinzer des Jahres gewürdigt wurde, zieht längst weite Kreise. Timos Spezialsaat kommt heute nicht nur auf den eigenen zehn Hektar zum Einsatz, sondern auch auf weiteren 200 Hektar von befreundeten Winzern. «Wir haben viele Nachbarn mit unserer Art zu arbeiten infiziert», so beschreibt er das selbst mit einem Lachen, das verrät, wie viel ihm daran liegt.
«Es ist, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schiessen», sagt er über den Einsatz von Breitbandherbiziden. Die Schäden für die Biodiversität stehen in keinem Verhältnis zum vermeintlichen Nutzen. Der Kollege spart sich mühevolle Arbeit mit der Hacke, aber wo bleibt denn der Respekt für die Natur?
Dirigent statt Chirurg
Timo Dienhart sieht sich in seiner Arbeit als Winzer wie eine Art Dirigent: beobachten, lenken, wachsen lassen, wo es Sinn macht. Und kein Hineinschneiden, Durchackern, Skalpieren – wie es ein chirurgischer Ansatz vorsieht. Agroforst ist für ihn vielmehr gelebte Realität. Birken, Eichen, Ahorne, der seltene heimische Speierling, Haselsträucher und Hagebutten wachsen auf seinem Land.
Zukünftig will er mit Minibagger und patenter Bewässerung dafür sorgen, dass neu gepflanzte Bäume auch wirklich Wurzeln schlagen. «Mit Mass und Ziel», wie er sagt. Zudem hat sich der ursprüngliche Gedanke für Weinbau in Steillagen ein wenig verändert. Denn früher wollten die Winzer jeden Sonnenstrahl einfangen. Heute ist es insbesondere in Süd-Steillagen zu heiss im Sommer. Im Umkehrschluss sind inzwischen auch vermehrt flachere Lagen geeignet für Weinbau, auch wenn die Beschaffenheit eines Traubenmaterials aus Steillagen damit dennoch nicht vergleichbar ist.
Im Keller gilt für Timo Dienhart eine ebenso klare Philosophie: «Die Traube ist immer der Star.» Hygiene, die richtigen Temperaturen, und dann macht die Zeit den Rest. Kein Eingriff, der nicht nötig ist. Weniger Menge am Stock, möglichst hohe Qualität. Das ist das natürliche Ergebnis aus Extremlage und schonender Bewirtschaftung. Gewachsen auf den charakteristischen Schieferböden und von Hand geerntet, zeigt der Riesling, die Königin der Rebsorten, wofür die Mosel berühmt ist: klare Mineralität, tänzelnde Frische, ein Süsse-Säure-Spiel, das elegant und belebend zugleich wirkt.
Doch damit begnügt sich Timo Dienhart nicht: Mit seiner Cuvée «Sauvignac & Riesling» verbindet er die Noblesse der Königstraube mit der Aromatik einer robusten PIWI-Sorte. Sein Cabernet Blanc, ebenfalls eine PIWI-Rebsorte, überzeugt mit Rückgrat und würziger Note. Der Winzer empfiehlt ihn zur Gemüselasagne mit Broccoli und Lauch: «Einfach nur genial!» Und für alle, die es prickelnd lieben: Der Crémant aus Pinot Noir und Chardonnay, mindestens drei Jahre auf der Hefe gelagert, beweist, dass Timo Dienhart auch in der Schaumweinwelt zu Hause ist.
Terroir im ganzheitlichen Sinn
«Terroir macht den Wein besser», sagt der Winzer, und das zeigen auch seine Weine. Timo Dienhart meint damit die Thermik des steilen Hangs, die mineralische Kraft des Schiefers, die händische Pflege, die niedrigen Erträge, die über zweitausend Jahre alte Weinkultur an der Mosel, die Entscheidungen, die er als Winzer trifft. All das zusammen ergibt etwas, das kein anderer Ort der Welt so hervorbringen kann. Wer einen Wein von Timo Dienhart trinkt, trinkt seinen Hang zum Wein. Einen Wein vom Hang.
Über die Autorin
Nina Wessely, Redaktorin
Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.