Steile Eleganz: Judit Llop und ihre Weine aus dem Priorat
Priorat ist Terroir pur. Steilhänge, Schieferunterlage und mitunter grosse Hitze bei der Weingartenbearbeitung machen jeden Tropfen aus dem Gebiet in Spanien zu einer Besonderheit. Eine Frau, die das besser weiss als viele andere, weil sie es lebt, ist Judit Llop, Delinat-Winzerin auf dem Weingut Morlanda nahe Falset.
Text
Nina Wessely
Redaktorin 22.07.2026
Judit Llop ist eine Frau, die nicht über ihren Wein redet, ohne gleichzeitig über das Land, die Erschöpfung, die Freude und die Sinnfrage zu all dem zu sprechen. Denn wer das Priorat im Nordwesten Kataloniens besucht, sieht sofort: Hier ist nichts flach und alles ist sehr ursprünglich. Das lässt die Natur gleich gar nicht anders zu. Die Weinberge von Morlanda kleben an steilen Hängen, durchzogen von der berühmten «Llicorella», dem schwarzen Schiefer, der das Herzstück dieses Appellationsgebiets bildet.
Die Reben stehen auf schmalen Terrassen, sogenannten Bancals, die sich den Hang hinaufschrauben wie Stufen eines alten Amphitheaters. «Das Gelände hier verläuft so steil», sagt Judit Llop, «dass wir alles von Hand machen müssen. Es gibt keine andere Möglichkeit.» Maschinen sind hier Fehlanzeige, zumindest im klassischen Sinne. Was es gibt, ist körperliche Arbeit, Tag für Tag, Saison für Saison.
So steht einem an Gerätschaften nur eine Motorsense zur Seite, die man sich um den Hals hängt, um die Vegetation zwischen den Reben etwas zu regulieren. «Das ist sehr ermüdend», sagt Judit ohne zu klagen. Nur als Tatsache und Grund, warum es immer schwieriger wird, Menschen für diese harte Arbeit zu finden. Und doch gehört genau das für die Katalanin dazu, wenn man in diesem Terroir arbeiten will. Etwas anderes als ehrlich funktioniert hier gar nicht. Insbesondere im vergangenen Jahr gab es in der Region nach einer Trockenperiode ausreichend Regen.
Nun wächst zwischen den Reben viel mehr Vegetation als üblich. Die Pflege der Flächen wird aufwendiger, die Arbeit verdichtet sich. Jede Zeile Weinberg will gehegt werden, jeder Stock kennt die Hand der Winzerin.
Biodiversität als natürliche Folge
Was diese Steilheit mit sich bringt, überrascht vielleicht: Sie macht es leichter, ökologische Vielfalt zu erhalten. «Es ist hier einfacher, diese Biodiversität zu bewahren», erklärt Judit. Die Randstreifen zwischen den Terrassen, die kleinen Parzellen, das Unbegehbare: All das schafft Rückzugsräume für Insekten, Vögel und Pflanzen, in die keine Maschine einzudringen vermag. Kein Plan, keine Verkaufsmassnahme. Sondern Konsequenz der Topografie.
Das Weingut Morlanda nahe dem Städtchen Falset ist Teil dieser natürlichen Logik. Die vielen kleinen Parzellen, «Trocitos», übersetzt Stückchen, wie Judit sie nennt, ergeben ein Mosaik. Dieses erscheint wilder, vielfältiger und ursprünglicher als manch glatt gebügelter Weinberg im Flachland. «Más salvaje – más diverso», sagt die Winzerin, und man hört, dass ihr das bei all der Arbeit ganz gut gefällt.
Mehr Wildnis, mehr Vielfalt. Ein besonderes Zeichen dieser Lebendigkeit ist der Stieglitz. Judit erwähnt den farbenprächtigen Singvogel, der in den Weinbergen von Morlanda anzutreffen ist, fast beiläufig. Sogar Adler nisten im Wald rund um die Weinberge von Morlanda. Für Delinat-Kenner ist das kein Zufall: Vielfältige, zum Teil gefährdete Vogelarten im Weingarten sagen aus, dass hier einiges stimmt. Wo der Stieglitz singt, da greifen Natur und Mensch ineinander.
Die Vinifikation: Eleganz vor Kraft
Judit Llop ist eine Winzerin mit einer klaren Einstellung gegenüber dem Leben und dem Wein. Und auf ihre Einstellung trifft man im Priorat nicht allzu oft. Denn der Ruf dieser Region basiert traditionell auf mächtigen, alkoholreichen Weinen, die in der Flasche Jahrzehnte überdauern. Die bei aller Eleganz aber auch eine ernste und schwere Angelegenheit sind. Judit will etwas anderes. «Ich suche das Gegenteil», sagt sie offen. Ihre Weine sollen vielseitiger sein, zugänglicher, und das erreicht sie unter anderem durch einen etwas früheren Lesezeitpunkt als üblich.
«Wenn man hier im Priorat zu spät liest, werden die Weine übermächtig und büssen an Balance ein. Und das bei hohem Alkoholgehalt und wenig Frische.» Für Judit heisst es stattdessen: Eleganz. Feinheit. Struktur. «Sehr kraftvoll und sehr elegant, wie aus einem Film», höre die Winzerin oft, wenn man über ihre Weine spricht. Da geht der Winzerin das Herz auf. Denn nicht zuletzt sind die Reben und die Weine quasi ihre vinophilen Babys. Auch hier steckt eine Menge Herzblut drin. Sonst macht man in dieser kargen Region schlicht keinen Wein.
Authentizität und Charakter
Für die Delinat-Winzerin zählen Authentizität, Charakter und Unverwechselbarkeit. Keine aufgesetzte Schminke, keine Überarbeitung. Die Tannine sollen elegant sein, fein geschliffen, wie die Natur sie hinterlässt, mit Tiefe und Komplexität. «Ich will diese schweren, erschöpfenden Weine nicht», sagt Judit klar. Was sie anstrebt, ist ein Wein, der sowohl Menschen, die viel im Wein unterwegs sind, wie auch neue Geniesser glücklich macht.
Doch wer wie Judit Llop arbeitet, zahlt einen Preis, und das im wörtlichen Sinne. Denn die Produktionskosten im Priorat sind hoch. Die Steillagen, die Handarbeit, die kleinen Erträge auf Schieferböden: All das schlägt sich auch im Preis nieder. Judit spricht darüber ohne Umschweife. «Viele Märkte haben damit zu kämpfen.
Bei uns ist es wunderschön, und die Weine aus dem Priorat sind hervorragend. Und dennoch bleiben sie ein Luxusprodukt. Das lassen die Arbeitsstunden, die in jeder Flasche Wein stecken, nicht anders zu.» Ähnlich wie bei Bio-Weinen generell zieht sie den Vergleich: Der Wille ist da, die Überzeugung auch. Aber zwischen Idealismus und letztendlicher Kaufentscheidung klafft manchmal eine Lücke. Ein Schritt, der nicht gegangen wird. Und dennoch: Judit zweifelt nicht am Weg. Sie weiss, was sie tut, und warum. Während des Gesprächs läuft im Hintergrund der Alltag weiter: Abfüllung, Etikettierung, Planung. «Nach der Etikettierung setze ich mich in mein Büro und beantworte Mails», sagt sie lachend. «Dann kann ich vor meiner nächsten Geschäftsreise morgen noch in die Weinberge.»
Morlanda: ein Ort, der einen formt
Am Ende des Gesprächs bleibt ein Bild, das in Erinnerung bleibt: Judit Llop, zwischen Schieferhängen und kleinen Parzellen, mit dem Blick auf das, was aus diesen Böden entstehen kann. Eine Winzerin, die weiss, dass das Priorat unzähmbar ist. Und ein Gefühl das bleibt: Dass wenn jemand die Harmonie und Feinheit zwischen steilen Schieferhängen und knorrigen, alten Garnacha- und Tempranillo- Reben im Wein herausarbeiten kann, es mit Judit Llop die Person ist, die gerade vor einem steht.
Denn Delinat-Weine erzählen immer Geschichten von Menschen und Orten. Morlanda erzählt von Steilheit, Schiefer, Stille und Wildnis. Und von einer Frau, die genau weiss, dass guter Wein erst dann beginnt, wenn Zurren und Bezähmen der harmonischen Zusammenarbeit mit der Natur weicht.
Über die Autorin
Nina Wessely, Redaktorin
Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.