Der Biodiversitäts-Motor

Für Leute, die den DegustierService, das Delinat-Weinabo, noch nicht kennen, klingt es seltsam. Aber es ist eine Tatsache, dass die beliebten Delinat-Weinpakete mehr Biodiversität in Europas Weinbergen geschaffen haben als alle Massnahmen von Regierungen und Naturschutzorganisationen zusammen. Wie ist das möglich?

Weinhändler, Detailhändler, Supermärkte, Discounter, Gastronomen – alle kaufen sie fertige Weine ein. An Messen, Auktionen, bei Winzern wird degustiert, verglichen, verschnitten, gefeilscht und gekauft. Ziel ist, möglichst gute Qualität zu möglichst tiefem Preis zu bekommen. Wie an der Börse ist viel Spekulation im Spiel: Wer zu früh ja sagt, bezahlt vielleicht einen Cent zu viel, wer zu lange zögert, geht vielleicht leer aus. Winzer, die zu hoch pokern, bleiben auf dem Wein sitzen und müssen ihn schliesslich zu ruinösen Preisen auf den Schnäppchen-Markt werfen. Da bekommt man sie dann auch deutlich unter 1 Euro pro Flasche.

Der andere Weg

Biodiversitäts-Motor

Einen völlig anderen Weg hat Delinat mit dem Weinabo Degustier-Service schon 1987 eingeschlagen: Dieses Weinpaket basiert auf einer langfristigen Planung. Winzer, deren Weine dafür in Frage kommen, werden Jahre im Voraus informiert. Die Aussicht, bei erfülltem Qualitätsniveau eine grössere Menge liefern zu können, motiviert sie, charakterstarke, authentische Weine von speziellen Lagen zu keltern.

Vorteile für alle Beteiligten

Dieses System hat massgeblich zum Delinat-Erfolg beigetragen. In 28 Jahren sind knapp 3000 Weine so produziert und in rund tausend Kombinationen verschickt worden. Millionen von Paketen haben Weinfreunde begeistert und eine eigene Welt geschaffen, die Welt des DegustierService. Nicht nur lernt man immer neue Weine kennen, sondern erfährt auch viel über Hintergründe und Kultur, bekommt häppchenweise Weinwissen und Ideen für passende Rezepte. Zwei von drei Stammkunden lassen sich vom DegustierService verwöhnen und wollen ihn nicht mehr missen.

Absatzsicherheit ermöglicht mehr Biodiversität

Wie aber soll dabei Biodiversität entstehen? Ganz einfach: Die Delinat-Richtlinien schreiben Artenvielfalt vor, definieren exakt Massnahmen und Methoden. Delinat-Winzer sind grundsätzlich vom Sinn überzeugt, kennen die Vorteile eines stabilen Ökosystems und sind eigentlich willig, in die Strukturen zu investieren. Doch ist die Schwelle hoch: Schliesslich bedeutet es, Reben auszureissen und Raum für Hecken, Bäume und Hotspots zu schaffen. Ohne die zuverlässige Planbarkeit des Weinabos würden viele wohl doch nicht den Mut für grosse Investitionen aufbringen. Da ihnen der Absatz der DegustierService-Weine aber so gut wie sicher ist, konzentrieren sie sich auf die Optimierung der Biodiversität in ihren Weinbergen. Sie ist nicht nur Garant für gute Weinqualität, sondern auch für Delinats Treue. Je grösser die Vielfalt, desto sicherer das Geschäft.

Dieser Treiber ist längst zum Selbstläufer geworden. Immer öfter stossen neue Winzer hinzu, die Delinat schon lange beobachtet, die Richtlinien umgesetzt und sich über Jahre vorbereitet haben, sodass wir bei unserem ersten Besuch von der hohen Systemreife überrascht werden. Das Delinat-Weinabo ist zum Motor für Biodiversität geworden, und jeder Weinabo-Kunde beschleunigt ihn. Ist das nicht grossartig?

Anforderungen steigen

Die Delinat-Richtlinien basieren auf der langjährigen Erkenntnis, dass die besten und authentischen Weine in Rebbergen mit reicher Biodiversität entstehen. Die Richtlinien werden laufend den neusten Erkenntnissen angepasst. Auch 2015 steigen die Anforderungen an die Winzer wieder.

Die Richtlinien von Delinat für den biologischen Weinbau gehören zu den umfassendsten und strengsten in ganz Europa. Deshalb werden sie von unabhängigen Stellen wie WWF Schweiz und Stiftung für Konsumentenschutz von allen Schweizer Biolabels am höchsten bewertet. Doch selbst die besten Biorichtlinien lassen sich stets weiter verbessern. Delinat passt sie deshalb laufend den neusten Erkenntnissen an.

Noch mehr Vielfalt

Anforderungen steigen

Zu den wichtigsten Änderungen im Jahr 2015 gehört die Ausweitung der Begrünung in den Weinbergen. Dies erhöht die biologische Aktivität und die Fruchtbarkeit im Boden. Eine möglichst ganzjährige, vielfältige Bodenbedeckung mit Klee und anderen stickstoffbindenden Leguminosen führt dazu, dass die Reben keine zusätzliche Düngung brauchen und widerstandsfähiger gegen Schadorganismen werden. Um die Vielfalt weiter zu erhöhen und die Lebensbedingungen für Nützlinge zusätzlich zu verbessern, verlangen die Richtlinien ein noch grösseres Blütenangebot sowie mehr Bäume und Büsche im Weinberg.

Weniger Kupfer und Schwefel

Auch beim Pflanzenschutz baut Delinat seine Vorreiterrolle aus und senkt die zugelassenen Mengen von Kupfer und Schwefel. Je weniger dieser Stoffe in den Boden gelangen, desto besser entwickelt sich die biologische Aktivität des Ökosystems. Mit gutem Erfolg verwenden die Winzer bereits alternative Produkte wie Pflanzenextrakte und Backpulver.

Transparenz bei der Vinifikation

In der Weinbereitung toleriert Delinat schon lange keine Hilfsmittel mehr, die direkt von Tieren gewonnen werden (tierische Gelatine, Fischprodukte usw.). Zugelassen zur Klärung, Schönung und Stabilisierung von Weinen sind nur Hilfsstoffe aus tierischen Produkten wie Milch- und Hühnereiweiss. Für Veganer wurden diese Stoffe schon bisher deklariert. Neu gilt die Deklarationspflicht auch, wenn Horn- oder Knochenmehl als Düngemittel im Weinberg zum Einsatz kommt. Für Stallmist dagegen nicht.

Umfassende Ökologie

Bei der Betriebsführung werden von den Winzern Massnahmen zum Klimaschutz, zur Energieeffizienz und zur Ressourcenschonung verlangt. Dazu gehören die Produktion von erneuerbarer Energie, der Einsatz von grünem Strom, energiearme Kühlung, Wärmerückgewinnung, Reduktion und Wiederverwendung von Verpackungen, energiesparende Fahrzeuge und Maschinen sowie Bahn- anstelle von LKW-Transporten. Die Erfahrungen der Delinat-Winzer haben auch im letzten Jahr gezeigt, dass sich Biodiversität im Weinberg positiv auf Qualität und Erntemenge auswirkt. Weinreben in einem vielfältigen, intakten Ökosystem sind widerstandsfähiger und tragen gehaltvolle Trauben. Delinat beabsichtigt, diesen Effekt in einer wissenschaftlichen Studie zu belegen. Mit dem Ziel, weitere Winzer zu einer Umstellung auf das Delinat-System zu bewegen.

Vielfalt statt Einfalt

Als Delinat vor fünf Jahren die zweite Biorevolution ausrief, stiess dies selbst in der Biobranche auf Unverständnis. Seither hat sich viel geändert. Inzwischen wachsen von Sizilien bis an die Mosel Tausende neuer Bäume, Obststauden und Hecken in den Rebbergen. Wildblumen locken Schmetterlinge, Vögel nisten, Aromakräuter duften, Echsen sonnen sich auf Steinhaufen. Neues Leben ist eingekehrt, Rebberge sind zu Weingärten geworden.

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Delinat ist damit zum bewunderten Vorreiter im europäischen Weinbau geworden. Während in den Einöden der konventionellen Weingüter die Aromenqualität der Trauben abnimmt und zugleich die Krankheitsanfälligkeit der Reben nach stets neuen Pestiziden ruft, schauen die Winzer renommierter Weinlagen nach Orientierung zu den Delinat-Winzern auf. Langsam tritt ins Bewusstsein, dass Terroir eben nicht eine magische Mischung aus Staub und Stein ist, sondern der lebende Zusammenhang von Pflanzen, Wurzeln, Insekten, Würmern und Milliarden Mikroorganismen, die untereinander in engem funktionellem Zusammenhang stehen.

Artenvielfalt im WeinbergDie Rebe ist keine Maschine, die chemische Dünger in lieblichen Wein verwandelt, sondern ein lebender Organismus, dessen Gesundheit und Kraft davon abhängen, dass im und auf dem Boden eine lebende Vielfalt herrscht, die verhindert, dass irgendein Schädling, seien es Traubenwickler, Mehltaupilze oder Wurzelnematoden, zur alles gefährdenden Plage wird. Während Monokulturen quasi Zuchtanstalten für Schädlinge sind, da alle natürlichen Feinde ausgerottet werden und die eingesetzten Pestizide eine Zuchtwahl der Stärksten begünstigen, stellen ausgewogene Ökosysteme den stabilsten natürlichen Zustand dar. Hier herrscht nicht nur ein Gleichgewicht zwischen Nützlingen und Schädlingen, sondern Schädlinge werden sogar zum Nützling von Nützlingen und tragen damit ihrerseits zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit des gesamten Systems bei.

Im Idealfall würde ein Weinberg wohl gar kein Weinberg sein, sondern ein Garten mit Reben. Doch auch in der Landwirtschaft sind Ideale vor allem ein fruchtbarer Anstoss zum Hinterfragen und Überdenken von Prinzipien, an die man sich schon so lang gewöhnt hat, dass man sie für unantastbar hält. Ein Garten mit Reben ist natürlich herrlich zum Naschen und für Hochglanzprospekte, aber leider völlig ungeeignet, um Trauben für einen bezahlbaren Wein herzustellen. Die Ökologie ist Teil eines ökonomischen Systems und umgekehrt. Die Optimierung des einen darf also nicht zur Schwächung des anderen führen. Diesen ursprünglichen Zusammenhang von ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit hat Delinat von Beginn an verinnerlicht, und genau das war auch der Garant für das Vertrauen der Winzer, die gemeinsam mit Delinat diesen Weg beschritten haben und nun als Vorbilder für den europäischen Weinbau gelten.

Biologische Hotspots

MarienkäferBei Delinat rückte die Biodiversität bereits mit den ersten Richtlinien 1983 in den Vordergrund und war für die meisten Delinat-Winzer schon immer eine Herzensangelegenheit. Trotzdem war im Frühjahr 2009, als wir unseren Winzern die Pläne zur noch viel intensiveren Förderung der Biodiversität unterbreiteten, die Reaktion zunächst zwiespältig. Zum einen waren die Winzer natürlich begeistert von der Vorstellung blühender Weinberge im ökologischen Gleichgewicht. Zum anderen waren sie aber auch skeptisch, was den erhöhten Arbeitsaufwand und die Risiken für den Wasserstress und die Produktivität der Reben betraf. Zum Schlüsselerlebnis sowohl für die Winzer als auch für Delinat wurde hier die Anlage von biologischen Hotspots inmitten der Reben.

Im Seminar erklärten wir zunächst, wie bedeutsam für das Klima des gesamten Weinbergs solche Inseln der Biodiversität sind, wo Aromakräuter und Wildblumen blühen, Steinhaufen als Habitat für Eidechsen aufgeschichtet sind, ein Wildbienenhotel steht, Beerensträucher und ein Obstbaum die vertikale Diversität aufbessern. Gerade ein solcher Baum inmitten einer niederwüchsigen und kaum strukturierten Kulturfläche hat sowohl für Vögel als auch Insekten und andere Tiergruppen eine enorm hohe Anziehungskraft und fördert dauerhaft die Wiederbesiedlung des ökologischen Lebensraums. Biologische Hotspots fungieren wie ein Brückenkopf, der die Verbindung zum natürlichen Habitat rund um die Weinberge wiederherstellt und damit die Ausbreitung einer grossen biologischen Vielfalt im Weinberg fördert. Die Winzer hörten zweifelnd zu und überlegten, wie so etwas denn funktionieren soll, wenn Traktoren zur Bodenbearbeitung oder zum Spritzen durch die Reihen fahren. Nach der Theorie gingen wir hinaus in den Weinberg von Château Duvivier und legten gemeinsam mit den Winzern genau einen solchen Hotspot an. Als wir zeigen konnten, wie sich der Hotspot mit dem geschickten Anlegen von Fahrspuren und der Integration eines Fahrspurwechsels problemlos umfahren lässt, ohne die Mechanisierung der Weinbergsarbeit zu beeinträchtigen, hellten sich die skeptischen Mienen auf. Ein Lächeln trat auf die Lippen der Winzer: Das funktioniert! Und das, genau das ist das Entscheidende, es muss funktionieren, und nicht nur auf dem Papier.

GänseblümchenHeute finden sich auf jedem Delinat-zertifizierten Weingut Dutzende solcher biologischen Hotspots. Die Winzer haben sich nicht nur daran gewöhnt, sondern sie können sich ihre Weinberge gar nicht mehr anders vorstellen. Stolz zeigt der Winzer sie seinen Besuchern und freut sich, wenn sein Auge über die Weinberge schweift und die Bäume das Auge fesseln. Der Schlüssel zum Erfolg der zweiten Biorevolution war die praktische Umsetzung jeder einzelnen Massnahme. Es war keine Bürorevolution, sondern eine, die in enger Partnerschaft mit den Winzern und der Forschung unmittelbar auf dem Feld entwickelt und genau dort auch stets verbessert wurde. Wir haben keine Biologen angestellt, die Wildblumenarten nach einer Biodiversitätsklassifizierung zählen und von Computern in schicke Diagramme übersetzen lassen, sondern wissenschaftliche Praktiker und praktische Wissenschaftler engagiert, um mit den Winzern die Praxis zu verändern.

Das Bodenleben als Grundlage

Die Rebe herrscht über die Mikroorganismen in ihrer Wurzelsphäre wie über einen Kleinstaat. Damit sich dieser Kleinstaat jedoch herausbilden kann, müssen im gesamten Bodensystem die Voraussetzungen für einen stabilen Nährstoffzyklus gegeben sein. Regenwürmer, Arthropoden, Bakterien und Pilze brauchen zu ihrer Ernährung einen stetigen Nachschub an organischer Materie (Blätter, Halme, Zweige, Äste, Wurzeln, Knochen, Exkremente, Exsudate), die sie zersetzen, speichern und im Boden verteilen. Wo diese Nahrungsgrundlage fehlt, weil der Boden blank gespritzt, gepflügt, gebürstet, verdichtet und/oder abgewaschen ist, beginnt der Motor des Bodenlebens zu stottern.

Blumen im Weinberg

Um die Bodenaktivität zu fördern, braucht es eine Vielfalt an verschiedenen Pflanzen, deren unterschiedliche Inhaltsstoffe und Lebenszyklen den Boden das ganze Jahr über mit Nährstoffen versorgen und stimulieren. Aus diesem Grund sind neben der Hauptkulturpflanze (Rebe) zahlreiche Begleitpflanzen nötig, die nicht nur den Boden bedecken und oberflächlich schützen, sondern zahlreiche weitere Funktionen wie Humusaufbau, Bodendurchlüftung, Erosionsschutz und Abbau von Toxinen übernehmen.

Die artenvielfältige Begrünung

Entsprechend diesen Kriterien wurden 2009 im Auftrag von Delinat verschiedene Saatmischungen je nach Bodentyp und Klima entwickelt. Für jede Klimaregion sind die Saatmischungen aus je 40 bis 50 verschiedenen Pflanzenarten zusammengesetzt. Neben zahlreichen Nektarblütenpflanzen, die zum einen Schmetterlinge, Bienen, Käfer und andere Insekten anziehen, zum anderen aber auch die Bodenvielfalt durch sekundäre Pflanzenstoffe bereichern, besteht der Hauptanteil der Mischungen aus Leguminosen verschiedener Wurzeltiefe und Wuchskraft. Dank des hohen Anteils an Leguminosen fördert die Begrünung nicht nur die Biodiversität, sondern versorgt zudem die Reben mit natürlichem Stickstoff, wodurch Düngemittel eingespart werden.

Weitere Massnahmen zur Biodiversifizierung

EidechseAuch bei der verpflichtenden Einführung der Begrünung galt es, viel Flexibilität und Geschick zu zeigen. Zu viel Begrünung droht den Reben insbesondere Wasser und manchmal auch Nährstoffe streitig zu machen. Jeder Biowinzer kennt die Anzeichen, wenn eine Rebe wegen falscher oder zu üppiger Begrünung zu leiden beginnt. Mit Blühstreifen, alternierenden Begrünungen, Wintereinsaaten und neuen Bodenbearbeitungsmaschinen hat das Delinat-Beraterteam für jeden Winzer individuelle Lösungen geschaffen, sodass es heute von Sizilien und Andalusien bis an die Mosel keinen Delinat-Weinberg mehr ohne Begrünungssystem gibt.

Neben der Pflege artenvielfältiger Begrünung zwischen den Reben und der Anlage von biologischen Hotspots umfasst die Delinat-Charta für Biodiversität im Weinberg noch weitere Massnahmen wie die Anpflanzung von Sträuchern an den Zeilenenden, die Pflanzung von Hecken als Zwischenlinie in den Reben, die Anlage von Teichen, Brutkästen für Fledermäuse, Sitzstangen für Greifvögel und eine Vielzahl weiterer innovativer Elemente.

Wie kommt Biodiversität im Wein zum Ausdruck?

Schmetterling

Einen wissenschaftlichen Beweis, dass Reben, die in hoher Biodiversität heranwachsen, eine spürbar höhere Weinqualität ergeben, gibt es bisher nicht. Biodiversität kann man nicht kleinparzelliert einmal hoch und gleich daneben niedrig halten, um den Einfluss auf den Wein zu untersuchen. Schliesslich handelt es sich bei der zweiten Biorevolution um die Reorganisation des gesamten Ökosystems Weinberg. Allein schon ein Baum beeinflusst die Biodiversität im Umkreis von über 500 Metern und ein Blühstreifen die Hefepopulation vieler Zeilen. Ich bin der Überzeugung, dass die Delinat- Weine in den letzten fünf Jahren noch besser geworden sind, und die Weine jener Güter, die die höchsten Anforderungen an die Biodiversität erfüllen, die Aushängeschilder sind. Aber es könnte ja auch sein, dass die Winzer, die sich für hohe Biodiversität in ihren Weingärten entscheiden, einfach sensibler und näher an der Seele ihrer Weine sind und so stärker den Charakter und die Nuancen ihrer Weine formen. Für die Natur und damit uns alle hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

Josep Maria Albet i Noya und Massimo Maggio sind unsere Biodiversitätswinzer des Jahres 2015. Setzen Sie ein Zeichen für mehr Artenvielfalt im Weinberg und bestellen Sie unser spezielles Probierpaket zum Delinat-Tag der Biodiversität (22. Mai). Es enthält drei Flaschen Weisswein von Albet i Noya und drei Flaschen Rotwein von Maggio. Sie erhalten die Weine zum Sonderpreis von CHF 12.70 statt 13.50 / € 9.20 statt 9.90. ->Zum Angebot

WeinLese 38 Angebot

Anforderungen an Winzer steigen weiter

Die Delinat-Richtlinien gelten als anspruchsvollste in ganz Europa. Das bestätigen unabhängige Stellen wie WWF Schweiz oder Stiftung für Konsumentenschutz. Die umfassenden Richtlinien basieren auf der langjährigen Erkenntnis, dass die besten und authentischsten Weine aus Rebbergen mit reicher Biodiversität und intaktem Ökosystem entstehen. Deshalb werden die Richtlinien laufenden neusten Erkenntnissen angepasst. Auch 2015 steigen die Anforderungen an die Delinat-Winzer wieder.

Biodiversität im Weinberg
Pflanzeninsel im Weingut Meinklang

Selbst die besten Biorichtlinien lassen sich stets weiter verbessern. Diese Erfahrung machen unsere Fachleute durch gezielte, praxisnahe Forschungs- und Versuchstätigkeit in Zusammenarbeit mit unabhängigen Institutionen und Winzern in ganz Europa. So wurden die Richtlinien auch für das Jahr 2015 wiederum angepasst und erweitert.

Zu den wichtigsten Änderungen gehört die Ausweitung der Begrünung in den Weinbergen. Dies erhöht die biologische Aktivität und die Fruchtbarkeit im Boden. Eine möglichst ganzjährige, vielfältige Bodenbedeckung mit Klee und anderen stickstoffbindenden Leguminosen führt dazu, dass die Reben keine zusätzliche Düngung brauchen und widerstandsfähiger gegen Schadorganismen werden. Um die Vielfalt weiter zu erhöhen und die Lebensbedingungen für Nützlinge zusätzlich zu verbessern, verlangen unsere Richtlinien ein noch grösseres Blütenangebot sowie mehr Bäume und Büsche im Weinberg.

Blühender Klee im Weinberg
Blühender Klee im Weinberg

Auch im Pflanzenschutz bauen wir unsere Vorreiterrolle aus und senken die tolerierten Mengen von Kupfer und Schwefel, selbst wenn dies für die Winzer eine zusätzliche Herausforderung in ihrer Arbeit bedeutet. Je weniger dieser Stoffe in den Boden gelangen, desto besser entwickelt sich die biologische Aktivität des Ökosystems. Mit gutem Erfolg verwenden die Winzer bereits alternative Produkte wie Pflanzenextrakte, Backpulver oder Sirte aus der Käseherstellung und ersetzen zunehmend Kupfer und Schwefel.

Weinberg mit üppiger Begrünung
Weinberg mit üppiger Begrünung

In der Weinbereitung verbieten wir schon lange Hilfsmittel, die direkt von Tieren gewonnen werden (tierische Gelatine, Fischprodukte usw.). Zugelassen sind Hilfsstoffe aus tierischen Produkten wie Milch- und Hühnereiweiss. Für Veganer haben wir diese schon bisher deklariert. Neu gilt die Deklarationspflicht auch, wenn Horn- oder Knochenmehl als Düngemittel im Weinberg zum Einsatz kommt. Für Stallmist dagegen nicht.

Bei der Betriebsführung fordern wir von unseren Winzern Massnahmen zum Klimaschutz, zur Energieeffizienz und zur Ressourcenschonung. Dazu gehören unter anderem die Produktion von erneuerbarer Energie, der Einsatz von grünem Strom, energiearme Kühlung, Wärmerückgewinnung, Reduktion und Wiederverwendung von Verpackungen, energiesparende Fahrzeuge und Maschinen sowie Bahn- anstelle von LKW-Transporte. Zudem müssen Kellerei-Abwässer durch eine Kläranlage gereinigt, Spritzmittel mit Kupfer oder Schwefel sauber entsorgt sowie Abfälle getrennt und recycelt werden.

Büsche und Bäume wachsen rund um den Weinberg.
Büsche und Bäume wachsen rund um den Weinberg.

Wenn Sie einmal erleben möchten, wie sich die Delinat-Richtlinien konkret auf die Biodiversität in den Weinbergen unserer Winzer auswirken und gleichzeitig, Winzer, Küche und Kultur einer Region kennenlernen möchten, empfehlen wir unser kleines aber feines Reiseprogramm. Ganz neu im Programm ist die Piemont-Reise. www.delinat.com/weinreisen.

Die vollständigen Delinat-Richtlinien finden Sie hier: www.delinat.com/richtlinien.

Mehr Ökoflächen

Im biologischen Weinbau, wie ihn Delinat versteht, wird ein möglichst selbstregulierendes Ökosystem angestrebt. Voraussetzung dafür ist eine reiche Biodiversität, die unter anderem mit genügend ökologischen Ausgleichsflächen (Magerwiesen, Heide, Biotope, Hecken, Felsen, offene Wasserflächen, Trockensteinmauern usw.) erreicht wird. Bislang verlangten die Delinat-Richtlinien mindestens 7 % Ausgleichsfläche innerhalb oder direkt beim Weinberg. Schon das war ein Spitzenwert.

Die ökologischen Ausgleichsflächen müssen auf Delinat-Weingüter neu mindestens 12% betragen.
Die ökologischen Ausgleichsflächen müssen auf Delinat-Weingüter neu mindestens 12% betragen.
Ausgleichslfächen im Vergleich
Auch bei den ökologischen Ausgleichsflächen sind die Ansprüche bei Delinat deutlich höher
als bei andern Bio-Labels.

Neue Studien zeigen, dass für stabile, sich selbstregulierende Ökosysteme im landwirtschaftlichen Flachland mindestens 12 bis 15 % ökologische Ausgleichsflächen notwendig sind. Auf Delinat-Partnerweingütern müssen diese deshalb neu mindestens 12 % ausmachen. 7 % davon müssen wie bisher direkt an die Rebflächen angrenzen oder innerhalb dieser liegen. Die zusätzlichen 5 % dürfen bis zu 1000 Meter entfernt liegen. Als Anpassungsfrist für die neue Anforderung gelten drei Jahre. Ab 2017 müssen Delinat-Winzer mindestens 12 % Ökofläche ausweisen. Damit setzen die Delinat-Richtlinien bei der Biodiversität neue Massstäbe. Die EU-Biorichtlinien verlangen noch überhaupt keine Ökoausgleichsflächen. Bio Suisse (Knospen- Label) verlangt einen Anteil von 7 %. Über die Neuerung wurde im April am internationalen Winzermeeting auf dem Weingut Meinklang im österreichischen Burgenland informiert (siehe Artikel «Grossaufmarsch»).

Die meisten Winzer sehen den höheren Ansprüchen an die ökologischen Ausgleichsflächen gelassen entgegen, wie eine kleine Umfrage zeigt.

Werner MichlitsWerner Michlits, Meinklang, Österreich
«Ehrlich gesagt, weiss ich gar nicht genau, wie gross unser Anteil an Ökoflächen ist. Wir müssen das jetzt mal berechnen. Unser Gesamtbetrieb besteht aus 2000 Hektar Land. Nur 70 davon sind mit Reben bestockt. Wir haben aber noch andere Kulturen wie Getreide und Obst.»

Louis FabreLouis Fabre, Corbières, Frankreich
«Wir haben 350 Hektar Rebfläche, aufgeteilt auf viele verschiedene Parzellen. Nicht alle erfüllen wohl die geforderten Ausgleichsflächen. Da wir aber nur zu einem kleinen Teil für Delinat produzieren, reservieren wir dafür einfach jene Parzellen, die diesen hohen Anforderungen genügen.»

Paul LignèresPaul Lignères, Corbières, Frankreich
«Unsere insgesamt 80 Hektar Rebflächen sind klein strukturiert und von so viel wilder Garrigue-Landschaft umgeben, dass diese neue Vorgabe für uns überhaupt kein Problem darstellt.»

Raul RipaRaúl Ripa, Navarra, Spanien
«Weil die zusätzlich geforderten 5 % Ausgleichsfläche nicht unmittelbar an die Reben angrenzen müssen und auch Gemeindeland angerechnet werden kann, haben wir auf Quaderna Via damit kein Problem.»

Antoine KaufmannAntoine Kaufmann, Provence, Frankreich
«Von den 27 Hektar Betriebsfläche auf Château Duvivier sind gegen 10 Hektar Ausgleichsfläche. Wir liegen also klar über den geforderten 12 Prozent. Was wir noch anstreben müssen, ist eine bessere Vernetzung von Reben, Ausgleichsflächen und biologischen Hotspots wie Kräuterinseln, Hecken und Sekundärkulturen.»

Grossaufmarsch

60 Winzerinnen und Winzer trafen sich im April 2014 auf dem Weingut Meinklang im Burgenland.
60 Winzerinnen und Winzer trafen sich im April 2014 auf dem Weingut Meinklang im Burgenland.

Delinat ist wohl weltweit das einzige Weinhandelsunternehmen, das für seine Partner-Weingüter Jahr für Jahr nationale oder internationale Winzertreffen in Form mehrtägiger Weiterbildungsseminare durchführt. 1982 fand das erste Treffen mit 12 Teilnehmern von 7 Weingütern (alle Frankreich) statt. Im April 2014 gab es auf dem Weingut der Familie Michlits im Burgenland mit 60 Personen von 40 Weingütern aus ganz Europa eine Rekordbeteiligung. Auf besonderes Interesse stiess das Einführungsreferat von Delinat-Chef Karl Schefer. Er skizzierte Visionen für die Zukunft. Als Pionier sei Delinat viele Jahre Vorreiter im biologischen Weinbau gewesen. Heute sei Bio überall, allerdings in sehr unterschiedlichen Qualitäten. Deshalb sei Bio alleine für Delinat nicht mehr genug. «Unser zentrales Thema ist die Biodiversität», sagte der Delinat-Chef und legte dar, was er von den Partnerweingütern inskünftig erwartet und wie die Gegenleistungen von Delinat aussehen (siehe Interview mit Karl Schefer).

Angela Michlits lässt Biowinzer aus ganz Europa Jungweine aus dem Meinklang-Keller verkosten.
Angela Michlits lässt Biowinzer aus ganz Europa Jungweine aus dem Meinklang-Keller verkosten.

Karl Schefer informierte die Winzer auch kurz über die Trennung vom Delinat-Institut und dankte Hans-Peter Schmidt für seine geleistete Forschungs- und Beratungsarbeit. Unter der Ägide der Winzerberater Rolf Kaufmann und Daniel Wyss soll unter der neuen Bezeichnung Delinat-Consulting weiterhin intensiv in Forschung und Beratung investiert werden. Die beiden haben das diesjährige Winzertreffen mit grossem Aufwand und viel Elan organisiert. Im Zentrum der Weiterbildung standen das Thema Flotation (ein einfaches, rasches und energieeffizientes Verfahren zur Vorklärung von Traubenmost) sowie die Änderungen der Richtlinien 2014. Bemerkenswert ist insbesondere eine Ausdehnung der ökologischen Ausgleichsflächen von 7 auf 12 % (siehe Artikel «Mehr Ökoflächen»).

Die Familie Michlits war ein toller Gastgeber. Sie beeindruckte mit einem Rundgang auf ihrem Demeter-Betrieb und verwöhnte die Winzer mit biologischen Produkten vom Hof (Wein, Most, Bier) sowie mit selbst gebackenen süssen Leckereien.

Andreas HarmAndreas Harm, Wachau, Österreich
«Ich war zum ersten Mal an einem Delinat-Winzertreffen dabei. Ich habe dabei viel Neues über Delinat und die Philosophie, die dahintersteckt, erfahren. Das ist sehr wertvoll. Genauso auch der Gedankenaustausch mit den andern Winzern aus ganz Europa.»

Cecilia ZuccaCecilia Zucca, Piemont, Italien
«Der Ideen- und Erfahrungsaustausch mit andern Winzern aus verschiedenen Ländern ist sehr wertvoll. Sehr gut gefallen hat mir auch das Referat von Delinat-Chef Karl Schefer. Seine Visionen sind sehr eindrücklich und gefallen mir.»

Carlos LasoCarlos Laso, Pago Casa Gran, Spanien
«Für uns Winzer ist es wichtig, zu wissen, welchen Weg Delinat gehen will und was von uns erwartet wird. Das Referat von Karl Schefer war diesbezüglich sehr aufschlussreich und hat mir sehr gut gefallen.»

Louis FabreLouis Fabre, Château Coulon, Frankreich
«Es ist immer interessant, zu sehen, wie andere Winzer innerhalb der Delinat-Familie arbeiten. Davon kann man meist auch für den eigenen Betrieb profitieren. Die Biodiversität ist für uns schon seit Jahren ein zentrales Thema. Deshalb freue ich mich, dass die Delinat-Richtlinien hier wieder einen Schritt weitergehen und sie noch etwas fortschrittlicher machen, als sie bisher schon war.»

25 Mio. Biollar für die Natur

Üblich ist, dass Unternehmen Umsatzzahlen und Gewinne stolz in Franken, Euro oder gar Dollar verkünden. Natürlich müssen diese Zahlen auch bei uns stimmen. Weil wir aber seit Jahren den Beweis erbringen, dass nachhaltiges, ökologisches Denken und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen, kehren wir den Spiess um: Im Unternehmensbericht 2013 weisen wir den Gewinn für die Natur aus, der mit dem Verkauf von rund 3,5 Millionen Flaschen Wein aus biologischem Anbau erzielt worden ist.

Dafür haben wir eigens die fiktive Währung Biollar kreiert. Sie steht für die Steigerung der Biodiversität auf den Delinat-Weingütern und setzt sich aus der Anbaufläche und der Zertifizierung nach Delinat-Schnecken (1 bis 3) zusammen. Basis für das Schnecken-Gütesiegel bilden die dreistufigen Delinat-Richtlinien. Sie gehen weit über sämtliche EU- und Schweizer Biolabels hinaus und sind für die Winzer verpflichtend. Je nachdem wie stark die Richtlinien erfüllt werden, werden die Winzer mit 1 bis 3 Delinat-Schnecken ausgezeichnet.

Die Infografik zeigt anschaulich, worum es geht: Die Steigerung der Biodiversität im Rebberg.
Die Infografik zeigt anschaulich, worum es geht: Die Steigerung der Biodiversität im Rebberg. Klicken Sie auf das Bild für eine grössere Darstellung.

Im Jahr 2013 nahm die nach Delinat-Richtlinien bewirtschafte Rebfläche europaweit um fast 400 Hektar zu: von 1554 stieg sie auf 1939 Hektar! Im selben Zeitraum wuchs auch die Anzahl biologischer Hotspots auf diesen Flächen von 602 auf 796. Im Vergleich zum Jahr 2011 hat sich die Anzahl biologischer Hotspots sogar verdoppelt. Erfreulich ist auch, dass viele andere Bio-Labels die von uns ins Leben gerufene Idee der biologischen Hotspots mittlerweile übernommen haben.

Umgemünzt auf unsere neue Währung können wir mit den oben erwähnten Zahlen für die Natur im Jahr 2013 einen Gewinn von über 25 Mio. Biollar ausweisen – ein Plus von 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die erfreulichen Zahlen zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Weitere Informationen dazu finden Sie in der Pressemitteilung zu den Unternehmenszahlen.

Indem wir die Monokultur aufbrechen, produzieren wir gehaltvolle Weine, die Ihnen als treue Delinat-Kunden schmecken. Auf diesem eingeschlagenen Weg ziehen wir weiter und freuen uns, wenn Sie uns weiterhin begleiten.

«Bei der Biodiversität gab es die grössten Fortschritte»

Rolf Kaufmann, wie wichtig ist der Wissenstransfer vom forschenden Delinat-Institut zum praktischen Weinbau bei den Winzern?
Rolf Kaufmann:
Die ständige Weiterentwicklung des ökologischen Weinbaukonzepts durch das Delinat-Institut bringt den Winzern wichtige Impulse. Umgekehrt fördert der Informationsrückfluss vonseiten der Winzer die praxisgerechte Anpassung der Forschungsprojekte. Ebenso wichtig ist der Erfahrungsaustausch unter den Winzern. Auch da können wir über Sprachbarrieren hinweg behilflich sein.

«Ich stelle eine hohe Motivation fest»

Wissenstransfer via Winzerberater

Das Delinat-Institut unter der Leitung von Hans-Peter Schmidt unterstützt Winzer in ganz Europa durch ein umfassendes Beratungspaket bei der Umsetzung der strengen Delinat- Richtlinien. Neben jährlichen Seminaren, an denen die Winzer in den jeweiligen Ländern auf den neuesten Stand der Weinbau- und Ökologieforschung gebracht werden, besuchen die Winzerberater Rolf Kaufmann und Daniel Wyss die Weingüter mindestens einmal im Jahr. Schwerpunkt im Weinbau ist die Verbesserung der Biodiversität mit den Themen Begrünung, Bodenbearbeitung, Pflanzenschutz und ökologische Hotspots. Bei der Weinbereitung stehen Themen wie alkoholische Gärung, biologischer Säureabbau, Einsatz von SO2 und anderen kellertechnischen Hilfsstoffen im Vordergrund.

Die Delinat-Richtlinien gelten nicht nur als die strengsten Europas. Sie setzen auch neue Massstäbe für eine gesamtökologische Anbauform. Wie motiviert sind die Winzer, diese zu erfüllen?
Für viele Winzer sind diese Richtlinien eine Herausforderung, die sie an ihrem Ehrgeiz packt. Andererseits ist das in die Richtlinien eingebaute weinbautechnische Know-how sehr gross und bietet den meisten Betriebsleitern wertvolle Anregungen zur Verbesserung ihres Weinbaus. Ich stelle eine hohe Motivation fest, die durch die Erfolge stetig weiterwächst.

Im heissen Süden macht den Winzern nicht selten Trockenstress zu schaffen. Ist es in solchen Regionen sinnvoll, eine ganzjährige Begrünung der Weinberge zu fordern?
Wir sprechen nicht mehr von Begrünung, sondern von vegetativer Bodenbedeckung, die möglichst flächendeckend und möglichst lange Zeit im Jahr im Weinberg vorhanden sein soll. Es geht darum, durch viele Pflanzenarten die biologische Vielfalt im Boden innerhalb des Jahreszyklus möglichst lange aktiv zu erhalten. Wenn die Sommertrockenheit in Sizilien die Begrünung eintrocknen lässt, sieht das nicht mehr grün aus, doch haben wir damit die biologische Aktivität im Wurzelraum auf das mögliche Maximum ausgedehnt.

Das ist schön und gut. Aber wenn den Reben zu wenig Wasser bleibt, bekommen sie Stress und gedeihen nicht mehr richtig…
Um Trockenstress zu vermeiden, hat der Winzer die Möglichkeit, schon frühzeitig, das heisst zu Beginn der Trockenperiode im Mai, die vegetative Bodenbedeckung durch eine oberflächliche Bodenbearbeitung zu reduzieren. Dieser Eingriff beschränkt die Wasserverdunstung aus dem Boden auf ein Minimum. Den Rebstöcken wird so das Überdauern in der heissen Zeit ohne Stress ermöglicht.

«Diese Fortschritte werden am Markt noch nicht wahrgenommen.»
«Diese Fortschritte werden am Markt noch nicht wahrgenommen.»

Die Delinat-Richtlinien lassen nur einen minimalen Einsatz an biologischen Spritzmitteln wie Kupfer- und Schwefellösungen gegen Pilzkrankheiten zu. Was raten Sie jenen Winzern, die in schwierigen Jahren wie diesem nicht die halbe Ernte aufs Spiel setzen wollen?
Es kann nicht die Rede sein davon, dass die halbe Ernte auf dem Spiel steht! Wäre das so, wäre der biologische Weinbau nicht zum Erfolgsmodell geworden, das er heute darstellt. Die Winzer haben in den letzten Jahren gelernt, durch Beobachtung, Mittelwahl und verbesserte Applikationstechniken mit sehr tiefen Kupfermengen oder natürlichen Ersatzmitteln auszukommen.

Was haben die Winzer in den letzten Jahren konkret unternommen, um die Biodiversität in ihren Weinbergen zu verbessern?
Das Spektrum der getroffenen Massnahmen spiegelt die Empfehlungen der Richtlinien. Spontane oder eingesäte Begrünung wurde gezielt gefördert; Blühstreifen, Hecken und biologische Hotspots wurden angelegt; Bäume wurden gepflanzt; temporäre oder permanente Sekundärkulturen wurden in die Weinberge integriert; Schafe, Ziegen, Kühe, Hühner haben im Winterhalbjahr Auslauf in den Reben; Bienenkästen und Insektenhotels wurden aufgestellt.

Ihre Beratungen zielen nicht nur auf den Weinberg, sondern auch auf die Weinbereitung im Keller. Wo liegen die Schwerpunkte?
Spontangärung mit Naturhefen ist ein Thema. Viele Winzer vergären ihre Trauben seit eh und je auf diese Weise. Andere haben im Trend der modernen Önologie auf Reinzuchthefen umgestellt. Diese Betriebe tasten sich heute schrittweise wieder an die alte natürliche Technik heran. Praktisch ausnahmslos machen sie die Erfahrung, dass die spontan vergorenen Weine an Ausdruck und Jahrgangstypizität gewinnen. Ein wichtiges Thema ist auch der zurückhaltende Einsatz von oder der Verzicht auf Schwefel (SO2) zur Haltbarmachung der Weine. Es gibt Betriebe, die seit Jahren erfolgreich Weinbereitung ganz ohne schweflige Säure betreiben. Die Hindernisse sind weniger technischer Natur, es ist vielmehr die Abweichung vom gewohnten Geschmacksbild des ohne SO2 vinifizierten Produkts, woran auch die Kunden erst gewöhnt werden müssen. Ein weiteres Element der Unsicherheit ist die Langlebigkeit der so hergestellten Weine.

Sie sind bereits vier Jahre für Delinat als Winzerberater unterwegs. Wie hat sich die Situation auf den Weingütern innerhalb der letzten Jahre verändert? Gibt es auch Rückschläge?
Die ersten zwei Jahre waren geprägt einerseits vom Enthusiasmus eines neuen Aufbruchs, andererseits von der Unsicherheit, ob die gesteckten Ziele erreichbar seien. Die wachsende Erfahrung und die sichtbaren Erfolge führten dann zu einer Dynamik, welche die Winzer mit ihren eigenen Innovationen immer weiter ankurbeln. Natürlich gab es auch Rückschläge. Einsaaten funktionierten nicht, empfohlene Spritzmittel waren wegen nationaler Gesetzgebungen nicht erlaubt, Fehlinterpretationen der Richtlinien oder mangelnde Rückfragen führten zu Missverständnissen. Die Probleme betrafen meist einzelne Betriebe und liessen sich beheben. Hier kam der Nutzen der Beratung voll zum Tragen.

Führen Ihre Beratungsbesuche auch dazu, dass gewisse Delinat-Richtlinien geändert werden müssen, weil sie sich in der Praxis als untauglich oder zumindest als nicht ideal erweisen?
Das ist in den letzten vier Jahren seit der Einführung der neuen Richtlinien immer wieder der Fall gewesen. Es ist Teil der Arbeit des Beraterteams am Institut, unklar formulierte oder praxisferne Punkte in den Richtlinien auszumerzen, Lücken zu füllen oder einzelne Bestimmungen neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Rückmeldungen aus der Praxis der Betriebe sind dabei von höchster Wichtigkeit.

In welchen Bereichen orten Sie die grössten Fortschritte im Sinne der Delinat-Philosophie, wo die grössten Probleme?
Die grössten Fortschritte sind im Bereich der Biodiversität, der vegetativen Bodenbedeckung und beim Pflanzenschutz gemacht worden. Darin spiegeln sich Entwicklungen in der Mentalität der Winzer, die begonnen haben, ihren Weinberg und ihre Arbeit als organisches Ganzes zu sehen. Das grösste Problem besteht vielleicht darin, dass diese Fortschritte am Markt noch nicht wahrgenommen werden und die Arbeit der Winzer deshalb nicht richtig honoriert wird. Es wird noch zu wenig Wein gekauft, der wirklich höchste ökologische Ansprüche erfüllt.

Die Delinat-Richtlinien

Die Delinat-Richtlinien gehen weit über andere Biorichtlinien (eu, Bio Suisse, Demeter) hinaus. Neben einem Verbot von chemischsynthetischen Pflanzenschutzmitteln, von Kunstdüngereinsatz und Gentechnologie verlangen die Delinat-Richtlinien beispielsweise als einzige verpflichtend eine Förderung der Biodiversität. Die Verwendung von Kupfer und Schwefel zur Krankheitsbekämpfung im Weinberg ist vergleichsweise stark limitiert. Im Keller dürfen Hilfsstoffe nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden. Die Delinat-Richtlinien 2010 wurden vom wwf Schweiz und von der Stiftung für Konsumentenschutz mit dem Prädiktat «sehr empfehlenswert» ausgezeichnet. Sie basieren auf einem Modell mit drei Qualitätsstufen, das den Weingütern eine sukzessive Weiterentwicklung bis auf Stufe 3 ermöglicht. Schon Stufe 1 verlangt aber viel mehr als EU-Bio.
Mehr Infos unter www.delinat.com/richtlinien

Parkers Ritterschlag für Biodiversitätspionier

Es war für uns eine grosse Freude, als das spanische Familienweingut Volvoreta im vergangenen Jahr als erstes durchwegs die allerhöchsten ökologischen Anforderungen der Delinat-Richtlinien erfüllte. Das baskische Wort «Volvoreta» bedeutet Schmetterling. Ein schöner Zufall: So wurde das Weingut der Familie Alfonso in Kastilien und León zum leuchtenden Symbol für die Delinat-Philosophie, wonach wieder mehr Schmetterlinge in den Weinbergen Europas fliegen sollen.

Der Autor (links) lässt sich von David, Maria und Antonio Alfonso die grossartige Biodiversität auf dem Weingut Volvoreta zeigen.

Vater Antonio, Tochter Maria und Sohn David kultivieren ihre Reben in der kleinen Appellation Toro in einer einzigartigen Buschlandschaft mit Steineichen, Olivenbäumen, Mandeln und wilden Kräutern. Ihre Bemühungen, möglichst viel Natur im und um die Weinberge zu erhalten, brachte ihnen bereits 2009 den Biodiversitätspreis des spanischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt ein.

Volvoreta ist für mich einer der ganz wenigen Betriebe, welcher unter den Rebstöcken eine permanente Begrünung mit einer so grossen Artenvielfalt hat: Da gedeihen wilder Fenchel, wilder Lavendel, verschiedene Thymiansorten und viele andere Wildkräuter.

Dank den optimalen klimatischen Bedingungen braucht die Winzerfamilie nie Kupfer und kaum Schwefel zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten in den Reben. Im Keller verzichtet sie auf Zuchthefen, Schönungsmittel und Filtration. Der Wein schmeckt hervorragend und im Wissen, wo diese Trauben wachsen, schmeckt er mir sogar noch etwas besser als dem berühmten Weinguru Robert Parker, der den 2010er Volvoreta Probus mit 91 und den  neuen Jahrgang 2011 (noch nicht im Verkauf) gar mit sagenhaften 92 Punkten bewertet hat.

«Wir sind Inspirationsquelle für andere Weingüter»

Eine Reportage im aktuellen WeinLese-Magazin stellt Château Duvivier vor, das Weingut von Delinat in der Provence. Das versteckt gelegene Château ist Kundinnen und Kunden nicht nur durch seine Weine, sondern auch als Reiseziel für traumhafte Ferien in der Provence bekannt. Jetzt ist Château Duvivier eines der ersten Delinat-Weingüter, bei denen alle erzeugten Weine das 3-Schnecken-Niveau erreichen. Aus diesem Anlass führte Delinat-Redaktor Hans Wüst ein Interview mit Winzer Antoine Kaufmann. Hier lesen Sie Auszüge aus dem Gespräch, das komplette Interview finden Sie in der WeinLese 30 (PDF).

Antoine Kaufmann, wie sah es auf Château Duvivier aus, als Sie am 1. April 1998 angefangen haben?
Antoine Kaufmann: Die Weinberge wurden zwar bereits biologisch bewirtschaftet, waren aber in einem desolaten Zustand. Anfänglich waren die Spritzungen von Kupfer und Schwefel viel zu hoch dosiert. Ich habe dann radikal reduziert.

Antoine Kaufmann, Winzer Château Duvivier

«Alle haben gestaunt, dass es auch mit fünfmal weniger Kupfer und Schwefel bestens funktionierte.» Antoine Kaufmann, Winzer Château Duvivier

Kann sogar bald vollständig auf Kupfer- und Schwefelspritzungen gegen Pilzkrankheiten verzichtet werden?
Das wird in der Provence sehr schwierig. Zusätzlich aber setzen wir einen biologischen Pflanzentee aus Brennnesseln und Schachtelhalm ein. Dieser dient als Stärkungsmittel für die Reben und wirkt prophylaktisch gegen Krankheiten.

Das tönt nach 3-Schnecken-Wein: Erfüllen die Weine von Château Duvivier bald in allen Punkten höchste Delinat-Ökoansprüche?
Ja, ab Jahrgang 2012 haben alle unsere Weine drei Schnecken. Darauf sind wir natürlich mächtig stolz.

Wie hat sich die Qualität der Duvivier-Weine in den letzten Jahren entwickelt?
Wir setzen seit einigen Jahren stärker auf die Sorten Syrah und Cinsault sowie eine Vergärung in kleinen 600-Liter-Holzbottichen. Dadurch weisen unsere Weine mehr Fruchtigkeit und weichere Tannine auf, was von guten Tropfen aus der Provence ja erwartet wird. Mit unseren Weinen sind wir auch in der hiesigen Spitzengastronomie vertreten – etwa in den beiden Sternerestaurants Abbaye de la Celle und Bastide de Moustier von Alain Ducasse. Das zeigt, dass unsere Qualität stimmt.

Seit 1995 läuft ein Versuch mit pilzresistenten Rebsorten, sogenannten Piwis. Wann gibt es den ersten Piwi-Wein von Château Duvivier?
Wir gehen davon aus, dass wir dieses oder nächstes Jahr je eine weisse und eine rote Sorte in grösserem Stil anbauen können. Dann dauert es drei Jahre bis zum ersten Piwi-Wein.

Andere Meilensteine in Ihrer bisherigen Zeit als Duvivier-Winzer?
Eine gewaltige Herausforderung ist die Umsetzung des anspruchsvollen Delinat-Richtlinienprogramms auf der höchsten Stufe. Sie bereitet aber auch viel Freude, weil wir dadurch zu einer Inspirationsquelle für andere Weingüter in ganz Europa werden.

Zentraler Bestandteil der Richtlinien sind Massnahmen zugunsten der Biodiversität. Was ist hier die grösste Herausforderung?
Ganzjährig begrünte Weinberge gab es früher überhaupt nicht. Derzeit laufen Begrünungsversuche mit vier verschiedenen Saatgutmischungen. Damit untersuchen wir etwa den Einfluss der Begrünung auf die Nährstoff- und Wasserversorgung der Reben oder den Schutz vor Bodenaustrocknung und -erosion.

Biologischer Weinbau mit grosser Biodiversität ist noch immer sehr selten. Kann Château Duvivier als Modellweingut diesem europaweit zum Durchbruch verhelfen?
Ein Weingut allein kann den Durchbruch eines solchen Wandels zur Nachhaltigkeit des Weinbaus in Europa natürlich nicht bewirken. Aber gemeinsam mit den anderen 100 Weingütern, mit denen Delinat zusammenarbeitet, und dem Delinat-Institut bewegen wir derzeit schon sehr viel. Der Erfolg zieht die Aufmerksamkeit der Winzer und Verbände auf sich, die Nacheiferer unter den fortschrittlichen Winzern Europas werden von Jahr zu Jahr mehr.