Die Weinwelt war über Jahrhunderte überwiegend männlich geprägt. Dennoch haben immer wieder Frauen mit Leidenschaft, Mut und Innovationskraft entscheidende Spuren hinterlassen. Wir haben unsere Delinat-Winzerinnen und -Winzer gefragt, welche Frauen sie besonders inspiriert und geprägt haben.

Für María Barrena vom Delinat-Weingut Azul y Garanza sind es vor allem zwei Frauen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: zum einen Elisabetta Foradori aus dem Trentino. Die Winzerin beschritt dort ganz neue Wege, arbeitete biodynamisch, als das noch alles andere als en vogue war, und kelterte Weine, die in ihrer Eleganz und Lebendigkeit einzigartig sind.
Zum anderen beeindruckt die spanische Winzerin Sara Pérez aus dem Priorat und Montsant María Barrena: «Es gibt Frauen, die nicht nur Wein machen, sondern die Art und Weise, wie wir ihn verstehen, verändern. Für mich sind Elisabetta Foradori und Sara Pérez zwei Frauen, die eine neue Ära eingeläutet haben.
Elisabetta Foradori hat im Trentino der Traube ‹Teroldego› wieder Würde und Seele zurückgegeben – mit der Art, wie sie sie ausgebaut hat. Das ist ihr auf aussergewöhnliche Weise gelungen, indem sie dem Boden zuhörte, während andere auf Technik setzten. Ihr Schritt hin zur Biodynamie war kein Trend, sondern das Verinnerlichen einer Lebenshaltung: in Harmonie mit der Natur zu leben und zu arbeiten.
Eine Fusion zwischen Kraft und Feinheit
Foradori repräsentiert für mich diese Fusion zwischen Kraft und Feinheit, zwischen Intuition und Strenge, die die grossen Frauen der Weinwelt vereint. Und dann ist da Sara Pérez in den Regionen Priorat und Montsant – eine Frau, die Weine mit einer Tiefe keltert, die weit über technisches Können hinausgeht. In ihren Händen wird Wein zu einer Sprache, zu einem Landstrich, zu einer Emotion.

Ihre Arbeit bei ‹Clos Martinet› oder ‹Venus La Universal› erzählt nicht nur von ihrer Herkunft, sondern auch von einer anderen Art, sich mit ihr zu verbinden: freier, ehrlicher und menschlicher. Diese beiden – neben anderen, die im Stillen neue Wege bereiten – sind eine Inspiration, weil sie niemandem eine Vision aufzwingen, sondern das Sichtfeld erweitern.
Sie zeigen, dass Wein auch aus Sensibilität, Respekt und innerer Suche entstehen kann.» Frau im Wein zu sein, solle kein Kriterium sein, so María Barrena. Schliesslich unterscheide auch der Wein nicht zwischen den Geschlechtern. «Es geht darum, wie man ihm mit Sensibilität, Respekt vor der Natur und zur Zeit der Ernte begegnet.
Natürlich kann ich nicht verneinen, dass Frauen über einen langen Zeitraum weniger präsent waren in der Weinwelt. Das wiederum verleiht unseren Stimmen einen ganz besonderen Wert. Deswegen hat ‹Frau im Wein zu sein› ein Echo und ist wichtig. Es bedeutet, einen Platz einzunehmen, der uns früher unbekannt war.
Wir öffnen Wege – mit jedem Rebstock, den wir pflegen, mit jeder Traube, die wir ernten, mit jedem Wein, den wir keltern. Frau im Wein zu sein, bedeutet für mich auch, zu zeigen, dass es viele Möglichkeiten gibt, mit Sensibilität zu arbeiten – mit Technik und mit Emotion. In meiner Arbeit denke ich nicht in Geschlechterunterschieden, bin mir aber bewusst, was diese Möglichkeit beinhaltet: zu zeigen, dass es viele Blickwinkel auf den Wein und auf das Weinmachen gibt – so viele, wie es Seelen gibt, die ihn bearbeiten.»
Von Navarra ins Kremstal

Auch Kathi Moser von Vitikultur Moser im österreichischen Kremstal ist von Elisabetta Foradori inspiriert, hebt aber gleichzeitig die Bedeutung der Vernetzung von Frauen hervor: «In der Geschichte des Weins gab es immer wieder Frauen, die als Vordenkerinnen Massstäbe gesetzt haben – wie etwa Barbe-Nicole Ponsardin, besser bekannt als ‹Veuve Clicquot›. Sie führte nach dem Tod ihres Mannes das Champagnerhaus weiter und verhalf ihm zu weltweitem Ruhm.»
Noch wichtiger sind für Kathi Moser jedoch die kollektive Sichtbarkeit und die Stärke einer wachsenden weiblichen Community: «Frauen in der Weinbranche sind heute gut vernetzt, teilen Wissen und Kontakte. Es herrschen eine Offenheit und ein Austausch, die in der männlich geprägten Branche lange gefehlt haben. Diese solidarische Zusammenarbeit trägt wesentlich dazu bei, dass Frauen im Weinbau sichtbarer werden und ihre Rolle strukturell festigen.»
Dennoch gebe es nach wie vor Familien, in denen der Sohn automatisch als Nachfolger vorgesehen werde, obwohl längst klar sei, dass Frauen genauso erfolgreich einen Betrieb führen können. «Schade ist es, wenn eine talentierte Schwester im Schatten ihres Bruders steht – wie es umgekehrt genauso schade wäre.
Am Ende geht es darum, dass der Wein gut ist. Guten Wein machen können Frauen ebenso wie Männer. Und das ist inzwischen bei vielen angekommen. Manchmal ist es mir dennoch unangenehm, wenn ich den Eindruck habe, nur wegen meines Geschlechts eingeladen zu werden. Solange die Strukturen nicht gleichwertig funktionieren, bleibt Sichtbarkeit jedoch wichtig. Sie zeigt, dass Frauen im Weinbau keine Ausnahme sind, sondern ein selbstverständlicher Teil der Branche.»
Schweizer Frauen im Wein
Roland Lenz vom Delinat-Weingut Lenz am Iselisberg nennt Schweizer Vorbilder: «Es gibt sicher viele prägende Frauen. Zwei, die mir spontan einfallen, sind Marie-Thérèse Chappaz in Fully und Irene Grünenfelder in Jenins.» Marie-Thérèse Chappaz gilt für viele als Ikone des Wallis und als Vorreiterin in Sachen Biodynamie.
Ihre Weine sind weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Ihr wird die besondere Gabe zugeschrieben, die Energie der Reben und der Natur in Wein zu übersetzen. Irene Grünenfelder wiederum ist eine Selfmade-Winzerin aus der Bündner Herrschaft. Aus ihrem Einfrau-Projekt entwickelte sich ein Familienbetrieb. Gemeinsam mit ihrem Sohn Johannes Hunger keltert sie heute einige der gefragtesten Pinot Noirs der Schweiz.
Im Elsass prägte die Grossmutter
Im Elsass war es Grossmutter Marie-Rose Meyer, die Xavier Meyer von der Domaine Eugène Meyer prägte: «Sie baute den gesamten Export des Familienweinguts auf, das mein Grossvater Eugène 1969 auf biodynamischen Anbau umgestellt hatte. In einer Männerwelt hat sie sich durchgesetzt und diese Weine bekannt gemacht – zu einer Zeit, als kaum jemand biodynamischen Wein probieren wollte.
Dank ihres Charakters, ihrer Entschlossenheit und ihrer Leidenschaft war sie das Fundament des Weinguts. Heute, mit 86 Jahren, geniesst sie ihren Ruhestand, bleibt dem Betrieb aber eng verbunden. Sie ist ein grosses Vorbild für mich.»
Zur Rolle des Geschlechts sagt Xavier Meyer: «Das Geschlecht von Winzerinnen, Sommeliers oder Önologinnen sollte keine Rolle spielen. Zwar ist die Weinwelt historisch männlich geprägt, doch Frauen haben ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. In Frankreich sind heute vierzig Prozent der Weinfachleute Frauen – und ihr Anteil wächst. Dennoch ist es noch immer schwierig, sich durchzusetzen. Ich hoffe sehr, dass sich das weiter verändert.»
In Italien weht femininer Wind

Katia Stracci, Geschäftsführerin der Azienda San Giovanni in den Marken, nennt Pionierinnen wie Madame Clicquot und Donatella Cinelli Colombini. Letztere gründete das Projekt «Prime Donne», das Frauen im Wein fördert, und führt in der Toskana ein ausschliesslich von Frauen geleitetes Weingut, bekannt für eleganten Brunello di Montalcino.
«Es gab viele Frauen, die die Weinwelt geprägt haben», sagt Katia Stracci. «Madame Clicquot war eine der einflussreichsten. Sie übernahm im 19. Jahrhundert nach dem Tod ihres Mannes das Haus Maison Clicquot – heute Veuve Clicquot – und prägte die Champagnerproduktion nachhaltig. Ihr werden bedeutende Innovationen zugeschrieben, darunter das Rüttelverfahren. »
Donatella Cinelli Colombini sei zudem eine Botschafterin des italienischen Weins weltweit. Insgesamt beobachte sie, dass Frauen in der Weinwelt zunehmend präsenter würden – in der Kellerarbeit, der Önologie sowie in leitenden Funktionen.
«Wein ist eine Kunst, die Leidenschaft, Wissen und Können verlangt – unabhängig vom Geschlecht.» Das Thema «Frauen im Wein» bleibe dennoch wichtig: «Es geht um Anerkennung, Chancengleichheit und Sichtbarkeit. Obwohl Fortschritte erzielt wurden, sind Frauen in Führungspositionen vieler Regionen nach wie vor unterrepräsentiert. Es braucht gleiche Chancen, gleiche Löhne und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – durch echte Work-Life-Balance.»






















