«Ein wichtiges Ziel ist der Verzicht auf Kupfer und Schwefel»

Delinat betreibt auf Château Duvivier seit vielen Jahren angewandte Forschung und bietet den Winzern mit Delinat-Consulting einen umfassenden Beratungsservice. Unternehmensgründer Karl Schefer erklärt, weshalb sich der grosse Aufwand lohnt und welche Herausforderungen noch anstehen.

Delinat ist weltweit der einzige Weinspezialist, der selbst in die Weinbauforschung investiert und seinen Partnerwinzern einen umfassenden Beratungsdienst anbietet. Weshalb?
Karl Schefer: 1980, bei der Gründung von Delinat, gab es noch keine Richtlinien für Biowein. Wir waren daher gezwungen, selbst einen Standard zu definieren. Und weil kaum ein Winzer alle Punkte auf Anhieb erfüllen konnte, brauchten wir von Anfang an Fachleute, die helfen konnten, die strengen Anforderungen in der Praxis umzusetzen.

Karl Schefer, Bio-Pionier und Delinat-Gründer.
Karl Schefer, Bio-Pionier und Delinat-Gründer.

Wäre es heute aber nicht einfacher, auf bestehende Normen zu setzen?
Ja, das wäre bestimmt einfacher. Doch leider gibt es keine Normen, die dem Delinat-Standard auch nur nahe kämen.

Warum ist das so?
Das hängt vor allem mit unserer Spezialisierung zusammen. Es ist einfacher, sich auf ein Gebiet zu konzentrieren und nicht wie EU-Bio, Demeter, Knospe usw. von der Tierhaltung bis zur fertigen Gemüsepizza alles regeln zu müssen.

Forschen und beraten

Seit 1980 arbeitet Delinat beharrlich am Weinbau der Zukunft. Treibende Kraft ist die Abteilung Delinat-Consulting mit vier kompetenten und praxiserprobten Winzerberatern (siehe Artikel «Winzerberater»). In Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungsorganisationen und innovativen Winzern werden Methoden und Strategien für einen ökologisch und wirtschaftlich nachhaltigen Qualitätsweinbau mit hoher Biodiversität entwickelt.

Wichtiger Bestandteil ist eine ausgedehnte Versuchstätigkeit auf dem Delinat-eigenen Weingut Château Duvivier in der Provence und auf verschiedenen Partnerweingütern in ganz Europa. Das erarbeitete Wissen fliesst in die sich ständig entwickelnden Delinat-Richtlinien ein (die strengsten Bio -Richtlinien Europas) und wird den rund hundert Delinat-Winzern in ganz Europa durch die Winzerberater im Rahmen von regelmässigen Besuchen, Weiterbildungsseminaren, einer Hotline und einem umfangreichen Online-Portal weitergegeben. Delinat finanziert diese Abteilung und die Forschung mit 1 Prozent des Umsatzes.

Was war das Ziel der Delinat-Richtlinien?
Vor 36 Jahren lag in den meisten Weinen so ziemlich alles, nur nicht die Wahrheit. Wir wollten aufzeigen, dass es auch einen anderen Weg gibt, als Wein auf Kosten der Natur herzustellen. Die Erschaffung von Bio-Richtlinien im Weinbau war damals Pionierleistung; heute haben wir bewiesen, dass die Delinat-Methode sowohl ökologisch wie ökonomisch erfolgreicher ist.

Ökologisch erfolgreich, das ist verständlich. Aber ökonomisch?
Ja, das können unsere rund hundert Produzenten bestätigen. Die Delinat-Methode führt zu gehaltvollen, gesunden Trauben, die Basis für guten Wein. Wenn die schwierigen Jahre der Umstellung überstanden sind, die Biodiversität gewachsen und das ökologische Gleichgewicht eingekehrt ist, verdienen Delinat-Winzer mehr Geld als andere. Sie sparen teure Chemikalien, und die gute Weinqualität ermöglicht höhere Preise.

Inwiefern hatte die Pionierleistung Einfluss auf den Weinbau Europas?
Delinat hat neue Standards gesetzt und die Entwicklung des biologischen Weinbaus trotz Widerstand vorangetrieben. Das Bewusstsein, dass es mit totgewirtschafteten Rebbergen nicht weitergehen kann, ist gestiegen.

Bleiben die Delinat-Richtlinien – oder wie du es nennst: die Delinat-Methode – das Nonplusultra unter den Bio-Richtlinien?
Das wird sich wohl nicht ändern, denn unser Wissensvorsprung ist gross und die Delinat-Methode in permanenter Entwicklung. Auch für vermeintliche Kleinigkeiten werden Lösungen erforscht, in der Praxis erprobt und zusammen mit den Winzern umgesetzt. Neueste Beispiele sind die Verschlussfrage, bei der hochwertige Naturkorken als klare Sieger hervorgingen, und neue Methoden, um auf tierisches Eiweiss bei der Schönung zu verzichten, sodass alle unsere Weine auch die Vegan-Standards erfüllen.

«Die von Delinat finanzierten Winzertreffen gehören
zu den Höhepunkten des Winzerjahrs.»
Karl Schefer

Stimmt es, dass Delinat-Winzer zu Weiterbildung gezwungen werden?
«Gezwungen» ist ein starkes Wort. Es stimmt, dass die Richtlinien Weiterbildung vorschreiben. Da dies aber von allen Winzern sehr geschätzt wird, kann von Zwang keine Rede sein. Die von Delinat finanzierten Seminare und Winzertreffen gehören zu den Höhepunkten des Winzerjahrs.

Was wurde bisher erreicht? Welche Resultate haben dich überrascht oder stolz gemacht?
Noch wichtiger als die vielen erfreulichen Resultate von Versuchen in der Praxis sind die Ergebnisse, die die Anwendung der Delinat-Methode bewirkt: Das reiche Leben in den Weinbergen, die summende, bunte und duftende Idylle und die Rückkehr von ausgestorben geglaubten Arten.

Die Natur ist wichtiger als der Wein?
Das ist ja das Tolle: Die Frage muss niemand beantworten. Denn das eine hängt vom anderen ab. Ich geniesse dankbar die guten Weine und freue mich über den nachweisbar höheren Gehalt an wertvollen Polyphenolen und anderen Stoffen in Delinat-Trauben, die zu besserer Weinqualität führen.

Und die Anerkennung?
Ja, die auch. Am meisten freut mich die Treue unserer Kundinnen und Kunden, die vielen Leserbriefe, die uns für den Einsatz danken. Und natürlich freuen mich auch die Auszeichnungen wie der deutsche CSR-Preis für Biodiversität, der Binding-Preis und die Ehre, als bestes Label zu gelten. Das macht schon auch stolz und hilft in schwierigen Momenten, die es auch bei Delinat immer wieder mal gibt.

Worauf liegt zurzeit der Fokus in der Forschung?
Ein wichtiges Ziel ist der langfristige Verzicht auf Kupfer und Schwefel, die im Bioweinbau gegen Mehltau eingesetzt werden. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren beim Kupfer eine Reduktion von 90 Prozent geschafft, das heisst, unsere Winzer brauchen heute im Durchschnitt nur noch ein Zehntel von dem, was früher üblich war. Ausserdem werden wir die pilzwiderstandsfähigen Reben (PIWI) weiter fördern mit dem Ziel, daraus hochwertige Weine zu erzeugen. Die Weinbereitung bei den PIWI ist eine Herausforderung. Ein permanenter Fokus liegt auf der Beratung der Winzer in der Qualitätsförderung, um noch reichhaltigere, charaktervollere Weine zu produzieren.

«Die Delinat-Methode führt zu gehaltvollen,
gesunden Trauben, die Basis für guten Wein.»
Karl Schefer

Die Delinat-Richtlinien werden Jahr für Jahr verschärft. Deren Umsetzung bedeutet viel Arbeit für die Winzer. Es ist bestimmt einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten.
Nein, im Gegenteil. Dynamik und Ehrgeiz unter den Delinat-Winzern sind gross, und viele Verschärfungen der Richtlinien wurden von Winzern angeregt. Klar, es geht nicht immer bei allen gleich gut, aber dann stehen unsere Berater mit Rat und Tat zur Seite. Ausserdem fordern wir ja nicht nur, sondern geben auch. Wir sind der wohl verlässlichste Partner im Weinmarkt, vor allem dank des DegustierService, der eine langfristige Planung ermöglicht, den Winzern faire Preise garantiert und Sicherheit gibt. Dieses beliebteste aller Wein-Abos hat entscheidend zum Erfolg von Biowein in Europa beigetragen. Delinat-Winzer haben aber auch den Vorteil, das Label «Delinat» nutzen zu dürfen, was im internationalen Markt von entscheidendem Vorteil ist.

Gegenüber dem Endkonsumenten ist die Delinat-Methode aber nicht ganz einfach zu erklären.
Jeder, der die Gelegenheit hatte, einen Fuss in einen vor Leben strotzenden Weinberg zu setzen, versteht, was die Delinat-Methode bewirkt. Da kann tatsächlich keine Werbekampagne mithalten. Letztlich spricht aber das Produkt selbst eine klare Sprache: Weine aus reicher Natur sind charaktervoll und schmecken einfach besser. Und es ist völlig plausibel, warum das so ist.

Du sprichst das Terroir an?
Die Wahrheit liegt eben nicht im Glas, sondern zuallererst im Weinberg – das bestätigt jeder Weinmacher gerne. Es ist offensichtlich, dass Biodiversität zu gesunden und lebendigen Böden führt, auf denen sich die Reben wohl fühlen und reichhaltige, aromatische Trauben liefern. Ohne Dünger und ohne Pestizide können sich die Einflüsse des Terroirs voll entfalten. Und wenn vollreife, gesunde Trauben geerntet werden, dann entstehen lebendige, genussvolle und charakterreiche Weine wie von selbst. Terroirweine kann man nicht «machen», man muss sie vielmehr von der Natur machen lassen.

«Unser Wissensvorsprung ist gross.»
Karl Schefer

Sind Delinat-Kunden die besseren Weinkenner?
Wahrscheinlich ist das so. In jedem Fall ist die Treue unserer Kundinnen und Kunden überdurchschnittlich. Das bedeutet sicher, dass sie mit der Qualität und dem Preis-Genuss-Verhältnis zufrieden sind. Und das Bewusstsein, mit jedem Schluck etwas Gutes für die Natur zu tun, unterstützt das noch. Nachhaltigeren Genuss gibt es nicht.

Heute werden in Europa bereits über 3000 Hektar Rebfläche nach der Delinat-Methode bewirtschaftet. Zufrieden damit?
Es kann eigentlich nicht genug Delinat-Fläche geben. Leider geht die Umstellung langsam, man muss eher in Jahrzehnten rechnen. Doch viele Winzer stehen an der Schwelle der Entscheidung, sodass wir davon ausgehen, dass eine Verdoppelung bis 2025 möglich sein sollte. Bis dahin arbeiten wir kontinuierlich weiter am Weinbau der Zukunft.

Hans Wüst

Redaktor bei Delinat
Der Mensch kann die Natur malträtieren oder in Harmonie mit ihr zusammenarbeiten. Egal, wofür er sich entscheidet, sie ist immer stärker. Weine, die im Einklang mit der Natur hergestellt werden, sind deshalb nicht nur besser, sie haben auch eine ganz andere Aura.
Hans Wüst

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5 comments

  1. Bei zweimaligem Aufenthalt auf Château Duvivier konnte ich mich selbst von der Delinat-Methode überzeugen! Ja, Biodiversität im Weinberg ist überzeugend: weg vom traditionellen Weinbau, hin zur Biodiversität und Wiederherstellung der NATUR! Das dabei sehr gute Weine hergestellt werden, die jeder mit gutem Gewissen trinken kann, ist eine besondere Freude. Weiter so!

  2. Ich bin Herrn Schefer sehr dankbar, dass er den biologischen Weinbau fördert und zwar auf eine wunderbare Art, die für die Umwelt und die Menschen, die das Glück haben Delinat-Weine geniessen zu können, ein Gewinn ist. Es ist ein vielfacher Genuss, da man die Vielfalt der blühenden und duftenden Weinberge vor Auge und Nase hat.
    Herzlichen Dank!

    1. Ihre Frage ist berechtigt, vielen Dank. 2016 wird als Weinjahr wohl in die Geschichte eingehen. Es war äusserst schwierig, mit den von Delinat vorgeschriebenen Maximalmengen auszukommen und einige Winzer, insbesondere aus Deutschland und Norditalien, haben ein Gesuch für eine Ausnahmebewilligung für eine Erhöhung der Kupfermenge eingereicht. Eine solche Erhöhung ist möglich, wenn dadurch der 5-Jahres-Durchschnitt nicht überschritten wird. Noch hat kein Delinat-Winzer das 5-Jahres-Limit überschritten. Würde aber ein weiteres schlechtes Jahr anstehen, könnte es dazu kommen.

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