«Minimalisten treffe ich unter den Delinat-Winzern nicht an»

Wer kontrolliert eigentlich die Einhaltung der Delinat-Biorichtlinien? Wie spielen sich die Kontrollen ab? Seit 1998 arbeitet Delinat mit der unabhängigen Kontroll- und Zertifizierungsfirma bio.inspecta zusammen. Philipp Seitz, ein erfahrener Inspektor, gibt Auskunft.

Wie läuft eine Kontrolle der Delinat-Richtlinien beim Winzer konkret ab?
Philipp Seitz: In der Regel begegnen sich Betriebsleiter und Inspektor zuerst im Betriebsgebäude. Dort wird der Ablauf der Inspektion kurz umrissen, bevor die erste Dokumentenkontrolle erfolgt, die einen Über- und Einblick in den Betrieb gewährt. Anschliessend kommt es zu einer Feldbegehung, um die Informationen vor Ort zu verifizieren. Daran schliesst sich eine zweite, meist kürzere Phase der Dokumentkontrolle an, in der offene Fragen abschliessend geklärt werden. Zum Schluss wird das Inspektionsprotokoll ausgefüllt und von beiden Seiten unterzeichnet.

War der Weinbau schon immer Ihre Domäne?
Nein, meine Schwerpunkte lagen bis vor wenigen Jahren hauptsächlich bei tropischer Landwirtschaft und Feldbau, besonders Kaffee, Kakao, Tee, Zuckerrohr und Baumwolle. Durch bio.inspecta hatte ich die Möglichkeit, auch in der Landwirtschaft der gemässigten Zonen Fuss zu fassen. Mit Weinbau hatte ich in der Vergangenheit nur im Rahmen von Fairtrade Audits in Chile zu tun – da ging es aber mehr um soziale und ökonomische Fragen und weniger um Ökologie.

Philipp Seitz bei einer Kontrolle auf der Domaine Beaurenard
Philipp Seitz (links) bei einer Kontrolle auf der Domaine Beaurenard in Châteauneuf-du-Pape.

Wie gehen Sie bei den Kontrollen auf den Delinat-Gütern genau vor?
Inspektionen können sowohl angekündigt als auch unangekündigt erfolgen. Bei der Durchführung exklusiver Delinat-Kontrollen sind unangekündigte Kontrollen nicht bedeutsam, weil die Biodiversität immer offensichtlich ist, das heisst zu jedem Zeitpunkt kontrolliert werden kann. Ausserdem handelt es sich bei den Delinat-Betrieben um biozertifizierte Weingüter, die bereits durch die Mangel der Biokontrolle gegangen sind.

Wie reagieren die Delinat-Winzer auf Ihre Kontrollen?
Überraschenderweise waren bisher alle Betriebe sehr offen, auch wenn ich während der Erntezeit zu Besuch kam, was in der Regel die arbeitsintensivste Zeit des Jahres ist.

Was kontrollieren Sie genau?
Ein Schwerpunkt sind Kriterien, die einen Eindruck liefern von der Biodiversität, wie beispielsweise ökologische Hotspots, Baum- und Strauchwuchs usw. Diese werden quantitativ erfasst. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Einhaltung strikter Kupfer- und Schwefelobergrenzen, die strenger sind als im üblichen biologischen Anbau.

Philipp Seitz
Philipp Seitz wurde 1969 in Rio de Janeiro geboren. Er ist studierter Agraringenieur und arbeitet weltweit als Berater und Auditor für Nachhaltigkeitsstandards mit Schwerpunkt Tropen und Kleinbauern. Seit 2015 ist er für bio.inspecta tätig und kontrolliert hier unter anderem Delinat-Weingüter in verschiedenen europäischen Ländern. Er ist in Bonn wohnhaft und vierfacher Familienvater.

Die Delinat-Biorichtlinien gelten als die strengsten im Weinbau. Wie schwierig oder aufwendig ist die Kontrolle?
Anspruchsvoll für jeden Inspektor sind die Biodiversitätsrichtlinien, deren Vielseitigkeit und Abgrenzbarkeit sich nur demjenigen erschliessen, der Fachwissen mitbringt. Daher gehört ein jährliches Training zum Standardrepertoire eines jeden Delinat-Inspektors.

Stellen Sie bei den Winzern grosse Unterschiede bezüglich Umsetzung der Richtlinien fest?
Minimalisten treffe ich unter den Delinat-Winzer nicht an. Selbstverständlich gibt es jene, die aufgrund klimatischer Umstände gewisse Abstriche machen müssen, zum Beispiel bei der Dauerbegrünung und beim Pflanzenschutz. Nichtsdestotrotz: Auch diese Betriebe zeichnen sich durch grosse Motivation aus, ökologische und biodiverse Massnahmen umzusetzen.

Was passiert, wenn Sie Verstösse gegen einzelne Richtlinienpunkte oder generell Verfehlungen feststellen?
Kleinere Verstösse müssen vor Verlängerung des Zertifikats behoben werden. Bei gröberen Verstössen – normalerweise im Bereich des Pflanzenschutzes – muss der Betrieb plausibel darlegen, warum es zum Verstoss gekommen ist. Nur wenn der Verstoss für den Kontrolleur nachvollziehbar ist, kann eine Ausnahmebewilligung erteilt werden.

Wie oft kommt das vor?
Selten. In der Regel nur in sehr niederschlagsreichen Jahren.

Wo sehen Sie als professioneller Inspektor die Stärken und Schwächen der Delinat-Richtlinien?
Die Richtlinien zählen sicherlich zu den stärksten Biodiversitätstandards überhaupt. Die Herausforderung liegt in der Komplexität, die Biodiversitätsrichtlinien eigen ist. Deswegen ist es erforderlich, dass das gesamte Standardsystem, in das die Richtlinien eingefasst sind, stabil gebaut ist. Dazu gehört insbesondere auch eine gute Ausbildung von Inspektoren. Von aussen erkennt man die Stärke eines Standardsystems an der Art und Weise, wie die Zielgruppe die Richtlinien annimmt – die durchwegs positive Haltung aller Betriebe ist das, was mich am meisten überrascht hat.

Die bio.inspecta AG
Die bio.inspecta AG ist eine unabhängige, neutrale und weltweit tätige Schweizer Kontroll- und Zertifizierungsfirma mit Sitz in Frick AG. Das Angebot umfasst anerkannte Kontrollen und Zertifizierungen für Bio- und Labelprodukte sowie ISO-Standards und Lebensmittelsicherheit.
Die Zusammenarbeit mit Delinat besteht seit 1998. Konkret überprüfen unabhängige Inspektoren die Einhaltung der Delinat-Richtlinien in der Praxis und stellen bei der Erfüllung der Vorgaben das entsprechende Zertifikat aus. Kontrolle und Zertifizierung basieren auf dem vier-Augen-Prinzip, das heisst, nach der Kontrolle vor Ort wird die Zertifizierung der Weine von einer zweiten Person durchgeführt. bio.inspecta ist somit ein wichtiger Eckpfeiler in der Qualitätssicherung bei Delinat.

Alle Artikel der WeinLese 58

Die Geburtsstunde des Bioweins: erste Richtlinien für Bio-Weinbau in Europa bereits 1983

Mit der EU-Öko-Verordnung wurden 1992 erstmals europaweit geltende Kontrollvorschriften für biologischen Landbau eingeführt. Diese galten auch für den Anbau von Weintrauben, nicht aber für deren Verarbeitung im Keller. Dafür gibt es in der EU erst seit 2012 rechtsverbindliche Bio-Richtlinien. Die Bezeichnung «Biowein» für ökologisch erzeugte Weine darf offiziell deshalb erst seit dem Jahrgang 2012 verwendet werden. 

Biowein Richtlinien

Schon viel früher, nämlich 1983, schuf Delinat eigene Biorichtlinien für Weinanbau und -bereitung in Europa, was damals nicht ganz einfach war.

«Das war eine harte Zeit …»

Delinat-Gründer Karl Schefer erinnert sich: «Das war gleichermassen eine harte, aber auch spannende Zeit. Es fehlte uns an Wissen, Geld, Infrastruktur und vor allem an Mitstreitern. Weinhandel und Behörden hatten sich geschlossen gegen uns gestellt. Genau genommen hatten wir nur eines: Die sichere Überzeugung, dass unsere Idee richtig ist. Dass natürlich gewachsener Wein besser sein muss. Beseelt von dieser Idee haben wir die notwendige Kraft geschöpft, die es brauchte, um einige Dutzend Abstürze zu überwinden. Kraft gaben uns die damaligen Winzer-Pioniere, die wie wir vom Grundgedanken überzeugt waren.

Schon 1982 trafen sich sieben charismatische Persönlichkeiten im appenzellischen Speicher, wo wir in drei Tagen die ersten Delinat-Richtlinien formuliert haben, die 1983 in Kraft traten. Das war die Geburtsstunde des Bioweins, weil diese Richtlinien, anders als alle anderen, auch die Weinbereitung und nicht nur die Traubenproduktion definiert hatten. Darauf waren wir sehr stolz.»

Unerwünschte Exoten

Aus fremden Gebieten eingeschleppte Neophyten, die sich invasiv verhalten, verdrängen einheimische Pflanzen und stören oder zerstören die Biodiversität. Die Delinat-Richtlinien verlangen deshalb neu, dass die Winzer dagegen vorgehen und diese an der Ausbreitung in den und um die Weinberge hindern. Seltene einheimische Arten dagegen müssen gefördert werden.
Die Goldrute ist ein aus Nordamerika eingeschleppter Neophyt, der sich invasiv verhält und einheimische Pflanzen verdrängt.
Weinberge von einst glichen Naturparadiesen. Zwischen Reben wurden Obstbäume, Beeren und Gemüse gepflanzt, Hühner und Schafe hielten das «Unkraut » in Schach. Erst Monokulturen brachten die grossen Probleme, an denen noch heute der Weinbau krankt: Die Rebe als alleinige Pflanze ist Eindringlingen hilflos ausgeliefert. Stabilität kann nur durch Vielfalt erreicht werden.
Keine Kamille, sondern unerwünschtes Berufkraut, das sich ohne Bekämpfung massiv vermehrt und die einheimische Flora verdrängt.
Dieser Grundsatz, der schon seit Beginn den Kern der Delinat-Methode bildet, ist mit der Ausgabe der Richtlinien 2017 um zwei Aspekte präziser geworden: Aus fremden Gebieten eingeschleppte Neophyten, die sich invasiv verhalten, verdrängen einheimische Pflanzen und stören oder zerstören die Biodiversität. Die Delinat-Richtlinien verlangen deshalb neu, dass die Winzer dagegen vorgehen und diese an der Ausbreitung in und um die Weinberge hindern. Der zweite neue Punkt verlangt, dass seltene einheimische Arten gefördert werden. Konkret müssen die Delinat-Winzer Buch führen über seltene Arten, die in ihrer Region eine Chance für die Wiederansiedlung und Vermehrung haben. Sie müssen Massnahmen ergreifen, diese Arten in und um ihre Weinberge zu fördern. Zum Beispiel können gezielt Pflanzen gesät werden, deren Nachbarschaft die seltenen Kräuter, Blumen oder Sträucher mögen oder die als Nahrung für seltene Insekten, Vögel, Reptilien dienen. Massnahmen und Fortschritte werden notiert, einfach und unbürokratisch.
Richtlinien-Entwicklung Jahr für Jahr gibt es neue Anforderungen, die in die Delinat-Richtlinien aufgenommen werden. Diese schreibt Delinat aber nicht einfach vor. Sie werden zuerst von Experten beurteilt. Wenn diese den Nutzen anerkennen, dann werden als Nächstes die Delinat-Winzer befragt. Sie haben stets einige Monate Zeit, Stellung dazu zu nehmen, Einwände vorzubringen und allfällige spezifische Problemfälle aufzuzeigen. Im Zweifelsfall wird die Aufnahme der neuen Punkte in die Richtlinien um ein Jahr verschoben. Erst wenn wir sicher sind, dass die meisten Delinat-Winzer keine gravierenden Probleme mit den neuen Anforderungen bekommen und der Nutzen unbestritten ist, werden die Punkte in die Richtlinien aufgenommen. Es ist also ein demokratischer Prozess, der allerdings oft etwas Druck braucht, damit die Entwicklung weitergeht und das Regelwerk sich laufend verbessern kann.

Invasive Exoten bekämpfen

Der giftige Riesenbärklau stammt ursprünglich aus dem Kaukasus und ist in Europa ein invasiver Neophyt. Bei Hautkontakt drohen Verbrennungen.
Gleichzeitig gilt es, gegen eingeschleppte, invasive Arten vorzugehen. Solche Pflanzen nennt man Neophyten, Tiere Neozoen. Sie verursachen mehr Schäden, als bislang angenommen wurde, und die Plage nimmt rapide zu. Obwohl es darunter auch giftige Arten wie den Riesenbärklau gibt, der bei Hautkontakt schwere Verbrennungen auslösen kann, ist das Hauptproblem ein anderes: die extrem rasche Ausbreitung der Einwanderer. Wenn der Mensch nicht eingreift, können invasive Arten wie Goldrute, Drüsiges Springkraut, Erdmandelgras, Fuchsschwanz oder Schmalblättriges Greiskraut einheimische Pflanzen innerhalb weniger Jahre verdrängen. Jede Art, die zurückgedrängt wird, zieht eine Reihe von Folgeproblemen mit sich: Spezialisierten Insekten fehlt es an Nektar und Pollen, Kleintieren an Beute usw. Mit jeder von Invasoren zurückgedrängten einheimischen Art folgt ein grosses Sterben weiterer Arten.

Winzer müssen handeln

Die Delinat-Richtlinien 2017 schreiben daher vor, dass Winzer die in ihrer Region bekannten invasiven Arten kennen und Vorkehrungen gegen ihre Verbreitung in und um die Weinberge treffen müssen. Neophyten sollten möglichst sofort nach dem Entdecken mechanisch entfernt werden. Manche müssen ausgegraben werden, bei anderen reicht ein wiederholtes Jäten und/oder Mähen. Wichtig ist, dass der Eingriff vor der Blüte geschieht, weil man sonst durch die Manipulation der Saat hilft, sich zu verbreiten.
Die auf Getreideschiffen aus Nordamerika als blinder Passagier nach Europa gelangte Ambrosia konkurrenziert nicht nur einheimische Nutzpflanzen, sie kann auch der menschlichen Gesundheit schaden.
Pflanzen lassen sich in Weinbergen relativ gut kontrollieren. Bei Insekten und Kleintieren (Neozoen) ist das schwieriger. Hier gilt der Grundsatz, dem Eindringling möglichst wenig Lebensgrundlage zu bieten (Wohnräume, Nahrung usw.). Dazu braucht es Kenntnisse der Biologie der Spezies, gute Beobachtung und viel Geduld.

Viele Exoten sind unproblematisch

Beide neuen Richtlinien-Punkte präzisieren das Delinat-Kernthema «Biodiversität». Denn Vielfalt ist nicht gleich Vielfalt. Wichtig ist die Qualität der Artenvielfalt. Im Fall von invasiven Neophyten bedeutet eine auftauchende neue Art fast immer einen darauffolgenden Schwund einheimischer Arten und somit eine ärmere Biodiversität. Zu erwähnen bleibt, dass längst nicht alle Neophyten problematisch sind. Hierzulande zählt die Flora heute ungefähr 500 bis 600 Neophyten. Davon verhalten sich lediglich etwa 10 Prozent invasiv und müssen kontrolliert und bekämpft werden.

Die Hürden vom Weinberg bis ins Paket

Weine, die es in den Delinat-DegustierService schaffen, erfüllen höchste Anforderungen an Qualität und ökologische Produktion. Grundlage für die zahlreichen Hürden, die es zu überwinden gilt, sind eigene Richtlinien, die seit 30 Jahren entwickelt und fortlaufend weiter verfeinert werden. Sie fordern und fördern Weinberge mit grosser Biodiversität, geschlossene Kreisläufe sowie eine Kelterung ohne überflüssige Hilfsmittel.

Kontrolle der Arbeit vor Ort

Die Delinat-Winzerberater überprüfen anhand einer Checkliste eine Vielzahl an Anforderungen, die an alle kooperierenden Weinbaubetriebe gestellt werden. In vielem gehen sie über das hinaus, was für eine Biozertifizierung Voraussetzung ist. Höchste Priorität kommt der Biodiversität zu. Überprüft wird etwa die Anzahl biologischer Hotspots. Das sind Ökoinseln inmitten der Reben mit wilder Natur und mindestens einem Baum, Büschen, Wildwuchs, Holz- und Steinhaufen. Erfasst und eingestuft wird auch der Einsatz von Strom aus erneuerbaren Quellen. Und die Winzer müssen Delinat über die Eckpunkte der Arbeitsverträge und Sozialstandards in Kenntnis setzen. Alles in allem sind es heute über hundert Punkte, die mit den Produzenten besprochen werden. Je nachdem, wie weit der Betrieb diese bereits erfüllt, werden die Weingüter mit einer bis drei Delinat-Schnecken ausgezeichnet.

Analyse der Weine

Jeder Wein wird vor der Aufnahme in den DegustierService von internen Spezialisten mehrfach degustiert und eingehend durch ein unabhängiges Labor analysiert. Der Wein muss einerseits in Nase und Gaumen überzeugen, andererseits bei der Laboranalyse einer Vielzahl von Parametern standhalten. Ein paar Beispiele: Ist der Wein frei von unerwünschten Rückständen wie Trubund Fehlstoffen, Pestiziden oder künstlichem Glycerin? Sind Säure- und Zuckerwerte mit Zusatzstoffen beeinflusst worden? Werden unsere eigenen, strengen Schwefel- und Histaminwerte eingehalten? Ein einzigartiger Suchfilter auf der Delinat-Website gewährt diesbezüglich übrigens volle Transparenz für jeden Wein.

Basis für langfristige Zusammenarbeit

Neben den Produktionsanforderungen ist eine Vielzahl weiterer Aspekte wesentlich: Kann und will der Betrieb die von Delinat benötigten Mengen bereitstellen, vom aktuellen Jahrgang und auch von folgenden? Und kann davon ausgegangen werden, dass die kommenden Abfüllungen mindestens so gut ausfallen wie die aktuelle? Die Kostproben lösen Nachbestellungen aus, und selbstverständlich sollen auch gelungene nachfolgende Jahrgänge angeboten werden können, falls der Wein bei den Kunden Zuspruch findet. Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die Sortimentsbreite eines Weinguts bezüglich Weintypen und preislicher Abstufungen. Grundsätzlich gilt: je differenzierter, umso attraktiver. Und last, but not least: Welches Entwicklungspotenzial scheint gegeben? Ist eine Steigerung der Biodiversität bis zum maximalen Status von drei Schnecken möglich? Besteht das Potenzial, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Rebberg und die Hilfsmittel im Keller mittelfristig zu reduzieren? Und ist der Produzent bereit, im Zusammenspiel mit den Delinat-Einkäufern bestehende Weine weiterzuentwickeln und neue zu kreieren?

Weitere Artikel zum DegustierService aus der WeinLese 46:


WeinLese 45: Kurz & bündig

Editorial

Wir sind stolz auf unsere Winzer und ihre exzellenten Weine, die sie nach den anspruchsvollsten Biorichtlinien Europas erzeugen. Es sind Weine mit einem klaren Mehrwert. Diesen Mehrwert zu kommunizieren und verständlich zu machen, ist nicht immer ein einfaches Unterfangen.

Aber wir haben dafür probate Wege und Mittel gefunden. Geschichten und Hintergründe zu Winzern und Weinen in unseren gedruckten Medien und auf der Website machen diesen Mehrwert plausibel. Oder das vielseitige Kurs- und Reiseangebot: In entspannter Atmosphäre und im persönlichen Kontakt mit Direktbeteiligten erfährt man mehr über den Weinbau nach der Delinat- Methode.

Eine weitere Möglichkeit, in die Weinwelt von Delinat einzutauchen, bieten individuelle Ferien beim Winzer. Eine Reportage vom Agriturismo der Azienda Salustri in der Toskana (Artikel «Benvenuti in der Maremma») zeigt, wie spannend, abwechslungsreich und erhellend eine solche Ferienwoche sein kann. In Italien und Frankreich bieten mehrere Delinat-Weingüter Ferienunterkünfte an.

Halten Sie es mit Goethe, und seien Sie neugierig – auf unseren Weingütern erfährt man viel!

Hans Wüst, Redaktor

Kurz & bündig

Deutsche Riesling-Elite

Oliver Spanier und Carolin Spanier-Gillot sind verheiratet und haben je ein Weingut mit in die Ehe gebracht: Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot aus Rheinhessen gehören beide zu den 25 besten Weingütern Deutschlands, wenn es nach dem Weinguide Gault-Millau geht. Bei Kühling-Gillot war das bereits in der Vergangenheit der Fall, Battenfeld-Spanier ist in der Ausgabe 2017 erstmals mit vier Trauben ausgezeichnet worden und somit ebenfalls in die deutsche Riesling-Elite aufgestiegen. Von beiden Weingütern, die konsequent nach ökologischen Kriterien arbeiten, sind mehrere Riesling-Weine bei Delinat erhältlich.

Neuer Besitzer für Mas Igneus

Toni Albet i Noya, der Bruder von Josep Maria, ist neuer und alleiniger Besitzer der Bodega Mas Igneus. Toni Albet i Noya zieht sich mittelfristig aus dem operativen Geschäft bei Albet i Noya zurück und kümmert sich nur noch um das renommierte Weingut im Priorat. «In Zusammenarbeit mit Önologin und Kellermeisterin Yolanda Carazo möchte ich auf Mas Igneus für neue Impulse sorgen», begründet Toni Albet i Noya seine Neuausrichtung.

Auszeichnung für «Steinzeug-Riesling»

ECOVIN, der Bundesverband ökologischer Weinbau in Deutschland, prämiert jedes Jahr die besten Weine des Verbands (EcoWinner). 2016 haben die Mitgliedsbetriebe über 500 Weine zur Probe eingereicht. Daraus wurden in 18 Kategorien die EcoWinner gekürt. Einer davon ist der bee Honigberg Steinzeug Riesling 2015 von Timo Dienhart vom Weingut zur Römerkelter an der Mosel.

Letzte Saison für Sylvia und Uwe Fahs

Uwe und Silvia Fahs

Tausende von Feriengästen haben Sylvia und Uwe Fahs auf dem Delinat-eigenen Château Duvivier in den vergangenen 22 Jahren umsorgt und kulinarisch verwöhnt. Jetzt hat für das langjährige Gastgeberpaar die letzte Saison in der Provence begonnen. Ende 2017 wartet der wohlverdiente Ruhestand. Wer nochmals die legendäre Fahs-Gastfreundschaft und die unvergesslichen Abendessen in Bioqualität mit der launigen Präsentation von Uwe erleben möchte, muss sich also beeilen.
www.chateau-duvivier.com

Delinat-Richtlinien 2017

Wie jedes Jahr wurden die Delinat-Richtlinien neuen Entwicklungen und Erkenntnissen angepasst. Die wichtigsten Änderungen ab 2017: Von den Winzern wird verlangt, fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien zu substituieren (siehe Artikel «Traktoren unter Strom»). Neu sind von Tieren stammende Verarbeitungshilfsstoffe (Hühnereiweiss, Milchprodukte usw.) in der Weinbereitung ausgeschlossen. Darüber hinaus dürfen im Weinbau keine Produkte, die Schlachtabfälle enthalten, als Dünger verwendet werden. Damit sind alle Delinat-Weine ab Jahrgang 2017 für Veganer geeignet.

Alle Beiträge der WeinLese 45 finden Sie hier.

Traktoren unter Strom

Ein Jahrhundert lang wurde am Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren gearbeitet. Mit ernüchterndem Ergebnis: Noch immer landen nur gerade rund 20 Prozent der verbrannten Energie im Antrieb. Von fünf Litern Benzin oder Diesel werden vier Liter umsonst verbrannt. Auch sie erzeugen das Klimagift CO2 und heizen die Atmosphäre auf. Dass dies so ist, hat mit Physik zu tun, deren Gesetze auch mit modernster Technik nicht ausgehebelt werden können.

Ganz anders sieht die Bilanz beim Elektromotor aus, der einen Wirkungsgrad von rund 90 Prozent erreicht. Zieht man die Energie für Heizung, Kühlung, Licht usw. des Fahrzeugs ab, fliessen noch immer 85 Prozent in den reinen Antrieb. In Anbetracht dieser eklatanten Unterschiede grenzt es an ein Wunder, dass die Autoindustrie nicht schon vor Jahrzehnten ernsthaft in den Elektroantrieb investiert hat. Es brauchte wohl den südafrikanisch-amerikanischen Querdenker und Haudegen Elon Musk, der mit Tesla gezeigt hat, wie das gehen kann. Der Schrecken bei den etablierten Automarken sitzt tief, und erst langsam beginnt sich die Schockstarre zu lösen.

Vergleich der Emissionen

Den gesamten CO2-Ausstoss von Elektrofahrzeugen und Verbrennern zu vergleichen, ist eine komplexe Angelegenheit. Einen guten und seriösen Emissions-Vergleich (PDF) hat der Schweizer Martin Rotta für den deutschsprachigen Raum erstellt. Ergebnis: Elektofahrzeuge haben die Nase vorn – wie weit vorn, hängt davon ab, wie der benötigte Strom erzeugt wird.

Es ist völlig klar, dass das Bild auf den Strassen sich stark verändern wird. Aber nicht nur dort. Auch Industriemaschinen, die heute noch mit Diesel laufen, werden elektrifiziert. Das dauert etwas länger, weil sich die Entwicklungskosten auf weniger Einheiten verteilen und der Anreiz für die Hersteller deshalb kleiner ist. Trotzdem gibt heute schon wegweisende Projekte, zum Beispiel von grossen Traktor-Herstellern.

Eines darf man bei aller Euphorie aber nicht vergessen: Die Ökobilanz von Elektrofahrzeugen ist nur so gut wie die des eingesetzten Stroms. Stammt dieser von Kohlekraftwerken, ist die Bilanz katastrophal. Da schneiden sogar Benziner besser ab. Geradezu ideal ist es hingegen, wenn Strom von «neuen erneuerbaren» Quellen wie Photovoltaik oder Wind direkt in die Akkus der Fahrzeuge fliesst und nicht erst über lange Leitungen transportiert werden muss.

Richtlinien fördern grüne Energie

Solarstrom für Weingüter
William Savian aus dem Veneto produziert mit einer 200-Kilowatt-Anlage genügend Strom für Weinkeller und Lager, und es würde auch noch für Traktoren und Autos reichen. Die meisten Winzer verfügen über grosse Dachflächen, die sich für Photovoltaik eignen.

Das Thema Energiegewinnung und Elektroantrieb haben wir bei Delinat seit Jahren immer wieder mit unseren Winzern diskutiert. Und nun haben wir es in die Delinat-Richtlinien 2017 aufgenommen. Ideal wäre, wenn jeder Winzer seinen eigenen Strom produzieren und sich von Kraftstoffen unabhängig machen könnte. Das wäre nicht nur ökologisch, sondern langfristig auch ökonomisch interessant. Der neue Passus in den Richtlinien 2017 lautet: Ab 2021 muss die Energie für den Betrieb aus erneuerbaren Quellen selbst erzeugt werden:

  • Auf Stufe 1 Delinat-Schnecke: mindestens 30% des Energieverbrauchs
  • Auf Stufe 2 Delinat-Schnecken: mindestens 60% des Energieverbrauchs
  • Auf Stufe 3 Delinat-Schnecken: 100% des Energieverbrauchs

Damit haben unsere Winzer vier Jahre Zeit, ihre Anlagen zu planen und zu realisieren. So lange Diesel verbraucht wird, gilt ein einfacher Umrechnungssatz von 1 Liter Diesel = 10 kWh Strom.

Viele beginnen nicht bei null

Natürlich beginnen die wenigsten Winzer bei null. Die meisten haben entweder bereits Anlagen installiert oder solche geplant. Jenen, die Probleme mit Bewilligungen, Planung oder Realisierung haben, stellen wir Fachleute zur Verfügung und helfen wenn nötig bei der Finanzierung. Bei Härtefällen, wo Bewilligungen schwer oder nicht zu bekommen sind, wie zurzeit in Spanien, können sich Winzer an Projekten im Umkreis von 100 km beteiligen, um ihre eigene saubere Energie herzustellen.

Ich wage eine Prognose: In zehn Jahren fahren auf Delinat-Gütern mehr Elektro- als Diesel-Fahrzeuge. Wetten?

Vorreiter Tesla

Die Luxuslimousine Tesla wiegt 2,2 Tonnen und braucht trotzdem nur 18 kWh Strom pro 100 Kilometer, was ungefähr 1,8 Litern Diesel entspricht. Ein Verbrenner mit vergleichbarer Leistung verbraucht mindestens das Vierfache. Der PV-Ertrag der Dachfläche eines Einfamilienhauses reicht aus, um einen Tesla jedes Jahr dreimal um die Erde zu fahren: 120 000 km.

In vino veritas: die neue Delinat-Weinsuche

Im Wein liegt die Wahrheit. Das Sprichwort mag seit jeher seine Gültigkeit haben, wenn es meint, reichlicher Weingenuss löse die Zunge und bringe so das wahre Gesicht des Geniessers zum Vorschein. Weitgehend im Verborgenen bleibt die Wahrheit, wenn es um Fragen geht, wie Wein angebaut und vinifiziert wird oder welche Inhaltsstoffe er enthält. Mit einem neuen, einzigartigen Suchfilter mit hunderten von verschiedenen Kriterien ermöglicht Delinat im Web nun erstmals volle Transparenz für jeden Wein. Egal nach welchen Kriterien Sie Wein suchen: Die ausgeklügelte Delinat-Weinsuche findet immer die passenden Tropfen.

vino-veritas

Hier ein paar konkrete Beispiele

«Ich mag trockene Rotweine mit einem besonders tiefen Restzuckergehalt. »
Kurt (58)

Mehr und mehr Weine enthalten heute Restzucker. Er verleiht ihnen einen gefälligen Charakter, der dem populären easy drinking entgegen kommt. Weine mit weniger als 4 g/l Restzucker bezeichnet man in der Schweiz und in Deutschland als trocken. In der Delinat-Weinsuche kann nicht nur grammgenau nach Restzucker gesucht werden, sondern auch nach den verschiedenen Zuckerarten (Glucose, Fructose usw).

«Weine mit hohem Sangiovese-Anteil trinke ich am liebsten.»
Ruth (45)

Bei sämtlichen Delinat-Weinen können Sie aufs Prozent genau sehen, welche Traubensorten enthalten sind. Mit der neuen Weinsuche können Sie den Anteil einer Rebsorte bestimmen und die Resultate entsprechend filtern. Sodass zum Beispiel nur Weine angezeigt werden, die mindestens 30 Prozent Sangiovese-Trauben enthalten.

«Den Bonarossa kann ich voll und ganz weiterempfehlen. Er passt perfekt zu sizilianischen Caserecce, und das Preis-Genuss-Verhältnis ist Spitze.»
Peter (52)

Kunden haben die Möglichkeit, jeden Wein auf der Website von Delinat zu bewerten. Diese Kommentare werden unredigiert veröffentlicht und fliessen in die professionelle Weinbeurteilung ein. Alle Weine können mit der neuen Suche nach Preis-Leistungs- und Geschmacksbewertungen gefiltert werden.

«Von Weinen mit viel Schwefel bekomme ich Kopfweh. Darauf achte ich beim Kauf.»
Lisa (37)

Schwefel (Sulfite), Histamin, Tyramin, Putrescin und Phenylethylamin: Jeder von uns reagiert anders auf Allergene. Jeder Delinat-Wein wird auf alle relevanten Allergene analysiert und muss tiefe Grenzwerte einhalten. Neu können Sie bei der erweiterten Suche Ihre Grenz werte selbst bestimmen und Weine mit besonders wenig Allergenen finden.

«Bio allein reicht mir nicht. Ich will genau wissen, wie der Winzer im Weinberg, im Keller und sozial tätig ist.»
Marcel (49)

Delinat-Winzer produzieren Weine nach den weltweit strengsten Richt linien, basierend auf einem Modell mit drei Qualitätsstufen und über hundert Kriterien. Mit dem neuen Suchfilter können Sie bei jedem einzelnen Kriterium entscheiden, was Ihnen wie wichtig ist. So können Sie zum Beispiel Biodiversität, das Düngeverhalten oder den Pflanzenschutzeinsatz im Detail kontrollieren und als Filter festlegen.

«Als Liebhaberin vegetarischer Speisen bin ich immer wieder auf der Suche nach passenden Weinen.»
Sarah (36)

In der erweiterten Weinsuche können Sie Filter setzen für eine grosse Zahl von Speisekategorien. So werden sofort die dazu passenden Weine angezeigt. Damit finden Sie schnell die besten Begleiter für Speisen wie zum Beispiel Blauschimmelkäse, Tofu, Pizza, gedämpftes Gemüse oder geräucherter Fisch. Wie auch immer Ihr Gericht aussieht, die neue Weinsuche kann die idealen Weine selektieren.

«Säurelastige Weine vertrage ich schlecht.»
Paul (65)

Die Säure ist ein tragendes Element des Weins. Sie verstärkt Aromen und bildet zusammen mit der Süsse, dem Alkohol und den Tanninen die Gaumenstruktur. Weine mit geringem Säureanteil wirken flach und schal. Zu viel Säure dagegen hinterlässt im Gaumen ein stechendes und hartes Gefühl. Alle Delinat-Weine werden unter anderem auf Essigsäure, Buttersäure, Milchsäure und Bernsteinsäure analysiert. Die neue Suchfunktion erlaubt das detaillierte Filtern von säurearmen Weinen.

Den neuen Artikelfilter jetzt testen unter: www.delinat.com

Kupfer und Schwefel: Auf die Dosis kommt es an

Der Abschied von Kupfer und Schwefel als Spritzmittel im biologischen Weinberg ist noch nicht Realität. Die Delinat-Winzer sind aber auf dem Weg dazu. Etliche von ihnen unterschreiten die bereits strengen Delinat-Grenzwerte dank grossem Ehrgeiz deutlich. Zum Beispiel François Meyer aus dem Elsass.

Ein strahlender Sommertag Anfang August: Die Trauben an leichter Hanglage der Domaine Eugène Meyer im kleinen Elsässer Weindorf Bergholtz strotzen vor Gesundheit. Doch die Prognosen für die nächsten Tage versprechen Regen. Der Krankheitsdruck auf die Reben steigt – Zeit für eine letzte Spritztour. «Ganz ohne biologische Spritzmittel gegen den Echten und den Falschen Mehltau kommen auch wir noch nicht aus», sagt François Meyer, der den biodynamischen Demeter-Betrieb schon vor etlichen Jahren von seinem Vater Eugène übernommen hat. Zum Einsatz kommen die für den biologischen Weinbau erlaubten Kupfer und Schwefelbrühen.

Pinot-Noir-Trauben Anfang August: Nur bis zu diesem Stadium dürfen sie mit Kupfer und Schwefel behandelt werden, damit bis zur Ernte keine Rückstände mehr auf den Trauben vorhanden sind.
Pinot-Noir-Trauben Anfang August: Nur bis zu diesem Stadium dürfen sie mit Kupfer und Schwefel behandelt werden, damit bis zur Ernte keine Rückstände mehr auf den Trauben vorhanden sind.

Was die Domaine Meyer und weitere Delinat-Winzer von andern Biobetrieben unterscheidet, ist die geringe Menge an Kupfer und Schwefel, die ihnen genügt, um das Mehltau-Problem im Griff zu haben. Das ist deshalb wichtig, weil diese Spritzmittel in hohen Mengen und unter gewissen Umständen ebenfalls schädlich für die Natur sein können: Kupfer ist ein Schwermetall, das bei starker Anreicherung das Bodenleben beeinträchtigen kann. Und Schwefel wirkt in hohen Dosen toxisch gegen eine Vielzahl von Hefen, Pilzen und Insekten, die für die Stabilität des Ökosystems wichtig sind.

Es geht auch mit wenig …

«In einem normalen Jahr kommen wir mit unter 1,5 kg Kupfer und zirka 30 kg Schwefel aus», erklärt François Meyer. Damit liegt er beim Kupfer deutlich unter dem Demeter-Grenzwert von 3 kg/ha und sogar noch unter den 2,4 kg/ha, die die Delinat-Richtlinien für die strengste Stufe (drei Schnecken) verlangen. Beim Schwefel gibt es einzig bei Delinat Grenzwerte.

François Meyer auf Spritztour: Kleine Dosen einer Mischung aus Kupfer, Schwefel und Kräutertee schützen seine Reben vor Pilzkrankheiten.
François Meyer auf Spritztour: Kleine Dosen einer Mischung aus Kupfer, Schwefel und Kräutertee schützen seine Reben vor Pilzkrankheiten.

Die kleinen Kupfer- und Schwefelmengen auf der Domaine Meyer sind einerseits darauf zurückzuführen, dass die Reben von grossen Niederschlagsmengen verschont bleiben. Dank den Vogesen, an denen sich die vom Westen herkommenden Regenwolken stauen, gilt die Region um Colmar als eine der trockensten von ganz Frankreich. Dadurch hält sich der Krankheitsdruck in Grenzen. Ebenso grossen Anteil hat aber der reiche Erfahrungsschatz, der sich auf dem Betrieb im Umgang mit Pilzkrankheiten angehäuft hat. Das kam so: In den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erblindete Eugène Meyer vorübergehend wegen eines Giftes, das er gegen die rote Spinne gespritzt hatte. Durch eine homöopathische Behandlung gewann er seine Sehkraft zurück. Danach gingen ihm im wahrsten Sinne des Wortes die Augen auf: Chemische Spritzmittel blieben fortan tabu, der Winzer stellte radikal um. Seit 1969 wird der Betrieb als Erster in ganz Europa nach der biodynamischen Methode bewirtschaftet.

Kuhmistkompost statt Kunst dünger: François Meyer arbeitet mit der Natur.
Kuhmistkompost statt Kunst dünger: François Meyer arbeitet mit der Natur.

Was sein Vater eingeführt hat, entwickelt Sohn François weiter. Je kleiner die Dosen an Kupfer und Schwefel, desto wichtiger sind flankierende Massnahmen und ständige Beobachtung im Weinberg. Erste prophylaktische Massnahmen gegen drohende Pilzkrankheiten werden bereits im März ergriffen. Dann werden die noch kahlen Weinberge jeweils mit einer Wasserlösung mit verschiedenen Naturpräparaten wie Kuhfladenkompost, Hornmist und Hornkiesel besprüht. «Das stärkt und schützt die Reben», sagt François Meyer. Je nach Witterung kommt er so bis Mitte August mit fünf bis sieben klein dosierten Behandlungen aus. Zum Einsatz kommt ein spezielles Gemisch aus Kupfer, Schwefel und Kräutertee. Ob es bereits der nächsten Meyer-Generation, die mit Xavier Meyer in den Startlöchern steht, gelingt, vollständig auf Kupfer und Schwefel zu verzichten, wird die Zukunft zeigen.

Delinat-Richtlinien: strenge Vorgaben
Die EU-Bioverordnung lässt zur Bekämpfung von Falschem Mehltau (Peronospora) im Weinbau 6 kg Kupfer pro Hektar und Jahr zu. Die Delinat-Richtlinien sehen deutlich kleinere Höchstmengen vor. Im 5-Jahres-Durchschnitt sind auf der höchsten Stufe (drei Schnecken) maximal 2,4 kg/ha pro Jahr erlaubt. Auf Stufe 2 (zwei Schnecken) sind es 2,9 kg/ha und auf Stufe 3 (eine Schnecke) 3,4 kg/ha. Ähnlich streng sind die Kupfervorgaben bei Demeter (3 kg/ha und Jahr).

Beim Schwefel kennen weder EU-Bio noch Demeter oder andere Biolabels Grenzwerte. Delinat dagegen beschränkt die Schwefelmenge gegen Echten Mehltau (Oidium) im 5-Jahres-Durchschnitt auf maximal 28 kg/ha für drei Schnecken, 37 kg/ha für zwei Schnecken und 75 kg/ha für eine Schnecke, um Nützlinge zu schonen.
www.delinat.com/richtlinien

Die Delinat-Winzerberater

Walter Fromm
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Walter Fromm, 1971 in Chur geboren, absolvierte eine Winzerlehre und studierte dann an der Hochschule in Wädenswil Önologie. Zwischen 1999 und 2015 führte er in der Toskana ein eigenes Bioweingut. Heute ist er Betriebsleiter auf dem Weingut seines Onkels Georg Fromm in Malans in der Bündner Herrschaft. In einem Teilzeitpensum arbeitet er seit 2016 als Delinat-Winzerberater für Italien und Österreich. Er wohnt mit seiner Familie in Maienfeld. Sein fundiertes önologisches Wissen und seine langjährige Praxis als Winzer machen ihn zu einem kompetenten Berater, der Zusammenhänge verständlich aufzeigen und praktikable Lösungen vorschlagen kann.

Antoine Kaufmann
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Antoine Kaufmann, 1964 in Basel geboren, sammelte nach einer Winzerlehre Berufserfahrung im Veneto, im Napa Valley und in Australien. 1992 schloss er in Changins bei Nyon die Ecole supérieure de viticulture et d’oenologie ab. Danach arbeitete er auf Weingütern in der Toskana, in der Provence und in Genf. 1998 wurde er Betriebsleiter auf dem Delinat-eigenen Weingut Château Duvivier in der Provence. 2016 kehrte er mit seiner Frau Irene in die Region Basel zurück. Neu ist er in einem Teilpensum als Delinat-Winzerberater für Frankreich tätig. Die langjährigen Erfahrungen als Betriebsleiter von Château Duvivier machen Antoine Kaufmann zu einem ausgewiesenen Spezialisten für Weinbau nach der Delinat-Methode.

Rolf Kaufmann
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Rolf Kaufmann, 1943 in Zürich geboren, lebt seit 1977 im Tessin, wo er bis 2008 ein eigenes Bioweingut betrieb. Nebenher arbeitete er als freier Mitarbeiter für das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. Vier Jahre präsidierte er die Fachkommission Weinbau Bio-Suisse, vier Jahre lang war er Präsident von BioTicino. Von 2009 bis 2015 war er für Delinat als Winzerberater in Italien und Frankreich tätig und arbeitete an den Delinat-Richtlinien mit. Altershalber ist Rolf Kaufmann 2016 kürzergetreten. In der Entwicklung der Delinat-Richtlinien gibt es keinen Erfahreneren als Rolf Kaufmann. Er weiss, was machbar sein könnte, welche Winzer konsultiert werden müssen und wie eine Entscheidung in Worte zu fassen ist. Er steht Delinat weiterhin für spezielle Beratungs- und Richtlinienaufgaben zur Verfügung.

Daniel Wyss
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Daniel Wyss, 1966 geboren, französisch-schweizerischer Doppelbürger, lebt mit seiner Familie in Arlesheim BL. Als gelernter Landwirt und Landschaftsarchitekt HTL war er unter anderem als Kompostberater, Landschaftsplaner beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL sowie als Kontrolleur für die Zertifizierung von biologisch bewirtschafteten Betrieben tätig. Seit 2002 arbeitet er bei Delinat, seit 2009 als Winzerberater. Zurzeit betreut er die Winzer in Spanien, Portugal, Deutschland und der Schweiz. Zusätzlich ist er Ausbildner für Inspektoren, Organisator und Referent bei Delinat-Winzerseminaren, Mitautor der Delinat-Richtlinien und Fachreferent für Delinat-Kunden. Im Gegensatz zu den andern Beratern ist Daniel Wyss ein Quereinsteiger im Weinbau und sieht die Dinge daher oft aus einem anderen Blickwinkel. Seine Erfahrung als Kontrolleur bei bio.inspecta ist äusserst wertvoll für die Winzerberatung.

Erfahren Sie mehr über die Tätigkeiten unserer Winzerberater im Artikel «Delinat-Consulting: Unterwegs mit dem Winzerberater».

«Ein wichtiges Ziel ist der Verzicht auf Kupfer und Schwefel»

Delinat betreibt auf Château Duvivier seit vielen Jahren angewandte Forschung und bietet den Winzern mit Delinat-Consulting einen umfassenden Beratungsservice. Unternehmensgründer Karl Schefer erklärt, weshalb sich der grosse Aufwand lohnt und welche Herausforderungen noch anstehen.

Delinat ist weltweit der einzige Weinspezialist, der selbst in die Weinbauforschung investiert und seinen Partnerwinzern einen umfassenden Beratungsdienst anbietet. Weshalb?
Karl Schefer: 1980, bei der Gründung von Delinat, gab es noch keine Richtlinien für Biowein. Wir waren daher gezwungen, selbst einen Standard zu definieren. Und weil kaum ein Winzer alle Punkte auf Anhieb erfüllen konnte, brauchten wir von Anfang an Fachleute, die helfen konnten, die strengen Anforderungen in der Praxis umzusetzen.

Karl Schefer, Bio-Pionier und Delinat-Gründer.
Karl Schefer, Bio-Pionier und Delinat-Gründer.

Wäre es heute aber nicht einfacher, auf bestehende Normen zu setzen?
Ja, das wäre bestimmt einfacher. Doch leider gibt es keine Normen, die dem Delinat-Standard auch nur nahe kämen.

Warum ist das so?
Das hängt vor allem mit unserer Spezialisierung zusammen. Es ist einfacher, sich auf ein Gebiet zu konzentrieren und nicht wie EU-Bio, Demeter, Knospe usw. von der Tierhaltung bis zur fertigen Gemüsepizza alles regeln zu müssen.

Forschen und beraten

Seit 1980 arbeitet Delinat beharrlich am Weinbau der Zukunft. Treibende Kraft ist die Abteilung Delinat-Consulting mit vier kompetenten und praxiserprobten Winzerberatern (siehe Artikel «Winzerberater»). In Zusammenarbeit mit Universitäten, Forschungsorganisationen und innovativen Winzern werden Methoden und Strategien für einen ökologisch und wirtschaftlich nachhaltigen Qualitätsweinbau mit hoher Biodiversität entwickelt.

Wichtiger Bestandteil ist eine ausgedehnte Versuchstätigkeit auf dem Delinat-eigenen Weingut Château Duvivier in der Provence und auf verschiedenen Partnerweingütern in ganz Europa. Das erarbeitete Wissen fliesst in die sich ständig entwickelnden Delinat-Richtlinien ein (die strengsten Bio -Richtlinien Europas) und wird den rund hundert Delinat-Winzern in ganz Europa durch die Winzerberater im Rahmen von regelmässigen Besuchen, Weiterbildungsseminaren, einer Hotline und einem umfangreichen Online-Portal weitergegeben. Delinat finanziert diese Abteilung und die Forschung mit 1 Prozent des Umsatzes.

Was war das Ziel der Delinat-Richtlinien?
Vor 36 Jahren lag in den meisten Weinen so ziemlich alles, nur nicht die Wahrheit. Wir wollten aufzeigen, dass es auch einen anderen Weg gibt, als Wein auf Kosten der Natur herzustellen. Die Erschaffung von Bio-Richtlinien im Weinbau war damals Pionierleistung; heute haben wir bewiesen, dass die Delinat-Methode sowohl ökologisch wie ökonomisch erfolgreicher ist.

Ökologisch erfolgreich, das ist verständlich. Aber ökonomisch?
Ja, das können unsere rund hundert Produzenten bestätigen. Die Delinat-Methode führt zu gehaltvollen, gesunden Trauben, die Basis für guten Wein. Wenn die schwierigen Jahre der Umstellung überstanden sind, die Biodiversität gewachsen und das ökologische Gleichgewicht eingekehrt ist, verdienen Delinat-Winzer mehr Geld als andere. Sie sparen teure Chemikalien, und die gute Weinqualität ermöglicht höhere Preise.

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