«Minimalisten treffe ich unter den Delinat-Winzern nicht an»

Wer kontrolliert eigentlich die Einhaltung der Delinat-Biorichtlinien? Wie spielen sich die Kontrollen ab? Seit 1998 arbeitet Delinat mit der unabhängigen Kontroll- und Zertifizierungsfirma bio.inspecta zusammen. Philipp Seitz, ein erfahrener Inspektor, gibt Auskunft.

Wie läuft eine Kontrolle der Delinat-Richtlinien beim Winzer konkret ab?
Philipp Seitz: In der Regel begegnen sich Betriebsleiter und Inspektor zuerst im Betriebsgebäude. Dort wird der Ablauf der Inspektion kurz umrissen, bevor die erste Dokumentenkontrolle erfolgt, die einen Über- und Einblick in den Betrieb gewährt. Anschliessend kommt es zu einer Feldbegehung, um die Informationen vor Ort zu verifizieren. Daran schliesst sich eine zweite, meist kürzere Phase der Dokumentkontrolle an, in der offene Fragen abschliessend geklärt werden. Zum Schluss wird das Inspektionsprotokoll ausgefüllt und von beiden Seiten unterzeichnet.

War der Weinbau schon immer Ihre Domäne?
Nein, meine Schwerpunkte lagen bis vor wenigen Jahren hauptsächlich bei tropischer Landwirtschaft und Feldbau, besonders Kaffee, Kakao, Tee, Zuckerrohr und Baumwolle. Durch bio.inspecta hatte ich die Möglichkeit, auch in der Landwirtschaft der gemässigten Zonen Fuss zu fassen. Mit Weinbau hatte ich in der Vergangenheit nur im Rahmen von Fairtrade Audits in Chile zu tun – da ging es aber mehr um soziale und ökonomische Fragen und weniger um Ökologie.

Philipp Seitz bei einer Kontrolle auf der Domaine Beaurenard
Philipp Seitz (links) bei einer Kontrolle auf der Domaine Beaurenard in Châteauneuf-du-Pape.

Wie gehen Sie bei den Kontrollen auf den Delinat-Gütern genau vor?
Inspektionen können sowohl angekündigt als auch unangekündigt erfolgen. Bei der Durchführung exklusiver Delinat-Kontrollen sind unangekündigte Kontrollen nicht bedeutsam, weil die Biodiversität immer offensichtlich ist, das heisst zu jedem Zeitpunkt kontrolliert werden kann. Ausserdem handelt es sich bei den Delinat-Betrieben um biozertifizierte Weingüter, die bereits durch die Mangel der Biokontrolle gegangen sind.

Wie reagieren die Delinat-Winzer auf Ihre Kontrollen?
Überraschenderweise waren bisher alle Betriebe sehr offen, auch wenn ich während der Erntezeit zu Besuch kam, was in der Regel die arbeitsintensivste Zeit des Jahres ist.

Was kontrollieren Sie genau?
Ein Schwerpunkt sind Kriterien, die einen Eindruck liefern von der Biodiversität, wie beispielsweise ökologische Hotspots, Baum- und Strauchwuchs usw. Diese werden quantitativ erfasst. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Einhaltung strikter Kupfer- und Schwefelobergrenzen, die strenger sind als im üblichen biologischen Anbau.

Philipp Seitz
Philipp Seitz wurde 1969 in Rio de Janeiro geboren. Er ist studierter Agraringenieur und arbeitet weltweit als Berater und Auditor für Nachhaltigkeitsstandards mit Schwerpunkt Tropen und Kleinbauern. Seit 2015 ist er für bio.inspecta tätig und kontrolliert hier unter anderem Delinat-Weingüter in verschiedenen europäischen Ländern. Er ist in Bonn wohnhaft und vierfacher Familienvater.

Die Delinat-Biorichtlinien gelten als die strengsten im Weinbau. Wie schwierig oder aufwendig ist die Kontrolle?
Anspruchsvoll für jeden Inspektor sind die Biodiversitätsrichtlinien, deren Vielseitigkeit und Abgrenzbarkeit sich nur demjenigen erschliessen, der Fachwissen mitbringt. Daher gehört ein jährliches Training zum Standardrepertoire eines jeden Delinat-Inspektors.

Stellen Sie bei den Winzern grosse Unterschiede bezüglich Umsetzung der Richtlinien fest?
Minimalisten treffe ich unter den Delinat-Winzer nicht an. Selbstverständlich gibt es jene, die aufgrund klimatischer Umstände gewisse Abstriche machen müssen, zum Beispiel bei der Dauerbegrünung und beim Pflanzenschutz. Nichtsdestotrotz: Auch diese Betriebe zeichnen sich durch grosse Motivation aus, ökologische und biodiverse Massnahmen umzusetzen.

Was passiert, wenn Sie Verstösse gegen einzelne Richtlinienpunkte oder generell Verfehlungen feststellen?
Kleinere Verstösse müssen vor Verlängerung des Zertifikats behoben werden. Bei gröberen Verstössen – normalerweise im Bereich des Pflanzenschutzes – muss der Betrieb plausibel darlegen, warum es zum Verstoss gekommen ist. Nur wenn der Verstoss für den Kontrolleur nachvollziehbar ist, kann eine Ausnahmebewilligung erteilt werden.

Wie oft kommt das vor?
Selten. In der Regel nur in sehr niederschlagsreichen Jahren.

Wo sehen Sie als professioneller Inspektor die Stärken und Schwächen der Delinat-Richtlinien?
Die Richtlinien zählen sicherlich zu den stärksten Biodiversitätstandards überhaupt. Die Herausforderung liegt in der Komplexität, die Biodiversitätsrichtlinien eigen ist. Deswegen ist es erforderlich, dass das gesamte Standardsystem, in das die Richtlinien eingefasst sind, stabil gebaut ist. Dazu gehört insbesondere auch eine gute Ausbildung von Inspektoren. Von aussen erkennt man die Stärke eines Standardsystems an der Art und Weise, wie die Zielgruppe die Richtlinien annimmt – die durchwegs positive Haltung aller Betriebe ist das, was mich am meisten überrascht hat.

Die bio.inspecta AG
Die bio.inspecta AG ist eine unabhängige, neutrale und weltweit tätige Schweizer Kontroll- und Zertifizierungsfirma mit Sitz in Frick AG. Das Angebot umfasst anerkannte Kontrollen und Zertifizierungen für Bio- und Labelprodukte sowie ISO-Standards und Lebensmittelsicherheit.
Die Zusammenarbeit mit Delinat besteht seit 1998. Konkret überprüfen unabhängige Inspektoren die Einhaltung der Delinat-Richtlinien in der Praxis und stellen bei der Erfüllung der Vorgaben das entsprechende Zertifikat aus. Kontrolle und Zertifizierung basieren auf dem vier-Augen-Prinzip, das heisst, nach der Kontrolle vor Ort wird die Zertifizierung der Weine von einer zweiten Person durchgeführt. bio.inspecta ist somit ein wichtiger Eckpfeiler in der Qualitätssicherung bei Delinat.

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Hans Wüst
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