Wasser im Weinbau - Alles fliesst
Ohne Wasser kein Wein. Der Klimawandel und die dadurch immer häufigeren Wetterextreme von Starkregen bis Trockenheit fordern die Reben und die Winzer. Welche Möglichkeiten Experten für eine dennoch grüne Zukunft des Weins sehen, und wie Delinat-Winzer mit diesen Herausforderungen umgehen.
Text
Nina Wessely
Redaktorin 20.08.2025
Trockenstress, Starkregen und gestörte Wasserkreisläufe setzen den Reben weltweit zu. Der Klimawandel verändert nicht nur das Wetter, sondern die gesamte Funktionsweise unserer Landschaften. Die Delinat-Methode bietet dabei mit ihrem Fokus auf Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und ökologische Vielfalt konkrete Lösungsansätze, um den Weinbau resilient und zukunftsfähig zu machen.
Marlène Vissac, Spezialistin für Wasserund Agroforstsysteme sowie Referentin am Delinat-Winzerseminar 2025, erklärt: «Trockene Regionen werden immer trockener, feuchte noch feuchter. Der Wasserbedarf aber bleibt überall gleich.»
Die verfügbare Wassermenge auf der Erde bleibt also ungefähr konstant, doch die Verteilung gerät in eine immer grössere Schieflage. Das ist Taten des Menschen, wie Entwaldung, Bodenversiegelung, Drainierung (oder Entwässerung ganzer Landschaften) und intensiver Landwirtschaft, zuzuschreiben. Zudem steigt durch den Klimawandel die Temperatur und somit der Meerespiegel.
Dieser Umstand und zu intensive Grundwassernutzung führen dazu, dass salziges Wasser immer weiter ins Landesinnere vordringt. Das sei der Landwirtschaft natürlich auch nicht zuträglich, so Marlène Vissac. In die Materie eingetaucht ist die Spezialistin aufgrund einer Reihe von Beobachtungen: «Allein, wie sich die Landschaft dort, wo ich herkomme, in nur wenigen Jahrzehnten verändert hat – die Küste geht zurück, Bäume verschwinden, und das verändert auch das Wetter –, das ist dramatisch», so Marlène Vissac. Jetzt hätten wir noch die Möglichkeit, zu handeln und unsere Zukunft zu gestalten. In wenigen Jahren könnten wir nur noch reagieren, anstatt zu agieren. «Und wir sind doch allesamt da, um das Leben zu geniessen, und nicht, um nur durchzuhalten!»
Extrem in jeder Hinsicht
Regionen, die einst zwar trockener waren als andere, aber dennoch über eine stabile Wasserversorgung verfügten, müssen heute bewässern. Andernorts fliessen die Wassermassen unkontrolliert ab, können nicht versickern und verursachen massive Schäden bis hin zu Naturkatastrophen wie jener im Herbst 2024 im Küstengebiet von Valencia. Winzerberater Daniel Wyss weiss: «Forscher haben schon vor Jahren auf diese Situation hingewiesen und prophezeit, dass es zu einer derartigen Katastrophe kommen wird, wenn Küstengebiete nicht entsiegelt, trockengelegte Feuchtgebiete nicht wieder vernässt und Wälder nicht grossflächig aufgeforstet werden.»
Um zurück in die Weingärten zu kommen: Für Reben bedeuten Wetterphänomene wie Starkregen, lange Trockenheit, Hitze und das Verschieben von Vegetationsperioden Stress. Ohne Resilienz gibt es im Süden bald keinen Weinbau mehr, und das, obwohl die Rebe an sich eine recht robuste Pflanze ist. Und punktuelle, technische Lösungen wie Bewässerung greifen zu kurz, wenn die Landschaft als Ganzes nicht mehr funktioniert. Ausserdem: Mit welchem Wasser bewässern, wenn es keines mehr gibt, wie das 2023 in Katalonien und in anderen Gebieten Spaniens der Fall war?
Gamechanger Boden
Eine essenzielle Stellschraube für die Lösung steckt im Boden. Je poröser und humusreicher, also gesünder, er ist, desto besser speichert er Wasser. «Klassische Bodenproben zeigen zum Beispiel schon einmal auf, wie es um Mutter Erde steht und welche Methoden helfen könnten, Nährstoffe aufzubauen, die wiederum die Rebe versorgen», so Nicola Fagotto, der schon 2024 und auch in diesem Jahr wichtige Impulse für den Aufbau gesunder Böden bei den Delinat-Winzerseminaren lieferte.
Das stimmt mit einigen Punkten der Delinat- Methode überein: Denn auch hier setzt man seit jeher auf Gründüngung, Kompost, Mulchen und minimale Bodenbearbeitung. Massnahmen, die das Bodenleben stärken und nicht zuletzt auch die Wasserspeicherfähigkeit erhöhen. Auf Château Duvivier experimentiert das Team zudem seit Jahren mit Mykorrhiza- Pilzen und Agroforst im Weinbau.
Mykorrhizapilze erweitern das Wurzelnetz der Reben und können in Symbiose mit diesen Wasser aus tieferen Bodenschichten erschliessen. Die Bäume ermöglichen diesen Lebensraum. In dieser Kombination sehen Experten eine wichtige Lösung für die Bodenfruchtbarkeit und die Wasserversorgung der Reben ohne zusätzliche Bewässerung.
Wie Wasser Landschaften entlangfliesst
Hinzu kommt die Gestaltung der Landschaft als wichtiger Punkt im Wasserkreislauf. Techniken wie das Keyline- Design helfen, Regenwasser nicht abfliessen, sondern gleichmässig über die Fläche zu verteilen und einsickern zu lassen. «Permakultur und ein umfassendes Landschaftsverständnis, das sind Lösungsansätze mit echtem Zukunftspotenzial », sagt Daniel Wyss.
Hecken und Hochstammbäume brechen den Wind, beschatten die Fläche, fördern den für die Reben wichtigen Morgentau und stabilisieren Mikroklimata. Agroforstsysteme im Weinberg, also Reben in Kombination mit Bäumen, erhöhen zudem die Biodiversität und spenden Schatten. Untersuchungen in diversen Weinbergen der Delinat-Winzer ergaben Temperaturunterschiede von bis zu 20 Grad Celsius zwischen Schatten und Sonne. Dabei klettern die Temperaturen in der Sonne auch hierzulande mitunter über die 50-Grad-Marke. Eine Belastung für die Reben.
Für Experten wie Marlène Vissac und Daniel Wyss steht fest: Verantwortungsvolle Winzer sind Landschaftsgestalter. Denn wie sie agieren, wirkt sich auf die Wasserverhältnisse einer gesamten Region aus. Dazu gilt es, die Rolle von Feuchtgebieten, Höhenlinien, Windmustern und Bodenstrukturen zu verstehen. Marlène Vissac gilt dabei als eine der Vordenkerinnen auf diesem Gebiete – ebenso wie die Delinat-Winzer als Vorzeigebeispiele in ganz Europa. «Auch wenn wir immer mehr werden, welche diese Konzepte anwenden, sind wir noch immer zu wenige, um regionale Mikroklimata zu beeinflussen », bemerkt Daniel Wyss.
Dauerbegrünung, Humusaufbau, Gehölze im Weingarten, Rückhalt von Regenwasser, Permakultur: All das sind Bestandteile der Delinat-Methode, die zuletzt auch auf ein gesundes Wassermanagement im Weingut abzielen. Und doch braucht es mehr: «Ganze Regionen müssten umdenken. Landschaften in Schwammlandschaften verwandeln, damit sich der Wasserhaushalt der Erde wieder erholen kann. Unsere erfolgreichen Projekte zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Daniel Wyss.
Die grosse Herausforderung liegt nun darin, dieses Wissen weiterzugeben, zu vernetzen und auch auf gesellschaftlicher Ebene umzusetzen. Denn wenn wir lernen, Landschaft im Ganzen wieder als lebendigen Organismus zu begreifen, kann der Weinbau zum Vorbild werden für ein Landwirtschaftsmodell, das Wasser nicht verbraucht, sondern hütet.
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Über die Autorin
Nina Wessely, Redaktorin
Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.