Strategien gegen Rebkrankheiten
Wer bei seiner Arbeit auf das Wetter vertrauen muss, der hat es in Zeiten des Klimawandels zunehmend schwerer. Wir ziehen den Hut vor unseren Winzern, die durch natürliche Stärkung ihrer Reben den Auswirkungen von Erderwärmung und Wetterextremen entgegenwirken. Auch um ihre Pflanzen gegen Rebkrankheiten zu schützen ist glücklicherweise so manches Kraut gewachsen...
Text
Emil Hauser
Weinakademiker 04.08.2025
Alle durch Pilz-, Viren- oder Bakterienbefall hervorgerufenen Rebkrankheiten wie auch Schädlinge können den Ertrag als auch das Wachstum der Rebe beeinträchtigen. Gegen Rebkrankheiten stehen dem Winzer grundsätzlich drei Strategien zur Verfügung: Einsatz von chemischen, systemisch wirkenden Pflanzenschutzmitteln. Einsatz von abbaubaren Kontaktmitteln wie Schwefel und Kupfer und genaue Beobachtung des Krankheitsdrucks mit Hilfe von Wetterstationen. Als dritte Alternative bietet sich der Anbau von neuen, pilzwiderstandsfähigen Rebsorten (PIWIs) an, um diesen Krankheiten entgegenzutreten. Im folgenden widmen wir uns den PIWIs.
Was eine Rebsorte robust macht
Die Abwehrkraft der PIWIs entspringt der geschickten Kreuzung von pilzwiderstandsfähigen Wildreben – früher meist amerikanischen, heute aber auch asiatischen Ursprungs – mit den uns bekannten Europäer-Rebsorten. PIWIs sind also Kreuzungen zwischen verschiedenen Reben-Spezies. Je mehr Resistenzeigenschaften bei der Züchtung einer neuen Sorte eingekreuzt werden, umso effizienter und zuverlässiger kann sich diese Rebsorte gegen Rebkrankheiten wehren.
In der Regel haben PIWIs eine dickere Wachsschicht auf der äusseren Trauben-Zellschicht als dies bei Europäer-Sorten der Fall ist. So fliesst Regenwasser auf der Wachsschicht schneller ab. Die dicke Schale vermindert auch das Auskeimen von Pilzsporen sowie das Eindringen des Keimschlauchs und der Pilzfäden ins Pflanzengewebe. Zudem sind bei PIWIs die Blätter auf der Unterseite extrem uneben, oft sogar behaart. Dank dieser Struktur ist die Blatthaut von PIWIs besser vor dem Kontakt mit Pilzsporen geschützt.
Mehr Natur, weniger Pflanzenschutzmittel
Bei hohem Krankheitsdruck bilden Reben im Pflanzensaft antioxidativ wirkende Abwehrstoffe wie Resveratrol, Viniferin und Quercentin, wobei diese Antioxidans bei PIWIs massiv stärker konzentriert sind als bei Europäer-Sorten. Insbesondere gilt dies, wenn die Weine aus Regionen mit erhöhtem Pilzdruck oder aus einem regenreichen, warmen Jahrgang wie 2024 stammen. Nicht nur für den Menschen sind diese Antioxidans von grosser Bedeutung, auch beim Keltern ermöglichen sie dem Winzer, den Einsatz von Schwefeldioxid zu reduzieren.
Nicht zuletzt profitiert beim Anbau von PIWIs auch die Umwelt, weil Pflanzenschutzmittel nicht nur dem Krankheitserreger, sondern auch den Nützlingen schaden. Die Winzer profitieren, weil sie Geld und Arbeitszeit sparen, wenn sie seltener mit dem Traktor in die Rebberge fahren müssen. Weniger Fahrten verdichten den Boden weniger. Somit gewinnt auch dessen Struktur und das Bodenleben. Und je vielfältiger die Mikrobiologie des Bodens, desto höher die Qualität des auf ihm wachsenden Traubenguts und daraus produzierten Weines.
Kurz & bündig bedeutet das:
- Der Anbau von pilzwiderstandsfähigen Rebosrten (PIWIs) ist eine der drei Möglichkeiten, um Rebkrankheiten entgegenzutreten.
- PIWIs haben eine dicke Traubenschale als auch unebene, behaarte Blätter.
- Um sich zu schützen bilden PIWIs antioxidativ wirkende Abwehrstoffe im Pflanzensaft.
- PIWIs sind wirtschaftlich und schützen die Mikrobiologie des Bodens.
Über die Autorin
Emil Hauser, Weinakademiker
Für mich hat Wein archaische, urprüngliche Wesenszüge, welche sich nicht eindeutig in Worte fassen lassen. Mich der Materie Schritt um Schritt zu nähern, wird mich noch über viele Jahre in Atem halten.