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Wenn das Unmögliche doch möglich ist

Ana Roš ist Autodidaktin, Mutter, die beste Köchin Sloweniens und eben erst international zur zweitbesten Köchin der Welt ausgezeichnet worden. Es scheint, Ana Roš kenne das Rezept, Unmögliches umzusetzen – beziehungsweise scheint sie es selbst kreiert zu haben. Diese Frau ist unmöglich: unmöglich cool, fleissig und inspirierend.

Text

Nina Wessely
Redaktorin
31.01.2026

Lindenknospen, Brennnesseln und wilde Erdbeeren – das Soča- Tal fliesst in die Küche von Ana Roš ein.
Lindenknospen, Brennnesseln und wilde Erdbeeren – das Soča- Tal fliesst in die Küche von Ana Roš ein.

Das Soča-Tal im äussersten Westen Sloweniens, wo der imposante Berg Triglav über die Wiesen zu wachen scheint, ist Ana Roš’ Zuhause, ihr Labor und ihre Schule. Und auch wenn dieses kleine Dörfchen Kobarid für sie die Keimzelle ihres kulinarischen Schaffens ist, so gibt es kaum einen weltoffeneren Geist als diese Frau, die der ganzen Welt vorlebt, wie man scheinbar Unmögliches ganz einfach möglich macht.

Hier, in einem alten Bauernhaus in Kobarid, führt Roš ihr Restaurant «Hiša Franko » – seit 2023 mit drei Michelin- Sternen, der höchsten Auszeichnung des französischen Guides, geadelt. Als erstes und einziges in Slowenien.

Dabei ist Ana Roš keine typische Köchin. «Ich habe nie eine Kochschule besucht, nie in Paris oder London gelernt. Ich habe einfach angefangen und mir von der Natur und der Welt um mich herum vieles abgeschaut», so die Autodidaktin, die ursprünglich Diplomatin werden wollte. Und dann kam alles anders. Gemeinsam mit ihrem damaligen Partner übernahm sie das Gasthaus seiner Eltern. Es war die Geburtsstunde einer ungewöhnlichen Karriere, die sie ohne Mentor, ohne Konzept und ohne Kompromisse ging – als Jungmama noch dazu.

Aus dem Niemandsland zur besten Köchin der Welt

Heute gilt Ana Roš als eine der besten Köchinnen der Welt. Gerade erst wurde sie bei den «Best Chef Awards» in Mailand zur zweitbesten Köchin der Welt gekürt. Und sie bleibt dort, wo alles begann: in der Stille der slowenischen Alpen, umgeben von Wäldern und Wiesen – nicht verlegen, ihre Philosophie und die Produkte, die das Soča-Tal hervorbringt, in die Welt hinauszutragen.

Ana Roš: «Auch ich glaube manchmal nicht zu genügen. Wichtig ist, den Mut nicht zu verlieren.»
Ana Roš: «Auch ich glaube manchmal nicht zu genügen. Wichtig ist, den Mut nicht zu verlieren.»

Dabei ist das «Hiša Franko» längst mehr als ein Restaurant. Es ist eine Weltanschauung. Roš arbeitet eng mit Produzenten zusammen – mit Menschen, die im selben Rhythmus denken wie sie: saisonal und respektvoll. Ihre Küche schmeckt nach frischen Buchenblätterspitzen und nach Bergluft, Kräutern und Rauch. Lokale Produkte, internationale Techniken – und keine Angst, Dinge auszuprobieren, um neue Wege zu beschreiten. Das ist das vermeintlich einfache Geheimnis der 53-Jährigen, die Slowenien auf der kulinarischen Landkarte erst sichtbar gemacht hat: als Autodidaktin und junge Mutter.

«Dabei koche ich im Grunde nur, was mir die Natur gibt», erklärt die Slowenin und spricht in makellosem Englisch weiter: «Im Frühling sind das die bitteren, grünen Noten der jungen Blätter – Lindenknospen, Brennnesseln, wilde Erdbeeren. Der Sommer dagegen ist fast langweilig. Ich mag es, wenn etwas Widerstand besteht. Zu einfach ist eben nicht so interessant », lächelt Ana Roš. Ihr erstes Buch schrieb sie in englischer Sprache. Damit denkt es sich anscheinend auch internationaler.

Roš-Philosophie für alle

Neben dem «Hiša Franko » betreibt Roš inzwischen zwei weitere Projekte, die ihre Philosophie fortschreiben. In Ljubljana hat sie das «JAS by Ana Roš» eröffnet – ein junges, unprätentiöses Restaurant für ein urbanes Publikum. Dazu kommen ihre Ana-Roš-Drinks – ein Vermouth aus biodynamischem Wein, aromatisiert mit Kräutern aus den Bergen, sowie ein Negroni nach slowenischer Art. Und das Restaurant «Stara Škola» in Istrien, für das sie in beratender Funktion tätig ist.

Feine Kräuter aus dem Garten bilden die Basis von Ana Roš’ naturverbundener Küche.
Feine Kräuter aus dem Garten bilden die Basis von Ana Roš’ naturverbundener Küche.

Trotz dieses Erfolgs wirkt Roš in Gesprächen stets entspannt. Diese Frau weiss, was sie tut. Sie spricht mit der Ruhe einer, die gelernt hat, sich nicht treiben zu lassen. Mutter zweier Kinder, Unternehmerin, Gastgeberin, kreative Seele – all das zu vereinen, sagt sie, sei insbesondere ein emotionales Kunststück. «Ich war eine Gipsy Mom», sagt sie. «Ich hatte die Kinder im Kinderwagen in der Küche neben mir. Sie haben geschlafen, während ich gekocht habe. Anders wäre das alles nicht möglich gewesen », erzählt die Mutter zweier mittlerweile erwachsener Kinder. «Wenn du Kinder hast, musst du Prioritäten noch besser setzen. Du kannst nicht alles planen – du lernst, zu improvisieren. Wichtig ist auch, niemals den Mut zu verlieren.»

Diese Flexibilität spürt man auch in ihrer Küche. Nichts ist dort endgültig, alles ist im Wandel: Saison, Wetter, Laune und die Menschen im Restaurant sowie in ihrem Produzentenkreis bestimmen das Menü.

Und täglich grüsst das Murmeltier

Und doch wird auch eine der besten Köchinnen der Welt immer wieder auf ihr Geschlecht reduziert. Wie es sei, als Frau in einer Männerwelt zu bestehen – das seien Fragen, die sie immer noch beinahe jedes Mal gestellt bekomme. «Manchmal denke ich, ich wiederhole mich seit Jahren. Langsam sollten die Leute diese Dinge wissen», sagt sie. «Aber vielleicht gehört das auch dazu. Geschichten brauchen Wiederholungen, um gehört zu werden. Und wenn meine Geschichte anderen Mut macht, werde ich auch nicht müde, sie immer wieder von Neuem zu erzählen », lächelt die Köchin – milde.

Sie hat ihre vermeintliche Strenge abgelegt. Wenn es anscheinend noch notwendig ist, erzählt sie ihre Geschichte eben weiter. Bis die Welt verstanden hat, dass man es auch mit Zusammenhalt, Mut, Kreativität und ohne Ellbogen nach ganz oben schaffen kann.

Bei den «Best Chef Awards 2025» wurde Ana Roš als zweitbeste Köchin unter allen Köchen und Köchinnen weltweit ausgezeichnet.
Bei den «Best Chef Awards 2025» wurde Ana Roš als zweitbeste Köchin unter allen Köchen und Köchinnen weltweit ausgezeichnet.

Und diese Geschichte zu erzählen, lohnt sich. Immer und immer wieder. Weil auch ständig neue Kapitel hinzukommen. Während der Pandemie beispielsweise entsandte sie ihre Gäste mit einem Korb voller kleiner Köstlichkeiten und einer Flasche Champagner in die Wälder – weil man vor lauter To-dos manchmal selbst nicht mehr auf solch gute Ideen kommt. Und solche Ausreisser aber nötig sind, um sich selbst weiter zu spüren. Und Essen zu geniessen, das zum Genuss da ist und auch noch nach dem Besuch lange nachwirken soll. Das geht nur, wenn man ganz da ist – bei Ana Roš, in der gemütlichen Stube des alten Gasthauses, liebevoll renoviert und gespickt mit Details, die von ihrer kulinarischen Reise um die Welt erzählen.

Wenn der Tag endet, trinkt die Köchin gern ein Glas Wein – manchmal einen Malvasia, leicht und salzig, manchmal einen strukturierten Rotwein. «Ich liebe Wein», sagt sie. «Aber es hängt vom Moment ab, vom Ort, von den Menschen. Es ist wie beim Kochen – du musst fühlen, was richtig ist.» Ana Roš lebt ihr Leben intuitiv, mutig und ehrlich. Und wird damit zur internationalen Inspiration. «Auch ich dachte mir sehr oft – und denke es immer noch manchmal –, dass ich nicht genug bin. Nicht genug Mutter, nicht genug Köchin, nicht genug Geschäftsfrau », sagt sie. «Allen kann man es nie recht machen. Und genau deswegen erzähle ich meine Geschichte. In Interviews – aber noch lieber auf dem Teller.» Und lächelt.

Über die Autorin

Nina Wessely

Nina Wessely, Redaktorin

Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.

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