Sea Shepherd, der Name ist Programm
Wer über Meeresschutz spricht, kommt an Sea Shepherd nicht vorbei. Seit 1977 patrouilliert die internationale Organisation auf den Weltmeeren, um die Meeresfauna zu schützen. Mit einer Flotte spezialisierter Schiffe und einem weltumspannenden Netzwerk, zählt Sea Shepherd zu einer der wirkungsvollsten Naturschutzorganisationen der Gegenwart.
Text
Nina Wessely
Redaktorin 24.11.2025
Sea Shepherd, der Hirte der Meere ist da, wo er gebraucht wird. Direkt vor Ort. Das ist das Besondere an Sea Shepherd. Der Ansatz lautet „Direct Action“: nicht protestieren, sondern eingreifen. Die Organisation ist unpolitisch, die Crew dokumentiert illegale Aktivitäten, assistiert Behörden, beschlagnahmt Fanggeräte und sorgt staatenübergreifend dafür, dass Umweltgesetze nicht nur existieren, sondern auch durchgesetzt werden. Dieser Ansatz hat weltweit zu bahnbrechenden Erfolgen geführt, von der Zerschlagung organisierter Wilderernetzwerke bis zur massiven Reduktion illegaler Fischerei in Schutzgebieten.
In Westafrika, in der Antarktis, im Mittelmeer oder in der Arktis zeigt sich der Grundsatz: Wo Sea Shepherd patrouilliert, erholt sich die Biodiversität. Natali Maspoli Taylor, Präsidentin von Sea Shepherd Schweiz und ihre Kollegen, nennen dieses Phänomen gerne den Sea-Shepherd-Effekt. «Es ist wundervoll zu erleben, wenn sich manche Gewässer erholen», lächelt die Präsidentin.
Ein globales Netzwerk, getragen von Freiwilligen
Sea Shepherd International mit Hauptsitz in den Niederlanden bildet die organisatorische Mutterstruktur von Sea Shepherd. Jede Ländergruppe arbeitet jedoch rechtlich eigenständig – ein System, das Agilität ermöglicht und lokales Engagement fördert. In der Schweiz, in Deutschland, Italien, Australien oder Mexiko: Überall wird Bildungsarbeit geleistet, werden Freiwillige ausgebildet, Kampagnen unterstützt und Schiffe finanziert.
Wie der deutsche Geschäftsführer Manuel Abraas erzählt, wird die Schlagkraft der Organisation oft unterschätzt: „Ohne solide Basisarbeit fährt kein einziges Schiff raus. Ich hätte nie erwartet, wie viel Bürokratie Meeresschutz bedeutet, aber ich bin heilfroh, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen durfte, und Zeuge davon bin, was Sea Shepherd bewegt.“ Es ist dieses Zusammenspiel von Professionalität und Idealismus, das Sea Shepherd ausmacht, und Erfolge bringt.
Die Flotte als Rückgrat des weltweiten Meeresschutzes
Mehrere Hochseeschiffe, Schnellboote, Forschungseinheiten und Küstenfahrzeuge bilden die Einsatzflotte. Der bekannte «Age of Union», die «Ocean Warrior» oder die kleinere «Triton», die 2021 zusätzlich in Betrieb ging – jedes der Schiffe ist ein Werkzeug gegen Umweltverbrechen. Dazu kommen mobile Küstenteams: Camper, Transporter, Schlauchboote und Tauchausrüstung für Projekte wie die Bergung von Geisternetzen oder die Renaturierung von Seegraswiesen. Dabei wird stets auf ein Netzwerk aus Experten und Freiwilligen zurück gegriffen. Bei Sea Shepherd ist man sich sicher: «Wenn die Leute erst einmal Bescheid wissen, helfen sie gerne, und sind mitunter auch entsetzt von dem Zustand der Meere und der Tiere darin.»
Geisternetze, Seegras und stille Katastrophen
Gerade in Norden Europas finden eine Menge Einsätze aufgrund sogenannter Ghost Nets statt. «30 Tonnen haben wir bereits geborgen. Das ist aber leider nur die Spitze des Eisbergs. Und nur weil kein Fischerboot mehr daran hängt, fangen die Netze ja trotzdem weiter. Und die Tiere verenden darin kläglich.» sagt Manuel Abraas, Geschäftsführer von Sea Shepherd Deutschland. Allein in der Ostsee gehen jedes Jahr Tausende solcher Netze verloren, die weiterhin Fische, Vögel und Säuger töten. «Wir haben die Tonnen an Netzen schon einmal im öffentlichen Raum aufgetürmt, um den Menschen das Ausmass zu veranschaulichen», erzählt Abraas weiter.
Parallel renaturieren Sea-Shepherd-Teams in Deutschland auch Seegraswiesen: „40.000 Pflanzen haben wir gesetzt – jede einzelne hat man dabei dreimal in der Hand. Sisyphusarbeit, aber essentiell für das Ökosystem Meer“, so Manuel Abraas. Seegras bindet CO₂, stabilisiert Küsten und schafft Lebensräume, es ist ein wahrlich unterschätzter Klimaschützer.
Der Schweizer Meeresblick
Auch Länder ohne Meer leisten einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Meere. «Die Schweiz importiert 75.000 Tonnen Fisch pro Jahr. Wir sind damit Teil des Problems und der Lösung», erklärt Natalie Maspoli Taylor, Direktorin von Sea Shepherd Schweiz. Und ihr Kollege Klaus Gaar ergänzt: „Kaum jemand weiss, wie viel Kriminalität mit illegaler Fischerei verflochten ist.“ Schweizer Freiwillige unterstützen daher internationale Kampagnen, finanzieren Ausrüstung und sorgen via Bildungsarbeit für Bewusstsein. Somit ist Sea Shepherd Schweiz ein mehr als wichtiges Standbein im globalen Netzwerk.
Gemeinsam für die Meere
Sea Shepherd wirkt weltweit, weil Menschen aktiv werden. Über politische Grenzen und Interessen hinaus. Es geht um die Natur im Meer. Ob als Spender, freiwilliger Helfer oder Taucher im Seegrasprojekt: Jede Handlung zählt. Oder wie Manuel Abraas es formuliert: «Wenn jeder nur einen kleinen Beutel Müll pro Woche von den Stränden aufhebt, hätte das einen riesigen Impact. Kleinvieh macht Mist, und gemeinsam schlägt das grosse Wellen.»
Sea Shepherd setzt dabei auf eine klare Vision: lebensfähige Ozeane, frei von Ausbeutung, Plastik und illegaler Fischerei. Oder wie Natalie Maspoli Taylor aus der Schweiz meint: «Unser Traum wäre, dass Sea Shepherd einmal nicht mehr notwendig ist. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.»
Weiterlesen:
Auf ein Glas mit ... Natalie Maspoli Taylor und Klaus Gaar von Sea Shepherd Schweiz
Über die Autorin
Nina Wessely, Redaktorin
Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.