Degustieren Frauen anders als Männer?
Geschlechterunterschiede gibt es auch beim Degustieren. Das belegen Versuche und Studien. Und doch zählt am Ende, dass es einem individuell gut schmeckt. Gleich ob Mann oder Frau.
Text
Martina Korak
Önologin 07.02.2026
Die landläufige Meinung besagt, dass Frauen sensibler und emotionaler degustieren, lieber süssliche Weissweine oder Rosés bevorzugen und stärker auf den Anlass achten als auf den Wein selbst. Männer hingegen gelten als analytischer, strukturorientierter und mit einer Vorliebe für kräftige Tropfen mit Holz und Alkohol – oft auch als Statussymbol.
Doch dann denke ich: «Moment! Maria liebt Amarone, und bei Marco muss immer Weisswein im Kühlschrank stehen.» Grund genug, dieser Frage etwas genauer nachzugehen.
Frauen und Männer im Vergleich
Aus wissenschaftlicher Sicht verfügen Frauen tatsächlich über einen feineren Geruchssinn. Sie reagieren empfindlicher auf Düfte und können sich Gerüche besser merken – unter anderem, weil sie rund fünfzig Prozent mehr Nervenzellen im Riechkolben besitzen, jener Schaltzentrale im Gehirn, in der Gerüche als Erstes verarbeitet werden. Duftmoleküle aus der Nase werden dort sortiert und an weitere Hirnareale weitergeleitet, wo sie mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft werden.
Auch hormonelle Einflüsse spielen eine Rolle: Östrogen wirkt auf die Sinneswahrnehmung. Schwankungen während des Zyklus sowie in der Periode der Postmenopause können die Geruchs- und Geschmacksverarbeitung verändern – was viele Frauen deutlich spüren.
Auch beim Schmecken liegen Frauen vorn. Man unterscheidet zwischen «Super-», «Normal-» und « Nichtschmeckern », abhängig von der Dichte der Geschmackszellen auf der Zunge. Etwa die Hälfte der Menschen gehört zu den Normalschmeckern, je ein Viertel zu den Super- bzw. Nichtschmeckern.
Und – wenig überraschend – Frauen sind häufiger Supertaster. Ihre höhere Zahl an Geschmacksknospen macht sie sensibler für Bitterkeit, Süsse und Säure. Interessant ist auch der geografische Unterschied: In Asien ist der Anteil der Supertaster deutlich grösser als in Europa oder den USA. Das zeigt, dass der Geschmackssinn stärker von der Genetik als vom Geschlecht geprägt ist.
Genetik und Individualität
Heute unterscheidet man sechs grundlegende Geschmacksrichtungen: süss, sauer, salzig, bitter, umami und – neu erkannt – fettig. (Umami lässt sich als herzhaft beschreiben, etwa wie kräftige Brühe, Pilze oder Sojasauce.) Diese nehmen wir alle über den Gaumen wahr.
Rund fünfzig Gene sind für unser Geschmacksempfinden verantwortlich. Die unzähligen möglichen Kombinationen sorgen dafür, dass jede Person Geschmack unterschiedlich empfindet. Besonders stark fallen Unterschiede bei der Wahrnehmung von Bitterstoffen auf. Auch Vorlieben für Fettiges, Süsses oder Herzhaftes sind teilweise angeboren. Selbst die Empfindlichkeit gegenüber Schärfe ist erblich bedingt – wobei Schärfe streng genommen keine Geschmacks-, sondern eine Schmerzempfindung ist.
Der Einfluss des Umfelds
Eines darf man nicht ausser Acht lassen: Geschmacksvorlieben sind zu einem grossen Teil das Resultat von Erziehung, sozialem Umfeld, Erfahrung und von der Esskultur des Landes. Dementsprechend ist auch die Annahme, dass Menschen Geschmack objektiv beurteilen können, längst widerlegt.
Mit zunehmendem Alter nimmt zudem die Empfindlichkeit von Geruchs- und Geschmackssinn spürbar ab. Ob nun Genetik, Erfahrung oder Geschlecht: Gut ist, was einem schmeckt! Genau diese Subjektivität macht das Degustieren so spannend: Sie führt zu anregenden Gesprächen – und zu einer herrlich grossen Auswahl an hervorragenden Weinen.
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Über die Autorin
Martina Korak, Önologin
Wein lässt sich nicht aufzwingen, manchmal ist er beschwingt und fröhlich, manchmal zurückhaltend und anmutig, manchmal launisch, gar rebellisch. Diese Erkenntnis fasziniert mich immer wieder.