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Die Kunst des Degustierens

Wein degustieren ist weit mehr als nur «Wein trinken». Es ist ein bewusster Prozess, bei dem wir unsere Sinne schärfen, um die Geschichte, das Handwerk und das Terroir hinter jedem Wein zu verstehen. Ob Profi oder Anfänger – eine strukturierte Herangehensweise hilft dabei, die Komplexität eines Weines voll zu erfassen.

Text

Dirk Wasilewski
Diplom-Sommelier
13.03.2026

Degustieren macht in der Runde noch mehr Spass. Im Bild: Das Delinat-Team beim Degustieren erwischt.

Ein kleiner Leitfaden für die Kunst des Degustierens

1. Das Auge: Die Farbe und Klarheit

Bevor die Nase zum Einsatz kommt, betrachten wir den Wein. Halte das Weinglas am besten gegen einen weissen Hintergrund und neige es leicht.

Die Farbe: Sie gibt erste Hinweise auf Rebsorte und Alter. Ein junger Weisswein ist oft blassgelb mit grünen Reflexen, während ein gereifter Weisswein ins Goldene oder Bernsteinfarbene übergeht. Rotweine starten oft mit einem Purpur oder einem hellem Kirschrot und wandeln sich mit den Jahren zu einem herbstlichen Ziegelrot oder Braun.

Die Viskosität (Kirchenfenster): Wenn du den Wein schwenkst, bilden sich Tropfen am Glasrand. Laufen diese langsam und dickflüssig herab, deutet das auf einen höheren Alkohol- oder Restzuckergehalt hin.

2. Die Nase: Das sensorische Gedächtnis

Die Geruchsprüfung ist der komplexeste Teil. In der Fachwelt spricht man oft von den vier Phasen der Nase, um die Aromen systematisch zu erkennen:

Die 4 Nasen der Degustation

Die erste Nase – das ungeschwenkte Glas: Rieche am Glas, ohne den Wein zu bewegen. Hier zeigen sich die flüchtigsten und feinsten Aromen. Sie geben einen ersten Eindruck von der Intensität.

Die zweite Nase – nach dem Schwenken: Durch das Schwenken gelangt Sauerstoff an den Wein, was die Freisetzung von Aromen intensiviert. Jetzt treten die primären Fruchtaromen (Rebsorte) und sekundären Noten (Ausbau, z.B. Hefe oder Holz) deutlich hervor.

Die dritte Nase – während des Trinkens: Auch beim Schlucken riechen wir. Über den Rachenraum gelangen die Aromen an die Riechschleimhaut (retronasales Riechen/Rückgeruch). Die Eindrücke der 1. & 2. Nase werden entweder bestätigt und/oder es kommen neue Aromen hinzu.

Die vierte Nase – das leere Glas: Wenn das Glas ausgetrunken ist, bleiben oft die schwersten Moleküle zurück – Noten von Tabak, Leder oder Vanille. Das «leere Glas» verrät viel über die Qualität und Konzentration des Weines.

3. Der Gaumen: Struktur und Balance

Diplom-Sommelier Dirk Wasilewski und Retail-Leiter Noël Savary haben sichtlich Spass am Degustieren.

Nun folgt der erste Schluck. Ziehe dabei etwas Luft ein («Schlürfen»), um den Wein im Gaumen zu zu verteilen und die Aromen im Mundraum zu verstärken sowie die Textur besser wahrzunehmen.

sse: Wird an der Zungenspitze und im Zungengrund wahrgenommen.

Säure: Spürst du vor allem an den Seiten des Gaumens (Speichelfluss). Sie verleiht dem Wein Frische.

Tannine (Gerbstoffe): Vor allem bei Rotweinen wichtig. Sie verursachen ein pelziges auf der Zunge und ein zusammenziehendes Gefühl am Zungengrund.

Körper: Der Körper eines Weins definiert sich durch seine Fülle im Mund, primär beeinflusst durch Alkoholgehalt, Extrakt (Inhaltsstoffe), Zucker und Tannine. Er beschreibt das Mundgefühl, oft eingeteilt in leicht, mittel oder kräftig, wobei ein hoher Alkoholgehalt und wenig Säure zu einem schwereren, vollmundigen Eindruck führen.

4. Der Abgang: Das Finale

Die Qualität eines Weines bemisst sich oft an der Länge des Abgangs. Wie viele Sekunden bleibt der Geschmack angenehm im Mund präsent, nachdem der Wein geschluckt oder ausgespuckt wurde? Ein langer Nachhall, der durch die Inhaltsstoffe des Weines geprägt ist, ist meist ein Zeichen für hohe Qualität.

Diplom-Sommelier Dirk Wasilewski leitet seit vielen Jahren die Kurse bei Delinat.

Die Tipps für deine nächste Verkostungsrunde

  • Achte darauf, dass die Umgebung geruchsneutral ist. Parfüms, Duftkerzen oder gar der Geruch von Essen können die feinen Nuancen der «ersten Nase» komplett überlagern.
  • Benutze ein bauchiges Glas, das sich nach oben zum Rand verjüngt. So kannst du die Weinaromen in der Nase besser wahrnehmen. Die besten Gläser sind mundgeblasen.
  • Schule deine Nase mit einem Aromenparcours z.B. von Le nez du vin.
  • Nimm dir Zeit beim Degustieren – für die Entstehung eines Qualitätsweins von der Traube in die Flasche braucht es auch Zeit.
  • Trinke zwischendurch Wasser, am besten Leitungswasser um den Gaumen zu neutralisieren.

Und natürlich kannst du das Thema bei unserem Basiskurs «Die Kunst des Degustierens» mit Freunden und Gleichgesinnten vertiefen. Die Termine in deiner Nähe findest du auf unserer Event-Seite.

Über die Autorin

Dirk Wasilewski

Dirk Wasilewski, Diplom-Sommelier

Als Sommelier stehen für mich Genuss und Qualität an erster Stelle. Für den Genuss ohne Reue brauchen wir aber ökologisches Denken und Handeln. Dies zu erreichen ist mein Wunsch und täglicher Antrieb.

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