Von der Unart des Zeitgeists
Wie Geduld und gesunde Trauben in gutem Wein münden.
Text
Nina Wessely
Redaktorin 27.08.2025
Höher, schneller, weiter: Heutzutage kann es gar nicht flott genug gehen. Leute rennen anstatt zu gehen, hyperventilieren anstatt zu atmen und auch die Trauben im Weingarten, ebenso wie die Weine daraus, sind von dieser superschnellen Optimierungswelle schon lange überrollt worden. Die arme Muse weiss schon gar nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.
Dabei ist gerade Wein ein Genussmittel und eine Form der Rebe und des Winzers sich auszudrücken. Nicht umsonst gilt die Rebe als eine der Pflanzen, die ihre Herkunft am klarsten zeigen kann. Natürlich vorausgesetzt, der Winzer hat auch im Keller Geschick bewiesen.
Gut Ding braucht Weile
Wein lebt, und gut Ding braucht Weile. Eine der schwersten Übungen im Leben, Geduld zu zeigen, ist auch beim Wein angebracht.
Es dauert Jahre, bis sich ein Boden von einer konventionellen Bewirtschaftung erholt. Und auch Zeit im Keller ist vonnöten, damit sich die Komponenten eines Weins im Fass oder im Stahltank verbinden, harmonisch wirken und so einen runden Wein ergeben.
Wieso sollte hier die Flasche ausgenommen sein? Wieso sollte der Wein, der frisch gepresst und eben abgefüllt ist, der beste sein?
Eine Frage des Stils
Natürlich gibt es Weinstile, Herkünfte und auch Rebsorten, deren Weine sich besser für eine lange Lagerung eignen. Hierbei spielen der Zuckergehalt des Weins (je süsser, umso haltbarer), die Säure und auch die Tannine eine grundlegende Rolle. Lebt ein Wein von seiner Primärfrucht, sprich von den Aromen, die die Traube verleiht – von Apfel bis Birne und weissen Blüten –, ist es natürlich nicht ratsam, diesen Wein für Dekaden im Keller verschwinden zu lassen.
Denn bei Lagerung tritt die Primärfrucht in den Hintergrund, es entwickeln sich Reifearomen wie Toffee, eine gesetztere Frucht, ja zum Teil eine elegante, beinahe morbide Süsse. Das nennt man dann den Sweet Spot im Wein: den Moment, an dem der Wein an seinem Höhepunkt angelangt ist. Der Zeitpunkt, an dem die Aromen der Traube mit denen aus dem Fass und jenen, die die Reife angedeihen lässt, in absoluter Harmonie stehen.
Das ist ein Moment, den der Weinliebhaber nicht missen möchte: Wenn man das Glas immer wieder zur Nase und zum Mund führt, und sich schiere Begeisterung über den degustierten Tropfen breit macht. Nun sind, wie schon gesagt, auch manche Weine für den frischen Genuss gedacht. Andere wiederum, vorausgesetzt sie bekamen die Zeit zu reifen, bleiben ein Lebtag in Erinnerung. Nicht alle Weine können gross sein, so wie nicht alle Lieder einen Grammy gewinnen oder jeder Film mit der Ambition eines Oscargewinns gedreht wird.
Die Langstrecke zum Genuss
Niemals jedoch wird ein Wein ganz frisch nach der Abfüllung begeistern. Guter Wein ist immer ein Langstreckenlauf, nicht immer darauf aus, den Marathon zu gewinnen, aber dennoch gibt es Etappen, die jeder Wein nehmen muss, um am Punkt zu sein. Aus diesem Grund reift ein Wein nach der Abfüllung noch in den Flaschen nach. Damit Komponenten sich verbinden und der Wein den Schock der Abfüllanlage überwindet. Zumindest bis in den Winter hinein braucht ein jeder Jahrgang, um sich auf der Flasche auszubalancieren.
Viele Winzer stemmen sich inzwischen gegen den Zeitgeist und bringen ihre fruchtbetonten Jungweine erst im auf die Ernte folgenden Frühjahr in den Verkauf. Denn: Soviel Zeit muss sein. Vereinzelte geben dem Wein noch mehr Zeit und begleiten ihn auf seinem Weg zum Sweet Spot. Schliesslich hat nicht jeder Weinliebhaber einen Keller, in dem die Flaschen wohltemperiert und abgedunkelt heranreifen können. Und auch nicht jeder Weinliebhaber hat die Geduld, um diesen Sweet Spot abzuwarten, wenn die Weine schon einmal zuhause lagern. Zu gefährlich werden diesen Flaschen gesellige Runden und späte Stunden. Ausgenommen natürlich Frau und Herr Weinliebhaber kaufen die Weine dann, wenn sie schon auf ihrem Höhepunkt angelangt sind. Dann hat das Geduldspiel dankenswerterweise der Winzer oder Händler übernommen.
Über die Autorin
Nina Wessely, Redaktorin
Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.