Wein beschreiben leicht gemacht

Profis beschreiben Weine oft wortgewaltig – mit grenzenloser Fantasie. Normalen Weingeniessern hingegen fällt es meist schwer, einen Wein in Worte zu fassen. Wie schmeckt dir der Wein? «Hm, lecker.» Für eine ausführlichere Beschreibung braucht es bloss ein paar Anhaltspunkte.

Eine kurze Weinnotiz ermöglicht es dem Geniesser, Weine zu kategorisieren: «Dieser Rotwein ist unheimlich dunkel, beinahe schwarz, aber in der Nase überrascht er mit einer frischen Frucht, und am Gaumen ist er warm, beinahe süsslich, angenehm weich mit einer erfrischenden Säure. Ein harmonischer Wein, der mir sehr gefällt.»

Für eine einfache Beschreibung reicht es, sich auf vier Eigenschaften des Weins zu konzentrieren: Aromen, Süsse, Säure, Tannin. Gefragt ist Harmonie. Doch gerade Weine mit Lagerpotenzial fallen in ihrer Jugend auf durch Säure und Tannin. (Auf Bild Klicken zum Vergrössern)
Für eine einfache Beschreibung reicht es, sich auf vier Eigenschaften des Weins zu konzentrieren: Aromen, Süsse, Säure, Tannin. Gefragt ist Harmonie. Doch gerade Weine mit Lagerpotenzial fallen in ihrer Jugend auf durch Säure und Tannin. (Auf Bild Klicken zum Vergrössern)

Wie gelangen wir zu dieser Degustationsnotiz? Um einen Wein beschreiben zu können, müssen wir uns konzentrieren. Ein, zwei ruhige Minuten sind schon nötig. Vor der eigentlichen Degustation sagt uns ein kurzer Blick ins Glas, ob der Wein optisch einwandfrei ist: Farbe, Glanz, Dichte und Klarheit – hier also «dunkles Rot, beinahe schwarz».

Riechen und schmecken

Die Aromen nehmen wir vielfältig wahr: Ein erstes Schnuppern am ungeschwenkten Glas lässt uns die feinflüchtigen Aromen entdecken. Nach kurzem Schwenk entströmen dem Glas weitere Düfte. Ob wir gleich die Früchte und Blumen benennen wollen, ist Ansichtssache; hier notieren wir «frische Frucht».

Den Geschmack eines Weines prüfen wir mit Zunge und Gaumen. Hier sind es vor allem Süsse, Säure und Tannin (herb-bitter), die auff allen. Die zwei anderen Geschmackseindrücke Salz und Umami spielen bei Wein eine untergeordnete Rolle. Umami ist ein fleischähnlicher Geschmack, bekannt auch aus asiatischen Gerichten (Glutamat).

Süsse muss nicht unbedingt Zucker bedeuten. Auch Alkohol, zum Beispiel Glyzerin, wirkt süsslich oder hier «warm, beinahe süsslich». «Angenehm weich» lässt auf feine, reife Gerbstoffe (Tannin) schliessen – im Gegensatz zu rauen Gerbstoffen von jungen Lagerweinen. Meist an den hinteren Zungenrändern spüren wir die Säure eines Weines: kaum merklich, frisch, rassig oder gar sauer? In unserem Beispiel stellen wir eine «erfrischende Säure» fest.

Wein weckt Gefühle

Am Gaumen registrieren wir auch Empfindungen, die nicht primär dem Geschmack zugeordnet werden: Temperatur und taktile Eindrücke wie kratziges Tannin, Feststoffe im Wein (Weinstein, ausgefällte Gerbstoffe). All dies fassen wir nun zum Gesamturteil zusammen: Dieser Rotwein ist unheimlich dunkel, beinahe schwarz, aber in der Nase überrascht er mit einer frischen Frucht, und am Gaumen ist er samtig weich mit einer angenehmen Säure. Die feinen Gerbstoffe spürt man erst nach ein paar Sekunden – ein harmonischer Wein, der mir sehr gefällt.

Aus dem «lecker» ist nun eine anschauliche kurze Beschreibung geworden. Sie hilft uns, Weine zu kategorisieren. Beispielsweise in dunkle Weine (Südeuropa oder dunkle Traubensorten wie Tempranillo, Nero d’Avola, Dornfelder, Tannat) und eher helle Rotweine (z. B. Pinot Noir). Frische Frucht lässt auf einen jungen, einwandfrei vinifizierten Wein schliessen. Samtig weich am Gaumen sind gehaltvolle Weine, meist schon ein paar Jahre gelagert – und sicher keine billigen Schnäppchen. Sind Süsse, Säure und Tannin im Gleichgewicht, sprechen wir von einem harmonischen Wein. Diese Degustationsnotiz speichern wir in unserem Hirn, zusammen mit dem Wein, hier könnte es ein guter Nero d’Avola aus Sizilien sein. Nach einem halben Dutzend solcher Weinbeschreibungen verfügen wir schon über ein Wissen, das uns die Weinauswahl wesentlich erleichtert: Wissen macht Spass.

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Falls Ihnen dieser Artikel gefallen hat, legen wir Ihnen auch den Beitrag «Weniger ist mehr» aus der WeinLese 36 ans Herzen.

Peter Kropf

Peter Kropf

Redaktion WeinLese bei Delinat
Wein belebt oder beruhigt; er fördert das Gespräch oder die Stille. Er bringt Harmonie oder Zerstörung. Er schafft Freunde aber auch Feinde; er verbindet oder entzweit. Der Entscheid liegt bei mir.
Peter Kropf

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3 comments

  1. Danke, ein schöner, einfach gehaltener Artikel mit einer tollen Grafik. Was ich auch immer hilfreich finde, ist mit Freund*innen gemeinsam über den Wein zu sprechen, der gerade getrunken wird. Am liebsten sind mir dabei tatsächlich aber die Kommentare derjenigen, die keine oder kaum Weinerfahrungen haben…das ist immer erfrischend.

  2. ….den Wein im wesentlichen nur mit der Zunge zu verkosten, wie hier empfohlen, reicht wohl bei weitem nicht …das soo viel wesentlichere AROMENSPIEL wird in Ihrer Empfehlung so ganz nebenbei erwähnt! Dabei ist es doch genau umgekehrt: erst die Nase in ihrer Vielfalt und dann die mit nur 5 Kriterien ausgerüstete Zunge!!

  3. Allgemein stelle ich erfreulicherweise fest dass die Winzer es heutzutage immer mehr verstehen mit möglichst wenig Eingriffen Weine fehlerlos und ansprechend zu kreieren. Gleichzeitig steigt aber auch das technische Niveau der immer grösser werdenden Vertriebs und Abfüllbetrieben welche gemäss der kapitalistischen Wirtschaftsweise immer stärker miteinander fusionieren mit immer höherem Manipulations und Vereinheitlichungspotential. Der Import in Tanks gibt zusätzliches Manipulationspotential und ist nicht nur ökologischer. Hier wird immer mehr der Mainstream bedient sowie mehrheitliche Kundenwünsche erfüllt; Teilweise sogar mit hochtechnisierten Hilfsmitteln wie Spinning Cone Columne wo absolut keine Zusatzstoffe mehr nötig sind um das Aromaprofil jedes Weines tiefgreifend „zurechtzubiegen“. Ich nehme zwar an dass BIO-Weine von solchen Methoden noch verschont bleiben, dennoch möchte ich darauf hinweisen dass Delinat auch bei der Weinbereitung kein bischen nachlassen sollte wenn es um puristische Angelegenheiten sowie auch „Diversität im Weinkeller“ anstatt „nur“ auf dem Rebberg geht. Hier stelle ich unerfreulicherweise fest dass es immer mehr Einheitsbrei gibt und die Weine effektiv dank rein physikalischen Eingriffen oft sehr berechenbare Aromatiken entwickeln. Das hat mit Natur genau so wenig zu tun wie Rebberge ohne Biodiversität und deswegen sollte man trotz Mainstreamgedanke auch immer den Weinkeller für neue Aromatiken und Potentiale offenhalten und es wäre schön wenn auch Weine mit richtig kraftvollen Phenolen welche noch richtig pelzig am Gaumen sind bei Delinat einen Nischenplatz haben und nicht fast komplett aus dem Sortiment verbannt sind da kein Mainstreamwunsch. Dann endet das Ganze effektiv in Designerwein wo nur noch der Weinberg viel Natur darstellt. Es wundert bei solchen Tendenzen wenig falls der Kunde im Differenzieren immer mehr Mühe hat wenn man immer mehr am vereinheitlichen ist, denn auch Differenz ist Diversität und nicht z.B. 400 Kartoffeln oder in diesem Fall Weinsorten wo jede Einheit sich immer weniger von den Anderen unterscheidet. Auch einige Amphorenweine im Sortiment wären toll. Diversität ist zwar Natur aber noch nicht Innovation sondern wenn man möglichst viel, inklusive Geschmäcker, unter einen Hut bringen kann, selbst wenn vieles davon eine Nische darstellt.

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