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«Das krasseste Jahr, das ich in meinen 30 Jahren Winzererfahrung erlebt habe»

Der Sommer 2026 war eine extreme Belastungsprobe, sowohl für die Reben wie auch für die Winzerinnen und Winzer. Monatelange Dürren und Temperaturen um die 40 Grad bestimmten die letzten Monate. Was in Südeuropa schon länger zur neuen Normalität gehört, wird auch im nördlichen Europa zunehmend Realität. Wir haben bei unseren Winzern nachgefragt, wie sie die Reben durch diesen Extremsommer gebracht haben.

Text

Olivier Geissbühler
Redaktor
26.08.2026

Tobias Zimmer vom Hirschhof in Rheinhessen und sein Sohn Henri waren dieses Jahr besonders gefordert.

Angefangen hat das Weinjahr 2026 ziemlich vielversprechend: Fast überall genügend Winterniederschläge, wenig Frostschäden und ein guter Austrieb der Reben. Doch dann folgte auf einen trockenen Mai ein sehr heisser Juni mit teilweise bis zu 40 Grad. Regen war an den meisten Orten nicht in Sicht. Und auch im Juli ging es ähnlich weiter: Tagsüber fast durchgehend Temperaturen über 30 Grad und eine immer akutere Trockenheit. Wie überleben das die Reben, vor allem ohne Bewässerung? Und wie wird der Weinjahrgang 2026 nach solch einem extremen Sommer?

Tobias Zimmer vom Delinat-Weingut Hirschhof in Rheinhessen blickt auf einen Sommer zurück, der viel Energie und Nerven kostete. Und er war selber erstaunt, wie widerstandsfähig sich seine Reben ohne Bewässerung zeigten: «Nach zwei bis drei Wochen Rekordtemperaturen denkt man: Das ist eine Hitzephase, die geht rum. Aber nach sechs Wochen geht das irgendwann auf die Gesundheit und das Gemüt. Die Reben haben das erstaunlich gut weggesteckt, aber mich hat es wirklich belastet. Die Natur kommt besser damit zurecht als ich, ich war wirklich zwischenzeitlich nervlich sehr angespannt», erzählt uns der Delinat-Winzer. Und obwohl die Erntemenge sicher deutlich kleiner ausfallen wird als in anderen Jahren, rechnet Tobias mit einer guten Weinqualität. Für die Ernte wünscht er sich noch etwas gemässigteres Wetter: «Ein sachter Landregen wäre jetzt schön, danach darf es trocken bleiben, damit die Reben nicht aufplatzen und faulen.»

Alex Pflüger prüft mit einem Refraktometer den Zuckergehalt der Trauben.

Historisch frühe Ernte

Der Delinat-Winzer Alex Pflüger aus Bad Dürkheim in der Pfalz ist ebenfalls erstaunt, was seine Reben in diesem Extremsommer ohne Bewässerung geleistet haben. Er vermutet, dass die Resilienz der Reben auch mit der Bewirtschaftung zusammenhängt: "Wir haben hier viele Massnahmen umgesetzt, die Bodenfruchtbarkeit, -gesundheit und -aktivität bringt. Unsere Böden sind wie ein Schwamm, sie können das bisschen Wasser, was sie bekommen haben, effektiv halten und verwerten.» Sie hätten zudem eine gute Strategie mit der Bodenabdeckung verfolgt: Den Boden schützen und nicht der Sonne aussetzen, die Laubwände kurz halten, damit sie nicht so viel Verdunstungsfläche haben; nicht entblättern, damit die Trauben im Schatten und nicht in der prallen Sonne reifen, dadurch gab es kaum Sonnenbrandschäden.

«Die Trauben sind schön reif und haben eine gute Fruchtentwicklung», berichtet uns Alex zufrieden. «Wir werden einen Jahrgang mit moderatem Ertrag bekommen, mit Sicherheit sehr reif, mit einer starken Aromatik. Die Säure müssen wir im Blick behalten, aktuell liegen wir aber in einem guten Bereich. Von daher erwarten wir einen tollen Jahrgang, mit geringeren Erträgen, aber einer vielversprechenden Qualität, auf die wir uns freuen». Auch der Erntezeitpunkt bricht sämtliche Rekorde: «Mit der Ernte sind wir historisch früh, episch früh, könnte man sagen. So früh hab ich noch keine Lese mitgemacht. Wir schreiben also Geschichte. Wir werden auch früh fertig sein, voraussichtlich schon in 3-4 Wochen».

Für Timo Dienhart an der Mosel war es das krasseste Winzerjahr, das er je erlebt hat. Doch die Mühe hat sich gelohnt, er ist mit dem Ergebnis zufrieden.

«Wir lassen die Rebe lange leiden, ehe wir bewässern»

Beim Delinat-Winzer Timo Dienhart an der Mosel sah die Situation ebenfalls prekär aus: «Dieses Jahr war das krasseste Jahr, das ich in meinen rund 30 Jahren Winzererfahrung erlebt habe», erzählt er uns. Ab Mitte Juni herrschten fast durchgehend Extremtemperaturen mit bis zu 40 Grad und ab Ende Juni zeigten die Reben in den steileren, kargeren und jüngeren Parzellen bereits akuten Trockenstress. «Wir mussten etwas bewässern, sonst hätten viele Reben grossen Schaden davongetragen oder wären sogar ganz abgestorben». Wie gross die Schäden wegen Trockenheit sein können, zeigen Nachbarsparzellen, welche gar nicht bewässert und arg in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Timo wartet jeweils so lange mit der Bewässerung, wie es nur möglich ist: "Wir lassen die Rebe lange leiden, ehe wir bewässern. Wir wollen eigentlich nicht bewässern, wir wollen, dass die Rebe es alleine schafft. Die Rebe soll fühlen, dass sie kämpfen und tiefer wurzeln muss." Erst wenn die Pflanzen akute Trockenstress-Symptome aufweisen, beginnt er mit punktweiser Bewässerung. Und Timos Mühe hat sich ausgezahlt: «Es war sportlich für die Reben und für uns, aber jetzt sieht es toll aus. Wir schauen auf eine gute Traubenqualität, die wir ernten dürfen.»

Für die Reben der Winzerfamilie Meyer aus dem Elsass wäre eine Bewässerung in manchen Lagen ebenfalls dringend nötig gewesen. Der trocken- und hitzeanfällige Riesling konnte den hohen Temperaturen und der Trockenheit zum Teil nicht standhalten und in manchen Weinbergen verzeichnet Xavier Meyer einen Ausfall von bis zu 80 Prozent. Doch Bewässerung für die Reben ist im Elsass bis auf einzelne Ausnahmen und Junganlagen grundsätzlich verboten und die Winzerfamilie Meyer möchte auch künftig auf Bewässerung im grossen Stil verzichten. Glücklicherweise haben sie auch viele Lagen, wo die Trockenheit etwas weniger akut war und der Boden mehr Wasser speichern konnte. Dort ist Xavier Meyer mit der Qualität zufrieden und es wurde ebenfalls bereits Mitte August mit der frühesten Ernte begonnen für die Crémants.

Xavier Meyer ist zufrieden mit der Ernte im Elsass, obwohl einige sehr trockene Riesling-Lagen einen Ausfall erlitten.

PIWI-Sorten kommen gut mit Hitze und Trockenheit zurecht

Einen Vorteil hatte das trockene Wetter: Es gab fast keine Pilzkrankheiten und es musste dementsprechend nur wenig Pflanzenschutz gemacht werden. Was sich diesen Sommer erneut zeigte, war die erstaunliche Widerstandsfähigkeit von robusten Rebsorten. Sie sind nicht nur bei feuchtem Pilzwetter ein grosser Vorteil, sondern scheinen generell auch ziemlich gut mit Trockenheit und Hitze zurechtzukommen. Sonnenbrand ist bei pilzwiderstandsfähigen Sorten äusserst selten und die PIWI-Sorte Cabernet Blanc zum Beispiel blieb selbst an trockenen Standorten äusserst standhaft, bestätigt uns Timo Dienhart.

Neue, pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWI-Sorten) sind nicht nur bei feuchtem Wetter ein Vorteil, sondern auch bei Trockenheit und Hitze.

Auch Delinat-Winzer Roland Lenz aus dem Thurgau kann kaum fassen, in welch guter Verfassung sich seine PIWI-Trauben trotz Trockenheit zeigen. Er begründet diese Gesundheit der Reben mit den vitalen Böden und der damit verbundenen Wasserspeicherkapazität. Solch gesunde Böden sind aus seiner Sicht nur mit PIWI-Sorten möglich, weil weniger Bearbeitung und Pflanzenschutz nötig ist. Das sorgt dafür, dass das Bodenleben sich ungestört entwickeln kann. Obwohl die Ernte ebenfalls sehr früh startete, zeigt er sich mit Säure, PH-Wert und Zuckergehalt der Trauben äusserst zufrieden. Geholfen haben laut seinen Angaben zudem einige kühle Nächte Mitte August.

Auch Tobias Zimmer vom Hirschhof hat diesen Sommer gute Erfahrungen mit PIWI-Sorten gemacht: «Wir haben beobachtet, dass die neuen PIWI-Anlagen, die wir vor einigen Jahren gepflanzt haben, wenig Stresssymptome zeigen. Souvignier Gris, Laurot, Satin noir, Hibernal, die zeigen sich sehr positiv. Der Delinat-Winzer kann sich gut vorstellen, künftig noch mehr auf diese Sorten zu setzen: «Wir werden in Zukunft vielleicht auf ein Drittel oder auf fast die Hälfte PIWI-Sorten im Betrieb aufstocken, je nachdem wie sich die Situation entwickelt.»