«Die Natur kennt keine Monokultur»

Die Begrünung ist ein zentrales Element der Biodiversität im Rebberg. Der deutsche Ökoweinbauberater Matthias Wolff gehört zu den gefragtesten Experten für Weinbergbegrünung. Im Interview verrät er, worauf es ankommt und was sie bewirkt.

Matthias Wolff, weshalb soll ein Weinberg begrünt sein?
Matthias Wolff: Weil die Natur keine Monokulturen kennt. Natur bedeutet Vielfalt, Mischkultur. Ein idealer Pflanzenteppich in den Gassen zwischen den Rebzeilen stellt eine Wurzel- und Blütenvielfalt dar. Das ist gut für das Bodenleben und den Insektenreichtum. Beides begünstigt ein natürlich funktionierendes Ökosystem.

Matthias Wolff
Matthias Wolff

Sind Begrünungen auch in heissen und trockenen Südregionen möglich und sinnvoll?
Es gibt Einschränkungen für Regionen mit geringen Niederschlägen. Bei 500 Millimeter oder weniger pro Jahr muss man sich spezielle Lösungen überlegen. Gerade im Weinbau gibt es längere Zeitspannen, wo die Rebe kein Wasser braucht. Ausgeprägt ist das etwa während der Winterruhe der Fall. In solchen Zeiträumen kann man eine Begrünung wachsen lassen, um dann in der niederschlagsarmen Vegetationszeit wenn nötig teilweise darauf zu verzichten. In diesem Fall sollte man den Boden aber mit Stroh oder mit der gemulchten oder gewalzten Winterbegrünung abdecken.

Weshalb wird oftmals nicht der ganze Weinberg begrünt, sondern bloss jede zweite oder dritte Gasse?
Das hängt meist mit dem Wassermanagement zusammen. Wenn ich pro Jahr 700 und mehr Millimeter Niederschlag habe, kann ich alle Gassen ganzjährig begrünen, ohne mir Gedanken über möglichen Trockenstress für die Rebe zu machen. Bezüglich Bodenfruchtbarkeit, Humusaufbau, Biodiversität und Erosionsschutz ist die ganzflächige und ganzjährige Begrünung optimal. Wenn hingegen die Wasserreserven begrenzt sind, kann die sommerliche Begrünung in nur jeder zweiten oder dritten Gasse eine akkurate Lösung sein.

Matthias Wolff ist seit 1991 für den Beratungsdienst ökologischer Weinbau in Freiburg im Breisgau tätig. Dem Verein gehören rund 200 Winzer vorab aus Baden-Württemberg an. Die Beratungen des ausgewiesenen Experten für Bodenfruchtbarkeit, Weinbergbegrünung und Pflanzenschutz im biologischen Weinbau sind auch im Ausland gefragt.

Begrünte Böden brauchen also mehr Wasser als unbegrünte?
Nicht zwingend. Jeder Fall muss individuell beurteilt werden. Offene, nackte Böden erwärmen sich schneller und haben dadurch eine höhere Verdunstung. Ein Boden, der beispielsweise mit einer niedergewalzten Begrünung bedeckt ist, hat vielfach einen wesentlich geringeren Wasserverbrauch. Aber das ist in der Praxis leider noch nicht richtig durchgedrungen und stösst manchmal auch auf Ungläubigkeit.

Mittlerweile sind viele Weinberge begrünt, auch konventionell bewirtschaftete. Ist begrünt immer gut, oder gibt es da Unterschiede?
Da gibt es ganz klare Unterschiede. Ich unterscheide zwischen der Begrasung, die fast nur aus Gräsern besteht, und der Begrünung mit Kräutern, Blumen und Leguminosen wie Klee, Wicken, Ackerbohnen und Erbsen. Gräser haben die Eigenschaft, dass sie für die Reben eine viel grössere Wasser- und Nährstoffkonkurrenz darstellen als eine Begrünung, die mehrheitlich aus Kräutern und Leguminosen besteht.

Ist letztlich nicht jede Begrünung irgendwie auch eine Konkurrenz zur Rebe?
Es gibt genügend Pflanzen wie die erwähnten Leguminosen, die in der Lage sind, aus der Luft Stickstoff zu sammeln und so an die Rebe abzugeben, dass man den Stickstoffdüngersack getrost weglassen kann. In trockenen Regionen ist die Gefahr von Nährstoffkonkurrenz grösser. Aber auch hier lässt sich das Problem mit einer optimalen Pflanzenauswahl und dem gezielt gewählten Zeitraum der Begrünung gut lösen.

Eine Standardbegrünung für alle Weinberge gibt es demnach nicht?
Nein, die gibt es nicht. Die Begrünung muss auf die Region, den Boden und das Klima abgestimmt sein. Überall kann man dabei auf gewisse Erfahrungswerte zurückgreifen. Wegen des herrschenden Klimawandels sind wir aber auch gezwungen, immer wieder auszuprobieren, welche Pflanzen sich eignen und keine Konkurrenz zur Rebe darstellen.

Bekannt sind Ihre «Wolff-Mischungen». Wie viele gibt es davon?
Es gibt eine Grundmischung, die ich seinerzeit für meine rund 200 Winzer zusammengestellt habe, die ich berate. Diese Winzer kommen mehrheitlich aus Baden-Württemberg und arbeiten auf eher alkalischen Böden mit hohem pH-Wert. Zusätzlich habe ich eine zweite Spielart für südliche Regionen kreiert, wo die Böden eher sauer sind. Pflanzen haben ja ganz bestimmte Standortansprüche, insbesondere muss auch der pH-Wert berücksichtigt werden. Ich verstehe meine Mischungen als Grundlage, die man individuell anpassen kann.

Wie wichtig ist die Begrünung als Element der von Delinat zur obersten Maxime erklärten Biodiversität?
Sehr wichtig. Im biologischen Weinbau verträgt es meiner Meinung nach keine Monokultur. Wenn ich mit einer Begrünung zu einer Mischkultur beitrage, ist das eine gute Möglichkeit, die Biodiversität zu verbessern.

begruenung-wolff

Gibt es auch Nachteile einer Begrünung?
Nein, sofern ich keine Fehler mache in der Auswahl der Pflanzen. Aber man kann eben auch Fehler machen. Wenn ich stark zehrende Pflanzen für humusarme Böden wähle, kann die Begrünung zur unnötigen Konkurrenz für die Rebe werden. Oder wenn ich auf gut versorgten Böden stickstofffördernde Pflanzensamen aussähe, kann es zu einer Überversorgung der Rebe mit Stickstoff und somit zu Fäulnis bei Trauben kommen.

Wie kommt der Winzer zum ganz spezifischen Begrünungswissen für seine Böden?
Einfach und wirkungsvoll ist gutes Beobachten. Als Winzer habe ich es nur mit einer Kultur zu tun, das ist die Weinrebe. Diese Pflanze muss ich beobachten, ich bin ihr Hirte, betreue sie. Einer Rebe sieht man sehr genau an, wie es ihr geht. Ob sie Wassermangel hat oder ob Nährstoffmangel vorliegt. Hilfreich sind aber auch Bodenanalysen. Über das Begrünungsmanagement, das auf dem Beobachten und allenfalls auf Bodenanalysen basiert, habe ich als Winzer genügend Möglichkeiten, einzugreifen.

Wirkt sich eine Bodenbegrünung in irgendeiner Art und Weise auch auf den Wein aus?
An eine direkte Auswirkung glaube ich nicht. Aber wenn ich mittels Begrünung die Bodenfruchtbarkeit so verbessere, dass die Wurzeln der Rebe sich vielfältiger und optimaler entwickeln, kann ich Begriffe wie «Terroir» ernst nehmen. Im Sinne von Terroir kann sich die Begrünung also indirekt auf den Weingeschmack auswirken.

Wie definieren Sie Terroir?
Zum Terroir gehören die Eigenschaften des Bodens, das regionale Klima, das Jahresklima, aber auch die Arbeit des Winzers. Meiner Meinung nach ist Terroir nur im biologischen Weinbau möglich. Reben, die mit wasserlöslichem Stickstoff ernährt werden, sind nicht in der Lage, Terroir auf den Wein zu übertragen. Die Rebe muss von sich aus eine Verbindung zum Boden und zum Bodenleben aufbauen. Nur so können die Böden einen konkreten und spürbaren Einfluss auf den Wein haben. Aber auch das Tun und Lassen des Winzers darf man diesbezüglich nicht unterschätzen.

Winzerseminar zur Begrünung

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Zur Förderung der Biodiversität und eines funktionierenden ökologischen Kreislaufs im Rebberg verlangen die strengen Delinat-Richtlinien eine gezielte, möglichst ganzflächige und ganzjährige Begrünung der Weinbergböden. Die optimale Begrünungsstrategie stellt für jeden Winzer eine grosse Herausforderung dar, weil sie sich von Region zu Region unterscheidet und von vielen Faktoren abhängig ist.

Am diesjährigen Delinat-Seminar für deutschsprachige Winzer auf dem Weingut Zur Römerkelter an der Mosel stand das Thema Begrünung im Fokus. Hauptreferent war der deutsche Ökoweinbauberater Matthias Wolff, der europaweit als Koryphäe für die Spezialgebiete Bodenfruchtbarkeit, Weinbergbegrünung und biologischer Pflanzenschutz gilt.

Hans Wüst

Hans Wüst

Redaktor bei Delinat
Der Mensch kann die Natur malträtieren oder in Harmonie mit ihr zusammenarbeiten. Egal, wofür er sich entscheidet, sie ist immer stärker. Weine, die im Einklang mit der Natur hergestellt werden, sind deshalb nicht nur besser, sie haben auch eine ganz andere Aura.
Hans Wüst

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6 comments

  1. Tag allerseits

    Ich habe mich schon letztes Jahr darüber genervt, dass Delinat im Flyer „Weisswein – Perlen für einen beschwingten Sommer“ auf der Doppelseite 10 & 11 ein Foto wählt mit fragwürdigen Schwarzlisteartenpflanzen. Mitten im Bild sieht man gelb blühende Goldruten aus Amerika. Diese invasive Art ist bei uns in der Schweiz auf der Schwarzen Liste, weil Solidago gigantea einheimische Flora & somit auch Fauna verdrängt!
    Ausgerechnet dieses Foto wählt man wieder für den Link „Die Natur kennt keine Monokultur“ zum Interview von Matthias Wolff. Es nimmt mich Wunder, ob Matthias Wolff Solidago gigantea duldet wie die Winzer auf dem Rebberg von Meinklang.
    Falls ja, kann ich das Delinat-Thema „Biodiversität“ nicht ernst nehmen & mich langsam frage, ob ich weiterhin Wein dei Delinat beziehen soll….
    Wer maltätiert nun die Natur, Herr Wüst?

    Unten angehängt sehen Sie die in meinen Augen fatale Antwort von Karl Schefer, als ich letztes Jahr ein Feedback gab zum obengenannten Flyer:

    „Guten Tag Herr Schürmann

    Vielen Dank für das aufmerksame Beobachten und Ihr Mail.

    Auf Meinklang wird Goldrute bewusst gehalten und als Bienenweide genutzt. Wie Werner Michlits beteuert, geht dies schon seit Jahren gut, ohne dass invasives Verhalten beobachtet werden kann. Meinklang ist allerdings das einzige uns bekannte Weingut mit dieser Einstellung. Da das über 1’000 Hektar grosse Gut eine herausragende Biodiversität vorweisen kann, wollen unsere Berater nicht auf dem Entfernen der Pflanze beharren.

    Beste Grüsse
    Karl Schefer“

    1. Lieber Herr Schürmann,

      Ihre Meinung bezüglich Neophyten teilen wir und nehmen die Gefahr sehr ernst. Auch uns hatte die Einstellung und Erfahrung von Meinklang mit Goldrute überrascht. Was Sie hier aber als Goldrute identifiziert zu haben glauben, ist in Wirklichkeit Rainfarn, ein sehr willkommener Gast im Weinberg. Das Bild zeigt die vorbildliche Begleitflora auf dem Weingut Römerkelter von Timo Dienhart.

  2. Lieber Herr Schefer

    Als Landschaftsarchitekt & Landschaftsgärtner weiss ich nur zu gut wie das invasive Solidago gigantea, also Goldrute aussieht, Ich reisse genug davon aus.

    Ich meine auch nicht das Bild im Beitrag „Die Natur kennt keine Monokultur“ von Hans Wüst mit Rainfarn (Tanacetum vulgare), sondern das Bild im Newsletter (Email) mit dem Übertitel „22. Mai: Delinat-Tag der Biodiversität“, das ich am Samstag erhalten habe. Es ist das gleiche Bild wie im Flyer „Weisswein – Perlen für einen beschwingten Sommer“!!!! & vermittelt den Leuten ein falsches Bild von Ökologie.

    Besser wäre den Leuten nicht mit schönen blumenblühenden Pflanzenbildern Ökologie zu vermitteln, sondern mit wertvollen Gräsern & einheimischen Kräutern.

  3. Lieber Herr Schürmann

    Im Newsletter zum Delinat-Tag der Biodiversität haben wir tatsächlich ein unpassendes Bild verwendet. Als Webmaster entschuldige ich mich dafür und danke Ihnen für Ihren klärenden Kommentar! So können wir das betreffende Bild in unserem Bildarchiv entsprechend markieren, damit dieser Faux Pas nicht wieder vorkommt.

    1. Lieber Herr Metze

      Der Faux Pas kommt nochmals vor!!!
      Letzte Woche erhielt ich Post von Delinat „Sommerfreuden“. Schon auf Seite 4 habt ihr das gleiche Bild mit SOLIDAGO (=Goldrute) abgebildet mit dem Kommentar: „In den Meinklang – Weinbergen zeigt sich der Sommer von seiner bunten Seite.“
      Ist delinat auch schon so weit „too big to fail?“

  4. Lieber Herr Schürmann
    Fast möchte ich antworten „You are never too small to fail…“. In diesem Fall aber war es einfach zu spät: Unsere Briefpost war bereits im Druck, als Sie uns auf den Faux Pas aufmerksam gemacht hatten. So kam es zur nochmaligen Abbildung der Goldrute. Inzwischen ist das Bild aber entsprechend markiert und sollte nicht mehr verwendet werden.

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