Wüste oder Paradies?
Der komfortable Reisebus quält sich über Schlaglöcher, windet sich Zentimeter um Zentimeter um viel zu enge Kurven. Dornige Stauden kratzen am Lack, Staubwolken steigen in die drückende Hitze. Noch kann man sich nicht vorstellen, dass in dieser trostlosen Einöde eine Oase liegen soll. Kein Grün weit und breit, nur Sand, Fels und verdorrte Grasbüschel. Doch plötzlich ändert sich das Bild: Vor uns liegt ein See, kristallklar, azurblau und umgeben von prächtig blühender Flora. Obstbäume, reich an Früchten, säumen das Ufer.
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Karl Schefer 14.08.2017
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Ja, wie ist das denn möglich? Rundherum Wüste, hier Paradies? Mühsam nimmt der Bus die letzten Unebenheiten, parkt am Eingang von Tamera. Voller Erwartung steigen wir aus und schlendern im Schatten üppiger Bäume zu den Gebäuden. Rundherum saftiges Grün, Blumen, Gemüse, blühende Büsche, dazwischen ein paar Häuser und Scheunen.
Herzlich werden wir von Bernd Müller und seinem Team empfangen. Wir folgen ihnen in die kühle Aula, wo uns eine Einführung in die Permakultur erwartet. Die zwei Vorträge werden simultan übersetzt, sodass die 60 teilnehmenden Delinat-Winzer aus Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Portugal die Botschaft verstehen können. Die wichtigste lautet: Kein Tropfen Regen soll von der Farm fliessen.
Wasser ist Leben
Das klingt banal, ist aber unglaublich wirkungsvoll und gar nicht leicht umzusetzen. Wie können steinharte, kaputte Böden überhaupt Wasser aufnehmen? Und wie gelingt es, die zunehmenden Extreme zu meistern? Trockenperioden, die immer länger und heisser werden, Stürme, Hagel und Starkregen mit steigender Wucht. Insgesamt fallen hier jährlich gut 500 mm Regen, was eigentlich genügend wäre. Wenn aber 100 mm in wenigen Stunden fallen, dann braucht es extrem aufnahmefähige Böden. Rückhaltebecken helfen, temporäre Überschüsse zu speichern. Das Einsickern von Wasser ist aber wichtiger. Es hält die oberen Schichten feucht und stabilisiert das Grundwasser. Wenn sein Niveau hoch genug bleibt, dann können sich Bäume und tiefwurzelnde Pflanzen davon bedienen und bedürfen keiner Bewässerung. Auch die Stauseen helfen mit, den Grundwasserspiegel zu halten.
In vielen Regionen ist infolge immer tieferer Bohrlöcher und des übermässigen Bewässerns von Getreidemonokulturen der Grundwasserspiegel so stark abgesunken, dass auch alte, mächtige Eichen verdursten. Spätestens dann ist der Kampf gegen die Desertifikation verloren. Die Wüste breitet sich ungehindert aus, und die Umkehr des Prozesses gelingt nur mit einem klaren Konzept und enormer Kraftanstrengung.
Wie grossartig das Ergebnis aber sein kann, haben die beiden Farmen Tamera im südlichen Portugal und Valdepajares de Tajo in der spanischen Extremadura unseren Delinat-Winzern eindrücklich gezeigt. In gerade mal zehn Jahren ist Tamera zu einer der fruchtbarsten Farmen geworden. Das Konzept dafür stammt vom österreichischen Permakultur-Guru Sepp Holzer.
Das geniale Konzept der Permakultur – von der Natur abgeschaut
Permakultur ist aber weit mehr als Wassermanagement, auch wenn dieses eine zentrale Rolle einnimmt, besonders im heissen und trockenen Süden. Bill Mollison, der australische «Erfinder» der Permakultur, hatte es so definiert: «Ziel einer permakulturellen Planung sind die Erhaltung und schrittweise Optimierung, um ein sich selbst regulierendes System zu schaffen, das höchstens minimaler Eingriffe bedarf, um dauerhaft in einem dynamischen Gleichgewicht zu bleiben.» Das System soll stets produktiv und anpassbar bleiben. Vorbild sind dabei beobachtbare Selbstregulationsprozesse in Ökosystemen wie Wäldern, Teichen und Seen. Ein gutes Permakultur-Design bedarf grosser Erfahrung. Es steht am Anfang jeglichen Handelns, gefolgt von exakter Messung der Topografie. Wenn es dann losgeht, fahren oft grosse Maschinen auf und formen Erdmassen so, dass die Bedingungen für ein selbstregulierendes System ideal sind.
Nach dem Mittagessen im Garten Eden bekamen wir eine Führung durch das 140 Hektar grosse Anwesen. Die Winzerköpfe rauchten, und bereits hörte man erste Ideen für die Umsetzung auf dem eigenen Weingut. Auch Komposttoiletten, Solarküche und Pflanzenkohlekompost wurden bestaunt und dankbar ins Ideen-Portfolio aufgenommen. Nach der herzlichen Verabschiedung ging die Reise weiter.
Am Anfang fehlt der Schatten
Der nächste Tag führte uns nach Vale de Camelos, ins «Tal der Kamele», wo unsere Winzer Antje und Torsten Kreikenbaum eine beeindruckende 1000-Hektar-Farm mit 30 Hektar Reben führen. Sie stehen mitten in der Umsetzung eines Permakultur-Konzepts, und es war äusserst spannend, zu sehen, wo die praktischen Probleme liegen. In den kargen Böden ist kaum Humus vorhanden, ohne Schatten erhitzt sich die Erde so sehr, dass die meisten Pflanzversuche scheitern. Erfolgreich gedeihen hier Johannisbrotbäume, eine trocken- und hitzeresistente Leguminose, die als Bodenverbesserer wahre Wunder bewirkt. Und im Laufe der Jahre sind auch immer mehr Stauseen angelegt worden, die das Mikroklima positiv verändern. Angeregt durch das Delinat-Permakultur-Seminar sind derzeit viele weitere Schritte zum grossen Ziel in Arbeit. So sorgen neue Swales für besseres Einsickern des spärlichen Regens. Die lange Fahrt vom Alentejo in die Extremadura verbrachten unsere Winzer mit regem Austausch und teilweise hitziger Debatte. Man sah es manchen Gesichtern an, dass sie es kaum erwarten könnten, nach Hause zu kommen und sich am Design des eigenen Bodens zu üben.
Die dritte Farm auf unserer Reise, Valdepajares, 150 Hektar, gehört der äusserst sympathischen Prinzessin Nora von Liechtenstein, die uns persönlich begrüsst und begleitet hat. Auch hier stammt das Design von Permakultur-Pionier Sepp Holzer, und auch hier waren die Winzer von der Fruchtbarkeit und der reichen Biodiversität tief beeindruckt. Nach der interessanten Führung und einem köstlichen Mittagessen führte uns der Bus nach Madrid, wo die meisten Winzer noch am gleichen Abend ihre Rückreise antraten.
Fotogalerie:
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Das Delinat-Winzerseminar als Innovationsmotor Alle drei Jahre lädt Delinat ihre Winzer zu einem internationalen, mehrsprachigen Seminar ein. Das letzte fand 2014 im österreichischen Burgenland statt, wo es um Kellereitechnik und erneuerbare Energie ging. In den zwei Zwischenjahren veranstaltet Delinat jeweils vier nationale Seminare, die nur in der Landessprache abgehalten werden und meistens nur zwei Tage dauern. Im einen Jahr gibt es ein Seminar in Italienisch und eines in Spanisch, im Folgejahr eines in Deutsch und eines in Französisch. Dann folgt wieder ein mehrsprachiges internationales Seminar. Themen sind vorwiegend Methoden und Techniken in Weinbau und Weinherstellung, aber auch Ökologie, Artenschutz, Energie und viele andere Brennpunkte standen schon auf dem Programm. Die praxisnahen Seminare werden von den Winzern hoch geschätzt. Aus den Seminarthemen ergeben sich oft so klare Erkenntnisse, dass sie als neue Punkte in die Delinat-Richtlinien aufgenommen werden. Damit schliesst sich der Kreis von Idee, Ziel, Praxistest und Vorschrift. Natürlich ist das «anstrengend», und daher passen in die Familie der Delinat-Winzer nur wissbegierige, ehrgeizige, qualitätsorientierte Persönlichkeiten, die allerdings oft etwas Druck brauchen, damit die Entwicklung weitergeht und das Regelwerk sich laufend verbessern kann.
Über die Autorin
Karl Schefer
Delinat ist für mich Hobby, Berufung und Beruf. Was gibt es schöneres, als sich für eine gesunde Natur einzusetzen und dafür mit köstlichem Wein belohnt zu werden?
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