Wüste oder Paradies?

Der komfortable Reisebus quält sich über Schlaglöcher, windet sich Zentimeter um Zentimeter um viel zu enge Kurven. Dornige Stauden kratzen am Lack, Staubwolken steigen in die drückende Hitze. Noch kann man sich nicht vorstellen, dass in dieser trostlosen Einöde eine Oase liegen soll. Kein Grün weit und breit, nur Sand, Fels und verdorrte Grasbüschel. Doch plötzlich ändert sich das Bild: Vor uns liegt ein See, kristallklar, azurblau und umgeben von prächtig blühender Flora. Obstbäume, reich an Früchten, säumen das Ufer.

 

Ja, wie ist das denn möglich? Rundherum Wüste, hier Paradies? Mühsam nimmt der Bus die letzten Unebenheiten, parkt am Eingang von Tamera. Voller Erwartung steigen wir aus und schlendern im Schatten üppiger Bäume zu den Gebäuden. Rundherum saftiges Grün, Blumen, Gemüse, blühende Büsche, dazwischen ein paar Häuser und Scheunen.

In der kühlen Aula von Tamera sammeln sich die Delinat-Winzer zum Vortrag über Permakultur auf Tamera. Obwohl es draussen über 40 Grad heiss ist, bleibt die Halle dank intelligenter Dachbegrünung angenehm kühl.

Herzlich werden wir von Bernd Müller und seinem Team empfangen. Wir folgen ihnen in die kühle Aula, wo uns eine Einführung in die Permakultur erwartet. Die zwei Vorträge werden simultan übersetzt, sodass die 60 teilnehmenden Delinat-Winzer aus Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Portugal die Botschaft verstehen können. Die wichtigste lautet: Kein Tropfen Regen soll von der Farm fliessen.

Wasser ist Leben

Das klingt banal, ist aber unglaublich wirkungsvoll und gar nicht leicht umzusetzen. Wie können steinharte, kaputte Böden überhaupt Wasser aufnehmen? Und wie gelingt es, die zunehmenden Extreme zu meistern? Trockenperioden, die immer länger und heisser werden, Stürme, Hagel und Starkregen mit steigender Wucht. Insgesamt fallen hier jährlich gut 500 mm Regen, was eigentlich genügend wäre. Wenn aber 100 mm in wenigen Stunden fallen, dann braucht es extrem aufnahmefähige Böden. Rückhaltebecken helfen, temporäre Überschüsse zu speichern. Das Einsickern von Wasser ist aber wichtiger. Es hält die oberen Schichten feucht und stabilisiert das Grundwasser. Wenn sein Niveau hoch genug bleibt, dann können sich Bäume und tiefwurzelnde Pflanzen davon bedienen und bedürfen keiner Bewässerung. Auch die Stauseen helfen mit, den Grundwasserspiegel zu halten.

Das sichtbare Wasser ist definitiv ein Blickfang und bietet unzähligen Arten eine Lebensgrundlage. Noch wichtiger als die hübschen Teiche aber ist das Wasser, das direkt in den Boden versickert, die Erde feucht und lebendig hält und verhindert, dass das Grund – wasser absinkt. So finden Bäume und Sträucher genügend Feuchtigkeit, auch wenn es Monate lang nicht regnet.

In vielen Regionen ist infolge immer tieferer Bohrlöcher und des übermässigen Bewässerns von Getreidemonokulturen der Grundwasserspiegel so stark abgesunken, dass auch alte, mächtige Eichen verdursten. Spätestens dann ist der Kampf gegen die Desertifikation verloren. Die Wüste breitet sich ungehindert aus, und die Umkehr des Prozesses gelingt nur mit einem klaren Konzept und enormer Kraftanstrengung.

Wie grossartig das Ergebnis aber sein kann, haben die beiden Farmen Tamera im südlichen Portugal und Valdepajares de Tajo in der spanischen Extremadura unseren Delinat-Winzern eindrücklich gezeigt. In gerade mal zehn Jahren ist Tamera zu einer der fruchtbarsten Farmen geworden. Das Konzept dafür stammt vom österreichischen Permakultur-Guru Sepp Holzer.

Die üppige Flora auf Tamera ist beeindruckend. Niemand käme auf die Idee, dass alle Pflanzen auf diesem Bild, mit Ausnahme der grossen Korkeiche, sich erst in den letzten zehn Jahren eingefunden haben.

Das geniale Konzept – von der Natur abgeschaut

Permakultur ist aber weit mehr als Wassermanagement, auch wenn dieses eine zentrale Rolle einnimmt, besonders im heissen und trockenen Süden. Bill Mollison, der australische «Erfinder» der Permakultur, hatte es so definiert: «Ziel einer permakulturellen Planung sind die Erhaltung und schrittweise Optimierung, um ein sich selbst regulierendes System zu schaffen, das höchstens minimaler Eingriffe bedarf, um dauerhaft in einem dynamischen Gleichgewicht zu bleiben.» Das System soll stets produktiv und anpassbar bleiben. Vorbild sind dabei beobachtbare Selbstregulationsprozesse in Ökosystemen wie Wäldern, Teichen und Seen. Ein gutes Permakultur-Design bedarf grosser Erfahrung. Es steht am Anfang jeglichen Handelns, gefolgt von exakter Messung der Topografie. Wenn es dann losgeht, fahren oft grosse Maschinen auf und formen Erdmassen so, dass die Bedingungen für ein selbstregulierendes System ideal sind.

Alle Führungen fanden in drei Sprachgruppen statt: Englisch, Italienisch und Spanisch (die teilnehmenden Franzosen und Deutschen verstanden zum Glück Englisch). So ergaben sich überschaubare Gruppen von etwa 20 Personen.

Nach dem Mittagessen im Garten Eden bekamen wir eine Führung durch das 140 Hektar grosse Anwesen. Die Winzerköpfe rauchten, und bereits hörte man erste Ideen für die Umsetzung auf dem eigenen Weingut. Auch Komposttoiletten, Solarküche und Pflanzenkohlekompost wurden bestaunt und dankbar ins Ideen-Portfolio aufgenommen. Nach der herzlichen Verabschiedung ging die Reise weiter.

Am Anfang fehlt der Schatten

Dieses unspektakuläre Bild zeigt eines der wichtigsten Prinzipien der Permakultur zur Wasserrückhaltung: Ein unauffälliger kleiner Erdwall, der exakt horizontal verläuft, verhindert das Ablaufen von Regenwasser. Der Wall, Swale genannt, ist so flach, dass man auch mit Autos und Traktoren problemlos darüber hinwegfahren kann, ohne ihn zu beschädigen. Auf der oberen Seite wurde eine Reihe von Bäumen und Büschen gepflanzt, die vom versickerten Wasser profitieren. Der Mast rechts dient Raubvögeln als Ausguck.

Der nächste Tag führte uns nach Vale de Camelos, ins «Tal der Kamele», wo unsere Winzer Antje und Torsten Kreikenbaum eine beeindruckende 1000-Hektar-Farm mit 30 Hektar Reben führen. Sie stehen mitten in der Umsetzung eines Permakultur-Konzepts, und es war äusserst spannend, zu sehen, wo die praktischen Probleme liegen. In den kargen Böden ist kaum Humus vorhanden, ohne Schatten erhitzt sich die Erde so sehr, dass die meisten Pflanzversuche scheitern. Erfolgreich gedeihen hier Johannisbrotbäume, eine trocken- und hitzeresistente Leguminose, die als Bodenverbesserer wahre Wunder bewirkt. Und im Laufe der Jahre sind auch immer mehr Stauseen angelegt worden, die das Mikroklima positiv verändern. Angeregt durch das Delinat-Permakultur-Seminar sind derzeit viele weitere Schritte zum grossen Ziel in Arbeit. So sorgen neue Swales für besseres Einsickern des spärlichen Regens.

Die lange Fahrt vom Alentejo in die Extremadura verbrachten unsere Winzer mit regem Austausch und teilweise hitziger Debatte. Man sah es manchen Gesichtern an, dass sie es kaum erwarten könnten, nach Hause zu kommen und sich am Design des eigenen Bodens zu üben.

Die dritte Farm auf unserer Reise, Valdepajares, 150 Hektar, gehört der äusserst sympathischen Prinzessin Nora von Liechtenstein, die uns persönlich begrüsst und begleitet hat. Auch hier stammt das Design von Permakultur-Pionier Sepp Holzer, und auch hier waren die Winzer von der Fruchtbarkeit und der reichen Biodiversität tief beeindruckt. Nach der interessanten Führung und einem köstlichen Mittagessen führte uns der Bus nach Madrid, wo die meisten Winzer noch am gleichen Abend ihre Rückreise antraten.

Fotogalerie:

 

Das Delinat-Winzerseminar als Innovationsmotor

Alle drei Jahre lädt Delinat ihre Winzer zu einem internationalen, mehrsprachigen Seminar ein. Das letzte fand 2014 im österreichischen Burgenland statt, wo es um Kellereitechnik und erneuerbare Energie ging. In den zwei Zwischenjahren veranstaltet Delinat jeweils vier nationale Seminare, die nur in der Landessprache abgehalten werden und meistens nur zwei Tage dauern. Im einen Jahr gibt es ein Seminar in Italienisch und eines in Spanisch, im Folgejahr eines in Deutsch und eines in Französisch. Dann folgt wieder ein mehrsprachiges internationales Seminar. Themen sind vorwiegend Methoden und Techniken in Weinbau und Weinherstellung, aber auch Ökologie, Artenschutz, Energie und viele andere Brennpunkte standen schon auf dem Programm. Die praxisnahen Seminare werden von den Winzern hoch geschätzt. Aus den Seminarthemen ergeben sich oft so klare Erkenntnisse, dass sie als neue Punkte in die Delinat-Richtlinien aufgenommen werden. Damit schliesst sich der Kreis von Idee, Ziel, Praxistest und Vorschrift. Natürlich ist das «anstrengend», und daher passen in die Familie der Delinat-Winzer nur wissbegierige, ehrgeizige, qualitätsorientierte Persönlichkeiten, die allerdings oft etwas Druck brauchen, damit die Entwicklung weitergeht und das Regelwerk sich laufend verbessern kann.

 

Karl Schefer

Karl Schefer

Geschäftsleiter bei Delinat
Delinat ist für mich Hobby, Berufung und Beruf. Was gibt es schöneres, als sich für eine gesunde Natur einzusetzen und dafür mit köstlichem Wein belohnt zu werden?
Karl Schefer

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21 comments

  1. Wunderbar zu sehen, dass Sepp Holzer, den ich vor vielen Jahren persönlich kennen lernen durfte, auch bei Delinat zu seinem Recht als Agrarpionier kommt.

    Wenn sich seine Arbeit mit derjenigen von Madjid Abdellaziz (www.desert-greening.com) kombiniert, dann würden Wüsten in vielen Fällen schon in wenigen Jahren der Vergangenheit angehören können.

    Ich drücke den Delinat-Winzern die Daumen beim Umsetzen der vielen Anregungen und danke den Delinatern, dass sie Erfahrungen, wie diejenigen von Sepp Holzer am Leben erhalten und teilen helfen.

  2. Als Unterstützerin von Delinat von allem Anfang an bin ich sehr berührt von diesem Bericht mit den Bildern, die für sich sprechen. Ich bin dankbar für den unermüdlichen Einsatz von Herrn Schefer und den Pionieren unter den Delinat- Winzern und beeindruckt von den Resultaten nicht nur bei den Weinen, sondern auch in Bezug auf den Einfluss der Massnahmen auf die Ökosysteme. Danke!

  3. Sehr schöner Bericht, der Mut macht.
    Gut zu sehen, dass die Winzer so auf die Umwelt wirklich zum Guten verändernde Landwirtschaftsmethoden hingewiesen werden. Hoffe, viele südländischen Delinatwinzer wenden es an. Ökologischer Weinbau ist eben mehr als Vogelkästen aufhängen und grüne Rebzeilen. Weiter so Delinat!

  4. Toller Bericht. Noch schöner die Arbeit dahinter.

    Was ich mich frage: Was machen die Nachbarn von Tamera, nachdem sie die Ergebnisse sehen?

    Ist das bekannt?

  5. Die Aussage das viele Winzer noch nie eine Korkeichenernte gesehen haben sagt eigentlich alles aus. Masse statt Qualität war über Jahre vielfach auf dem Plan. Über Jahre nur einen kleinen Betrag dafür zur Verfügung gestellt zur Nachhaltigkeit wäre sinnvoll gewesen wie man hier an dem Konzept sehen kann. Aber nein zum Schaden der Natur immer mehr und mehr und mehr. Ich unterstütze gerne Delikat denn das ist Zukunft.Danke für den Wunderbaren Artikel

  6. Ich bin seit 25 Jahren dabei. Der Bericht hat mich tief beeindruckt.
    Es ist beruhigend, zu erkennen und weiter zu hoffen, dass immer mehr Menschen erkennen, was im Leben wichtig ist.
    Fran Bardowicks

  7. Kompliment! Permakultur, Weinbau und Delinat, das passt einfach zusammen.

    Ich habe im Rahmen meiner zweijährigen Permakulturpraktiker-Ausbildung bei Sepp Holzer im Jahr 2010 ein Praktikum in Valdepajajes absolviert. Zu diesem Zeitpunkt starben die Steineichen und ein Verkauf der Farm stand näher als deren Fortbestehen. Das Einbringen der Permakultur durch Sepp Holzer war hier die letzte Rettung.

  8. ein schöner „Verschreiber“ von Norbert Müller: DELIKAT statt Delinat…..
    trifft voll zu, auf die Weine sowieso und den Umgang mit der Natur im speziellen!!

    grossen Dank alllen Involvierten von Herzen

  9. Ich bin wirklich begeistert von diesem Bericht, es ist unglaublich wieviel Delinat leistet.
    Unsere Politiker und Bauernvertreter sollten das auch lesen.

  10. Ganz großartig, was dort geleistet wurde!!! Danke für diesen eindrucksvollen,
    Hoffnung machenden Bericht. Möge er viele Nachahmer finden, daher:
    unbedingt Veröffentlichung in möglichst vielen maßgeblichen Medien!

  11. Grossartiger und überzeugender Bericht,
    der unserer Landwirtschaft vermittelt werden sollte, es würde auch Ihr gut anstehen, da einen Schritt zu wagen, um unsere Erde ein wenig zu verbessern.

  12. Ich finde das Projekt und die Idee von Sepp Holzer grandios .
    Danke den Menschen ,die achtsam umgehen mit der Natur .
    Wir sollten alle vielmehr achten , wie wir mit der Natur umgehen.
    Die Landwirtschaft sollte vielmehr nach diesen Richtlinien arbeiten, das würde unsere Böden und Grundwasser besser schützen.
    Das würde unserer Erde gut tun.
    Weiter so und danke

  13. Wieviel Gesundendes mit Liebe zur Natur, intelligenten Lösungen, fundiertem Wissen und persönlichem, nachhaltigem Engagement für eine intakte Umwelt getan werden kann, zeigt dieser Bericht.

    Es ist zu hoffen, dass solche Pionier-Projekte „hoch ansteckend“ sind.

  14. Ich bin total begeistert! Bitte informiert auch die Politiker über diese Methode, Wüstengebiete wieder fruchtbar zu machen. Bin seit vielen Jahren überzeugter Delinat Kunde und spreche im Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder über die großartigen Weine Eurer Winzer!!

  15. Seit meinem 18. Lebensjahr beziehe ich meinen Wein von Delinat. Parallel war biologischer Anbau von Gemüse auch schon immer ein Ding von mir.
    Dass ich eine komplette Permakultur-Ausbildung beim Junior, Josef Holzer gemacht habe und Delinat ebenfalls Permakultur-Projekte initiiert ist wohl mehr als ein Zufall.

    Seit Beginn der Berichterstattung über mehr Biodiversität in den Weinbergen, habe ich dieses Thema sehr intensiv weiter verfolgt.
    Dann wird man die Weingüter wohl mal besuchen fahren „müssen“.

  16. Grossartig ! Einfach genial ! Wenn diese erprobten Ideen und umgesetzten Beispiele in der Natur derartig positive Veränderungen bewirken, können wir Nicht-Winzer nur noch staunen. Wir brauchen also noch „Brückenbauer“ zu den „Unwissenden“. Allen die da tatkräftig, sehr mutig und mit langem Sicht-Horizont mitgearbeitet haben, sei ein riesiges unverhallendes Kompliment gemacht !!!

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