Auf ein Glas mit … Andreas Bosshard

Das Schweizervolk hat sich im Juni gegen zwei Agrarinitiativen ausgesprochen, die ein Bioland Schweiz ohne Pestizide zum Ziel hatten. Wir sprachen mit Andreas Bosshard, dem langjährigen Geschäftsführer von Vision Landwirtschaft, einer Denkwerkstatt unabhängiger Agrarfachleute, über die Gründe, die zum Nein geführt haben, und die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft.

Andreas Bosshard, Geschäftsführer von Vision Landwirtschaft

Für Naturfreunde war der 13. Juni 2021 in der Schweiz kein Tag, um die Korken knallen zu lassen. Hatten Sie einen Champagner kühl gestellt?
Andreas Bosshard: Es wäre ein Wunder gewesen, wenn die beiden Agrarinitiativen angenommen worden wären angesichts einer Mobilisierung der Gegnerschaft, wie sie die Schweiz bisher kaum je gesehen hat bei einer Abstimmung. Die Agrarmedien haben unisono und während Monaten mit allen Mitteln in der Bauernschaft massive Ängste geschürt. Das hat gewirkt, die Bäuerinnen und Bauern haben sich in einem unglaublichen Ausmass gegen die Initiativen engagiert. Das Land wurde geradezu überkleistert mit Nein-Plakaten. Keine andere Branche hat in der Schweiz auch nur annähernd so viel Werbefläche zur Verfügung wie die Landwirtschaft. Aber auch in den Zeitungen waren weit mehr Nein-Inserate geschaltet, finanziert durch viel Geld vor allem aus der Agrarindustrie. Kommt dazu, dass vor allem die Gegnerschaft Falschbehauptungen zu den Auswirkungen der Initiativen in die Welt gesetzt hat, was das Zeug hielt. Die Demokratie kam hier an eine Grenze. Ein unbedarfter Bürger hatte keine Chance, die Fake Facts und die Angstmacherei zu durchschauen.

«Die Bewusstseinsbildung, welche die beiden Initiativen auslösten, war viel grösser, als ich mir je erträumt hätte.»

Wie beurteilen Sie das Abstimmungsergebnis?
Angesichts der extremen Nein-Mobilisierung ist ein Ja-Anteil von 40 Prozent sehr beachtlich. Für mich steht aber nicht der Ja-Stimmen-Anteil im Vordergrund, sondern die Bewusstseinsbildung, welche die beiden Initiativen auslösten. Diese war viel grösser, als ich mir je erträumt hätte. Über mehrere Jahre wurde fast wöchentlich mehrmals über die Anliegen und die Themen der Initiativen in den Medien berichtet, und es gab während der letzten zwei Jahre kaum eine bäuerliche Veranstaltung, an der die Anliegen der Initiativen nicht hitzig diskutiert wurden. Heute wissen die ganze Bauernschaft und ein Grossteil der Bevölkerung, dass wir vielfältige Probleme mit Pestiziden haben, mit überhöhten Tierbeständen, mit einer über weite Strecken nicht nachhaltigen, vor allem für die Bäuerinnen und Bauern selber oft ungesunden Landwirtschaft.

Persönlich
Andreas Bosshard studierte Naturwissenschaften an der ETH Zürich und doktorierte an der landwirtschaftliche Forschungsanstalt Zürich-Reckenholz. Als Betriebshelfer und als Alpsenn lernte er zahlreiche Bauern- und Alpbetriebe im In- und Ausland kennen. Heute ist er Mitbewirtschafter eines Biobetriebs und Inhaber eines Planungs- und Forschungsbüros. Er hat zwei erwachsene Kinder.

Wie erklären Sie sich, dass eine Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung weiterhin bereit ist, Steuergelder in eine Landwirtschaft zu investieren, die der Natur schadet?
Niemand legte ein Nein in die Urne, weil er oder sie weiterhin eine umweltschädliche Landwirtschaft subventionieren will. Leider ist es den Initiativgegnern gelungen, die Mehrheit davon zu überzeugen, dass die Initiativen radikal seien und letztlich die Umweltschäden ins Ausland verlagern würden. Dass an erster Stelle dieses Argument verfing, zeigte eine repräsentative Umfrage. Das bedeutet, dass der Bevölkerung der Umweltaspekt wichtig ist, dass man sie aber glauben machen konnte, die von den Initiativen vorgeschlagenen Massnahmen seien nicht der richtige Weg.

Die Trinkwasserinitiative zielte mit Anreizen statt Verboten auf eine pestizidfreie Landwirtschaft ab. Eigentlich ein sympathischer Ansatz. Wo sehen Sie die Gründe für das Nein?
Das ist nicht nur ein sympathischer, sondern ein sehr logischer Ansatz, der zweifellos mehrheitsfähig ist. Umfragen zeigten wie erwähnt, dass die Mehrheit davon ausging, die vorgeschlagene Art der Umverteilung sei zu radikal und führe letztlich zur gegenteiligen Wirkung. Diesem Argument hat eine äusserst fragwürdige Studie der Bundesforschungsanstalt Agroscope Vorschub geleistet. Agroscope kam mit einer unhaltbaren Modellierung zum Resultat, dass die Inlandproduktion als Folge der Trinkwasserinitiative massiv zurückgehen und damit die Importe stark ansteigen würden, wodurch insgesamt die Umweltbilanz sogar negativ ausfalle. Dass das niemand will, ist naheliegend.

«Einem Grossteil der Bauern ist klar geworden, dass wir uns mit dem regelmässigen Pestizideinsatz und dem überhöhten Tierbesatz auf einem Holzweg befinden.»

Der Initiativtext hatte tatsächlich ein paar Schwächen, etwa bezüglich Definition von Pestiziden oder der Frage von Futtermittelzukauf. Wurden sie zu Stolpersteinen?
Für das Abstimmungsresultat war die relativ detaillierte Formulierung sicher nicht förderlich. Wichtiger als das Ja-Nein-Verhältnis war aus meiner Sicht aber die Bewusstseinsbildung, welche diese mutigen Formulierungen und Forderungen auslösten. Hätte man im Initiativtext brav von «Pflanzenschutzmitteln» gesprochen, wie das der Bund seit Jahrzehnten ganz nach Wunsch der Agroindustrie macht, und hätte man den Futtermittelzukauf irgendwie zahm und vermeintlich «mehrheitsfähig» in den Initiativtext verpackt, wären all die enorm wichtigen Diskussionen über die Pestizid- und Futtermittelprobleme niemals in dieser Intensität geführt worden. Insofern war das ein cleverer Schachzug der Initianten, der zweifellos viel dazu beigetragen hat, den Boden für unumgängliche und grundlegende Veränderungen in der Zukunft vorzubereiten.

Läuft nun alles so weiter wie bisher?
Ein grundlegender Wandel ist unumkehrbar ins Rollen gebracht worden. Der Boden ist jetzt vorbereitet, auch bei den Bäuerinnen und Bauern. Der Wandel geht nur nicht so rasant, wie sich das viele erhofft hatten (natürlich auch ich).

Sie selber haben inzwischen die Geschäftsführung bei Vision Landwirtschaft abgegeben. Hat das Abstimmungsergebnis diesen Entscheid beeinflusst?
Nein, der Entscheid war schon Monate vorher gefallen.

Werden Sie sich weiterhin für eine pestizidfreie Schweizer Landwirtschaft engagieren?
Im Gegensatz zur Führung beim Bauernverband ist einem Grossteil der Bäuerinnen und Bauern klar geworden, dass wir uns mit dem regelmässigen Pestizideinsatz und dem überhöhten Tierbesatz auf einem Holzweg befinden. An diesem angestossenen Wandel in der Praxis möchte ich mich in Zukunft stärker beteiligen.

Weintipp Andreas Bosshard

Ich mag einfachere Weine, die zu allen guten bodenständigen Speisen passen. Mein Tipp: Les Cigales von Château Duvivier. Die Weine des Delinat-Forschungsweinguts gefallen mir besonders gut. Zu besonderen Anlässen darf es auch mal eine Flasche Les Muriers sein. Als langjähriger, begeisterter Delinat-Kunde habe ich mich in den Anfangszeiten mit einer Aktie am Château Duvivier beteiligt.

Duvivier Les Cigales
Pays du Var IGP 2020
www.delinat.com/2356.20

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Hans Wüst
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1 comment

  1. Geht es bei den Agrarinitiativen wirklich ums Trinkwasser? Wenn es darum gehen würde, würde man in allen Bereichen etwas unternehmen. Da sind die Waschmittel, Weichmacher, die Ausscheidungen der Medikamenten, der Pillen. Da sind die Hausfassadenpestizide die beim Regen ausgewascht werden und tonnenweise in die Gewässer fliessen. Auch die Industrie und die Bahnen müssen in die Pflicht genommen werden. Hatten doch einige Schienenblocks mit ihren Schwellen, die aus dem Lötschberg genommen wurden und hinter dem Blausee zwischengelagert wurden, einen grossen Teil der Fische getötet. Wieviel Gift fliesst vom ganzen Schienennetz in die Gewässer? Auch der Strassenunterhalt setzt Herbizide ein, die beim Regen direkt ins Wasser fliessen. Auch bei den Sportplätzen werden solche Mittel eingesetzt. Usw. Korrekterweise dürfte man den Bauer nicht dermassen in die Pflicht nehmen, wenn man selber die geforderten Massnahmen nicht einhält. Dies ist Heuchelei. Selbst Franziska Herren vergiftet mit den Fassadenpestiziden, die beim Regen ausgewaschen werden, mit ihrem Werbegebäude das Trinkwasser?
    In der Landwirtschaft hat man in der letzten Zeit 34 Mittel aus dem Verkehr gezogen. Was machen die andern? Diese Initiative richtet sich in erster Linie gegen die Direktzahlungen in der Landwirtschaft. Bevor wir diese Zahlungen erhielten war der Milchpreis Fr. 1.07. Heute beträgt er 50 Rappen. Diese Direktzahlungsgelder wurden eingeführt um den Preiszerfall auszugleichen. Doch bald darauf wurde immer mehr daran gekoppelt. Tierschutz, Umweltschutz, Ökologie usw. So wurde von den Bauern für das Zahlungsgeld immer mehr verlangt. Heute müssen wir von 5 Uhr bis 21 Uhr, mit kurzen Essenspausen arbeiten, damit wir alle Anforderungen erfüllen können. Zu dritt müssen wir auf unserem Ökobetrieb unsere Arbeiten ausführen. Früher erledigten über 6 Personen unsere Arbeiten. Sie waren auch schon gut mechanisiert. Und jetzt kommen diese Initiativen und wollen von uns noch mehr verlangen. Man rechnet mit einem Drittel weniger Verdienst und 30% mehr Arbeit. Wenn dadurch alles gesünder würde, könnte man dies ja überlegen. Überall wird Bio als gesünder angepriesen. Ist es so? Wir setzen auf unserem Betrieb auch Biomittel ein. Aber es gibt hier auch anderes. Ich kenne ein Biomittel, ein Universalmittel mit dem Namen Myco-Sin. Es ist ein Tonerdenpräparat und enthält über 60% Aluminium. Alu aufgelöst mit Säure kann Krebs und Alzheimer erzeugen. Es ist noch nicht lange her seit man das Alu in den Deorants verboten hat. Viele Frauen haben den Deo im Bereich der Brüste aufgetragen. Ausgerechnet dort entstanden Knoten und später Krebs. Vermutlich löste die Achselhölensäure das Alu auf. Nun will man auch die Antibiotikatrockensteller durch antibiotikafreie Injektionen von Pfizer ersetzen. Hauptbestandteil davon ist wiederum Aluminium. Heute können wir im Obstbau die giftigen und krebsförderden Mykotoxine und Aflatoxine bekämpfen. Würden die Vorlagen angenommen wird dies nicht mehr möglich sein. Zwei Insektizide, die uns danach bleiben würden sind die Biomittel Pyrethrum und Spinosad. Beides starkes Bienengift. Nicht einmal das Milchgeschirr dürfte man noch reinigen, weil die Waschmittel Pestizide sind. Bei diesen beiden Initiativen hat man zu wenig überlegt, deshalb ist es wichtig sie abzulehnen.

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