22. Mai – wirklich ein Tag der Biodiversität?

1992 hat die UN sich auf einen Text zum Schutz der biologischen Vielfalt einigen können. Das war am 22. Mai, der heute als «Tag der Biodiversität» gilt. Das Übereinkommen gab Grund zur Hoffnung. Erstens, weil 195 Staaten die Notwendigkeit sahen, Vielfalt zu schützen. Und zweitens, weil Ziele und Handlungsfelder festgelegt wurden.

Biodiversität: eine blühende Wiese
Wie viele solcher blühenden Wiesen kennen Sie noch?

Blickt man heute zurück auf das inzwischen verstrichene Vierteljahrhundert, dann ist Optimismus allerdings fehl am Platz: Die Welt ist um tausende Arten ärmer geworden, aber statt dass sich die Staaten an die Vereinbarung erinnern und die Kräfte verstärken, scheint es, dass man sich ans grosse Aussterben gewöhnt. Über den Tod der letzten Breitmaulnashörner erscheinen in den Medien noch Randnotizen, die meisten Arten jedoch sterben im Stillen, kaum bemerkt und nicht wichtig genug für eine Meldung. Viele Arten sterben aus, noch bevor sie entdeckt wurden.

In Mitteleuropa, wo man glaubt, im Vergleich zu anderen Weltteilen eher nachhaltig zu leben und vernünftig zu handeln, sterben in nur 30 Jahren oder einer Menschengeneration 70% aller Insekten – und was passiert? Nach kurzem Erstaunen folgen Spekulationen, Schuldzuweisungen und schliesslich Resignation. Noch nicht einmal zu einem Verbot der schlimmsten Pestizide konnte sich die EU entscheiden, obwohl diese zu den bewiesenen Ursachen für das grosse Insektensterben gehören.

Tag der Biodiversität? Klingt irgendwie zynisch.

Meine persönliche Stimmung kann ich nur damit aufhellen, wenn ich das bunte Treiben in den Weinbergen unserer Winzer beobachten und Jahr für Jahr Fortschritte erleben darf (mehr dazu hier). Doch selbst in den schönsten Momenten ist mir bewusst, dass es weltweit Millionen von «Delinats» und Bauern brauchen würde, die in allen Landwirtschafts-Bereichen entschlossen und kompromisslos vorangehen und damit beweisen, dass es Lösungen gibt. Dass Vielfalt, Produktivität, Qualität und wirtschaftlicher Erfolg sich nicht ausschliessen, sondern sich im Gegenteil langfristig bedingen.

Timo Dienhart
Timo Dienhart ist Biodiversitätswinzer des Jahres 2018

Ich hoffe, dass auch Sie Inseln von reicher Vielfalt kennen, in denen Sie Kraft schöpfen können. Und dass Sie zu den Botschaftern zählen, die die Natur braucht, um die Wichtigkeit des Themas zu verbreiten. Dafür danke ich Ihnen.

Ganz besonders für die Biodiversität eingesetzt hat sich unser Winzer Timo Dienhart vom Weingut zur Römerkelter an der Mosel. Er gewinnt damit den Delinat-Biodiversitätspreis 2018. Timo, wir gratulieren dir ganz herzlich und danken für deinen unermüdlichen Einsatz!

Karl Schefer

Karl Schefer

Geschäftsleiter bei Delinat
Delinat ist für mich Hobby, Berufung und Beruf. Was gibt es schöneres, als sich für eine gesunde Natur einzusetzen und dafür mit köstlichem Wein belohnt zu werden?
Karl Schefer

12 comments

  1. In letzter Zeit werden viele Vorwürfe an die KESB veröffentlich, viele vermutlich zu Recht. Allzu schnell ist die KESB bereit, Menschen die nicht 100%ig der „Norm“ entsprechen, unter Aufsicht zu stellen. Würde man diesen Massstab an unsere Politiker anlegen, müssten wohl über 50 % wegen Unfähigkeit bevormundet werden.

  2. Danke Herr Schäfer für den Kommentar.
    Er trifft ganz gut auch meine Stimmung bezüglich den Werten in unserer Gesellschafft. Sei es im Artenschutz, im Gesundheitswesen, dem so seltsam anmutenden und zelebrierten Wirtschaftssystem, ja sogar in der Umgangskultur unter Menschen.
    Ich erlebe in so vielen Bereichen einen Rückschritt, aus meiner Sicht und Definition. So oft fühlt man sich in einer Minderheit, die nicht einmal mehr ernst genommen wird. Angehört und gelobt wird noch schnell mal, da es zum guten Ton gehört, aber mehr kommt dabei nicht heraus. So wie der UN Text und der definierte Tag…
    Viele glauben wirklich noch, dass wir auf einem guten Weg sind und dass das heutige System eben nötig sei. Viele glauben wohl zu dem Thema gar nichts, es herrscht eine grosse Gleichgültigkeit und Wohlstandsegoismus.

    Leider gehöre ich (noch) nicht zu denen, die ihren Beruf (gemeint ist mein Brotjob) mit Berufung und Hobby verbunden sehen. Ich muss daran noch arbeiten und suchen, ändern und Ideen sammeln.
    Meine kleinen Inseln finde ich in Gleichgesinnten und natürlich in meinem kleinen Garten, der sich übrigens immer an den Samenpäckli von Delinat erfreut. Ich pflege, pflanze und sitze da, zwischen Pflanzen und Insekten und ab und zu natürlich ein Glas Wein.
    Zum Wohl! Vielleicht treffen wir uns mal im Garten :-).

  3. Guten Tag, Herr Schäfer
    Ihr Beitrag berührt mich sehr. In einem solchen Zusammenhang habe ich mein Engagement für Vielfalt noch nicht gesehen: Wenn wir uns nicht transdisziplinär und noch wirkungsvoller vernetzen, bleibt wohl „die Lage hoffnungslos, aber nicht ernst“?
    Herzliche Grüsse
    Ueli Keller, Bildungs- und LebensRaumKünstler
    u.a. Koordinator Europäisches Netzwerk «Bildung&Raum»

  4. Hallo Herr Schäfer,
    es ist in der Tat entscheidend, uns im sogenannten „Westen“ unsere Verantwortung klar zu machen! Selbst das über den Teich schauen und Trump bejammern, ist fehl am Platze und schon gar die Schwellenländer oder gar China anzuprangern. Wir kennen die Auswirkungen unseres Lebensstils und der industriellen Landwirtschaft schon längst, sind reich genug und doch suchen wir unablässig gute Argumente gegen Bio, damit wir auch morgen billig bei K….land einkaufen können – ich verstehe es nicht!

    Wir Konsumenten hätten es in der Hand, tun wir es endlich!

    Grüße, Martin Lüchem (IT-Consultant und Innovationsberater)

  5. Jeder wirklich Denkende kann sich heute nur einen baldigen und möglichst vollständigen Zusammenbruch des herrschenden perversen Systems – zunächst der Wirtschaft, aber damit verknüpft unweigerlich auch des politischen System – wünschen, denn solange noch Geld da ist, wird es immer weitergehen damit, daß jeder natur- oder kulturschützerische Erfolg nur eine vorläufige Aufsparung ist und täglich in den Nachrichten neue Meldungen über das Weitergehen der Zerstörung zu hören sind: hier eine Brücke über die Salzach im FFH Gebiet, dort eine Fertigstellung der Autobahn bis Garmisch, hier doch noch ein Kraftwerksbau usw. und allgegenwärtig Zersiegelung und Verlärmung der Landschaft Ausweisung von landwirtschaftlichen Nutzflächen für Mastanlagen (und weil die Nutzer ja bei ihren Nutztieren sein müssen, gleich auch noch neue Höfe plus Ferienwohnungen, weil sie ja etwas dazu verdienen müssen) zwischen den Orten für die, die nachweisen dem Götzen Rentabilität zu dienen und das alles propagiert und das alles mit Zertifikation angeblicher Nachhaltigkeit, voon deren Ausstellung ganze Heere von Bürokraten leben, so daß es heute nicht einmal mehr erlaubt ist ohne Gewerbeaufsicht ein Schaf zu halten. In jeder Hinsicht ist das Weitermachen, gerade auch das reformistische, inkompatibel mit wirklicher Nachhaltigkeit. Die immer höheren Normen nicht nur im Bezug auf Abgaswerte führen zu einer Bevorzugung der kapitalkräftigen und dem Ausscheiden der kleinen Unternehmen, gerade auch in der Landwirtschaft. Es geht nicht um immer noch höhere Standarts für Hygiene in Schlachthöfen und Sentimentaltierschutz in Stallungen sondern es müßte um die Erhaltung dezentraler und wenig energieintensiver Strukturen gehen. Wenn der Bauer Bauland verkaufen muss, um die Nachrüstung seiner Anlagen auf EU-Bio-Norm zu finanzieren, gibt er entweder auf, weil er von dem Kapitalertrag dann auch ohne Arbeit leben kann oder er verschuldet sich.

    Schon 1984 schrieb Jürgen Dahl: „Alles hängt davon ab, ob die auf Hochtouren laufende Maschinerie der Selbstvernichtung so rechtzeitig auseinanderfliegt, daß sie ihr eigentliches Zerstörungswerk nicht mehr vollziehen kann und daß die Welt gerade eben am Untergang vorbei in namenloser Armut versinkt, doch so, daß hie und da versprengte Häuflein übrig bleiben, die sich dann von neuem auf den Weg machen.“. Er bezeichnete dieses „vernichtende Scheitern der Vernichter“ als „keine fröhliche Hoffung weil sie Tod und Vernichtung einschließt“. Aber es ist eine Hoffnung. Was Dahl noch fehlte (weshalb er nicht mit besserem Gewissen die Vernichtung des größten Teils der Menschheit ungebrochen wollen konnte), ist eine über den Skeptizismus hinausreichende Perspektive dessen, was Erde und Mensch wollen bzw. sollen. Nun ist aber, wie Davila sagt, der Westen schon so zersetzt, daß man keine Angst haben muß, er könnte sich noch einmal dauerhaft stabilisieren. Der Wachstumswahn verbraucht nicht nur stofflich weit mehr als er reproduziert sondern auch seelisch und geistig. Er lebt von den geistigen und Seelischen Beständen, die in Zeiten echter Kultur aufgebaut wurden. Geistige, psychische und körperliche Schwächung der Menschen werden dazu führen, daß in der kommenden Krise die Todesraten sehr viel höher sein werden. Vielleicht ist auch das gut.
    Die Herrschenden und der Großteil der Profiteure des Systems der organisierten Unverantwortlchkeit freilich glauben entweder aus Fortschrittswahn oder Gedankenlosigkeit, daß es keinen Systemzusammenbruch geben wird. Es wird für ihn keine Vorsorge getroffen. Bei größerem Stromausfall funktioniert keine Kasse und keine Wasserpumpe mehr. Und gerade diese Hybris spielt der Natur in die Hände. Nicht den Menschen als Art wird sie abschütteln aber seine Überpopulation.
    Und da gilt die schöne Passage aus Eichendorffs Ahnung und Gegenwart, die schon Klages am Schluß von „Mensch und Erde“ zitiert:
    „Denn aus dem Zauberrauche unserer Bildung wird sich ein Kriegsgespenst gestalten, geharnisch mit bleichem Totengesicht und blutigen Haaren, wessen Auge in der Einsamkeit geübt, der sieht schon jetzt in den wunderbaren Verschlingungen des Dampfes die Lineamente dazu aufringen und leise formieren. Verloren ist, wen die Zeit unvorbereitet und unbewaffnet trifft (…) Wunder werden zuletzt geschehen um der Gerechten willen, bis endlich die neue und doch ewig alte Sonne durch die Greue bricht, die Donner rollen nur noch ferab an den Bergen, die weiße Taube kommt durch die blaue Luft geflogenund der Erde hebt sich verweint wie eine befreite Schöne in neuer Glorie empor“.

  6. Einen guten Tag an alle Leserinnen und Leser des Blogs
    Jeder kleine Schritt in eine ökologische Zukunft gibt Zuversicht – und Delinat ist hier seit langer Zeit vorbildlich. Danke!
    An uns Konsumentinnen und Konsumenten liegt es, mit unserem selbstverantwortlichen Handeln dazu beizutragen und aufmerksam zu sein..
    Ich erlaibe mir, hier den Link zu einer aktuellen Petition zu teilen für das Unterzeichnen und weiter teilen ganz herzlichen Dank!.
    Din online-Petition findet sich unten im Link zu Website.

  7. Herr Schäfer, ich zolle Ihnen ausserordentlichen Respekt für Ihr Durchhaltevermögen, Ihren noch nicht erschöpften Glauben den Schutz der biologischen Vielfalt dem Menschen überlassen zu können.

    Wenn es dann nicht mit den Abermillionen „aufopferungswilligen“ Überzeugungstäterinnen und – tätern für die Erhaltung der Artenvielfalt und Biodivisität gelingt: die Erde wird den Mensch sicher nicht vermissen!

    Die Ausgewogenheit zwischen sozialer Entwicklung und den geistigen Fähigkeiten des Homo sapiens ist nicht ausreichend für ein global, nachhaltiges Verständnis zu Erhaltung unserer Erde. Er verharrt in der hominiden Familienerhaltung, die ihm zum Lebenserhalt noch immer am sicherst erscheint. Darüberhinaus ist ihm das darüber hinausgehende Umfeld fremd, beängstigend und unbegreiflich. Er handelt aus dem nicht- erfassen-können für das Unendliche im Rahmen seines erziehungs – und umweltbedingen geistig endlichen individuellen Kleinkosmos. (Zu dem für ihn Unendliche gehört so auch das in der „unendlichen Ferne“ fast ausgerottete Breitmaulnashorn.)

    Es müsste ein „evolutionäres“ Wunder geschehen! Ohnedem bleibt die Vision eines Lebens im Einklang mit der Natur ein ferner Traum.

  8. Liebe Blogger, Interessierte und Leser der Delikat News.
    Normalerweise blogge ich eher selten. Doch diesmal erhoffte ich mir -aus welchem Grund auch immer- eine interessante Diskussion auf den Aufruf von Herrn Schäfer:
    „Vielfalt – was sollte und könnte sich ändern? Politisch, wirtschaftlich, was kann man selbst tun?“ Vielleicht hatte ich mir erhofft, tatsächlich neue oder konkrete Gedankengänge zum Thema zu erfahren. Doch scheint es genau so zu sein, wie der Autor erläuterte. Die antwortenden Leser gehören selbst entweder zum Lager „es wird alles schlimmer und wir schauen weiter zu“ (Fatalismus ) oder „wir können zumindest im Kleinen wirken und schrittweise Veränderungen bewirken (Hoffung und Selbstbetrug). Ich selbst kann tatsächlich jeden der Beiträge direkt nachvollziehen, da ich (und wahrscheinlich jeder der Leser) diese Gedanken und Wünsche selbst schon einmal so vertreten hat. Aber der eigentliche Bloganlass war, hier konkrete Ideen oder Vorschläge zu äußern. Etwas anderes als Eigenlob und Systemkritik? Da bin ich leider genauso wenig kreativ oder gar unwissend, wie viele hier. Eigentlich bleibt uns nur die Politik als Antwort und eigentlich auch hier nur ein persönlich aktiverer Beitrag als Petitionen unterschreiben und wählen gehen. Das ist „unser“ System, also nutzen wir es. An genau diesem Punkt komme ich dann i.d.R. nicht weiter bzw. fehlen mir eigene Ideen oder zufriedenstellende Vorschläge anderer. Daher hoffe ich auf weitere Beiträge , die dieses zentrale Anliegen konkretisieren (neue Ideen).
    Wir sollten natürlich auch weiterhin nicht nur zuschauen, sondern je nach eigenem Verständnis „richtig“ einkaufen, wählen, protestieren, gärtnern, mobil sein, wohnen … (bei letzteren beiden wird’s wohl für viele schon kritisch in Bezug auf das Adjektiv richtig) – aber wir sollten auch kontinuierlich hinterfragen: Reicht (uns) das?
    Einen schönen Ausklang des Pfingstwochenendes wünsche ich allen.

  9. „Das Übereinkommen gab Grund zur Hoffnung. Erstens, weil 195 Staaten die Notwendigkeit sahen, Vielfalt zu schützen.“
    Sehr geehrter Herr Schäfer, wie soll das vor sich gehen bei 195 Staaten ?
    Ich bin gerade u.a. aus Sri Lanka zurück, für so etwas haben die Menschen dort selbst wenn es sie betrifft überhaupt keinerlei Sinn weil man jeden Tag um das nackte Überleben kämpft. Menschen schlafen auf den Straßen. Wir leben auf einem Planet der Armut pur ist in vielen Ländern von 195 die angeführt wurden. Wissen Sie was ein Tuck-Tuck ist? Colombo hat inzwischen 10 Millionen Einwohner. Das sind Zweiradkrafträder mit einem Aufbau zur Personenbeförderung, das sind Zweitakter !!!! Davon fahren in Colombo 1,2 Millionen. Rechnet man das hoch für den ganzen Kontinent dann passiert dort was? Menschen die keine Schuhe haben und wir hier in Europa uns Gedanken machen um noch mehr Profit zu ziehen wo es nur geht. Das es DELINAT gibt ist eine wunderbare Sache die ich voll unterstütze und schon lange Kunde mit allen Angeboten im Abo bin. Das Sie solche Ding aktualisieren ist auch gut, nur Sie werden keinerlei Veränderung erleben, keine. Denn Ökologie fängt bei mir auch an das die Winzer sich daran halten. Das sehe ich aber nicht denn ein Highlight raus nehmen und vorstellen mit Naturkork und sonst alles mit Schraubverschluss für die breite Masse. Sterben in nur 30 Jahren oder einer Menschengeneration 70% aller Insekten – und was passiert? Sie leben doch in einem begnadeten Land wo Milch und Honig nur so fließt. Wie kommen Sie zu dieser Erkenntnis der Insekten? Ich habe schon seit Jahren zwei Nistkästen am Haus, besetzt mit Blaumeise und Feldspatz. Im Moment wird gefüttert, ich sehe das was sich dort bewegt, Raupen, Fliegen und was noch sonst an Insekten ohne Unterbrechung und das jetzt schon über 10 Tage vom Anbruch des Tages bis zum Anbruch der Nacht begleitet mit vielfachem Vogelgesang.

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