La Colle – die muntere Erntetruppe

La Colle

Traubenernte von Hand ist Knochenarbeit. Selbst im ländlichen Südfrankreich ist es heute fast unmöglich, eine einheimische Erntetruppe zu rekrutieren. Die Winzerfamilie Lignères arbeitet deshalb seit über 15 Jahren mit Bauernfamilien zusammen, die Jahr für Jahr mit dem Bus aus Andalusien anreisen.

Quesada ist ein kleines 500-Seelen-Dorf in Andalusien. Immer Mitte September steigen hier 30 Frauen und Männer, Jung und Alt, in einen alten klapprigen Bus. Im Gepäckraum lagert Proviant für einen ganzen Monat. Nach über 20stündiger Fahrt erreicht der Bus das kleine Winzerdorf Fontcouverte im südfranzösischen Languedoc. Auf dem Weingut der Familie Lignères beziehen die Erntehelfer aus Spanien für vier Wochen Quartier. Sie fühlen sich hier wie zu Hause, kochen und waschen selber und lassen nach Feierabend auch mal ein kleines Fest steigen.

Weinberg als «Hochzeitsfabrik»

So war es in den Vorjahren, so wird es heuer sein: «Es sind stets Leute aus mehreren Familien. Über all die Jahre ist so ein sehr herzliches und freundschaftliches Verhältnis entstanden. Auch die Erntehelfer untereinander kommen sich näher. In all den Jahren wurden bei uns im Weinberg schon fünf Hochzeiten angebahnt», erzählt Winzerin Anne Lignères. Sie begleitet la colle – so wird die Erntetruppe hier genannt – fast täglich in den Weinberg, schaut zum Rechten und koordiniert die Traubenlieferungen per Handy mit ihrem Mann Jean, der die Trauben im Keller in Empfang nimmt.

Zwei Frauen geben den Takt vor

Für die Erntearbeit gelten klare Regeln: Morgens früh lässt sich la colle auf dem Anhänger in den Rebberg chauffieren. Die Truppe ist aufgeteilt in sechs porteurs und 24 coupeurs. Mit andern Worten: Sechs Männer sammeln die von 24 Frauen und Männer gelesenen Trauben ein und tragen sie in ihrer Hutte zum Anhänger. Die beiden flinksten Ernterinnen heissen Joaquina und Lolli. Sie tragen den Titel mousseigne und geben für alle andern den Takt vor. «Wir müssen uns ganz schön sputen, um mit diesen beiden älteren Damen mithalten zu können», schmunzeln Kuka, Veronica und Jenifer – ein junges Frauentrio, das trotz harter Arbeit stets für ein Spässchen zu haben ist. Überhaupt verströmt die ganze Truppe fast ständig Fröhlichkeit und gute Laune im Weinberg. Die einen singen vor sich hin, andere plaudern miteinander. Und wenn Anne, la patronne, einmal gar eine halbe Stunde früher Feierabend gebietet, wird das mit einem freudigen Olé quittiert.

Juans Rückkehr in die Schweiz

Wenn la colle nach getaner Arbeit aufs Weingut zurückkehrt, wird aus frischem Gemüse und Obst vom Weingut und dem mitgebrachten Proviant das Nachtessen zubereitet. Juan, der Träger, überlässt das gerne den Frauen. Es kann sich das auch leisten, denn in diesem Jahr geniesst er einen besonderen Status: Die Familie Lignères widmet der Erntetruppe einen ihrer Weine. Er trägt den Namen La colle des Lignères. Jedes Jahr ziert das Konterfei eines Erntehelfers das Etikett. Für den Wein mit dem Jahrgang 2010, der jetzt trinkreif ist, fiel die Ehre Juan zu. Darauf ist er mächtig stolz: «Ich habe 17 Jahre bei der Paketpost in Zürich gearbeitet, ehe ich nach Andalusien heimgekehrt bin. Jetzt mit meinem Bild auf einer so guten Flasche Wein in die Schweiz zurückzukommen, ist einfach wunderbar.»

Hans Wüst

Redaktor bei Delinat
Der Mensch kann die Natur malträtieren oder in Harmonie mit ihr zusammenarbeiten. Egal, wofür er sich entscheidet, sie ist immer stärker. Weine, die im Einklang mit der Natur hergestellt werden, sind deshalb nicht nur besser, sie haben auch eine ganz andere Aura.
Hans Wüst

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